Statistik-Probleme Die Vermessung der Twitterwelt

"Meine Freunde twittern nicht." Mit diesen Worten läutete ein 15-jähriger Schülerpraktikant einer Bank die neuste Twitterkrise ein: Wer nutzt den Webdienst überhaupt? Lautstarke Antworten darauf müssen von Statistik-Anfängern kommen - aussagekräftige Daten fehlen.

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"Teenager nutzen Twitter nicht." Als Schülerpraktikant der US-Bank Morgan-Stanley sollte der 15-Jährige Matthey Robson aufschreiben, was seine Freunde im Netz treiben. Morgan Stanley veröffentlichte den Aufsatz, konnte sich vor Anfragen von "Dutzenden und Dutzenden Vermögensverwaltern und Geschäftsführern" nicht mehr retten. Die wollten wissen: Was hat es mit dem Twitter-Hype auf sich, was treiben Jugendliche denn nun im Internet?

Twitter-Nutzer: Valide Daten über die Verbreitung des Dienstes fehlen
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Twitter-Nutzer: Valide Daten über die Verbreitung des Dienstes fehlen

Die Schrift des jungen Robson rüttelte aber auch am Selbstbewusstsein all jener, die irgendwie vom Twitter-Hype profitieren wollen: Blog-Autoren, die Online-Presse, die Internet-Beratungsagenturen. Für sie hatte es Twitter geschafft, als ein Flugzeug spektakulär im Hudson River notwasserte und ein Zeuge binnen Minuten die ersten Fotos der geglückten Landung via Twitter veröffentlichte. Ebenso als die Krise im Iran eine Welle der Solidarität in dem Mikroblogging-Dienst nach sich zog und als die Nachricht von Michael Jacksons Tod erst Nachrichtenseiten, dann Twitter selbst in die Knie zwang.

Twitter
Prinzip
zu Deutsch zwitschern oder schnattern, ermöglicht es, kurze Textnachrichten als Mikroblog per SMS, Instant Messaging oder Web-Oberfläche zu veröffentlichen. Andere Nutzer können diese Meldung beispielsweise mit ihrem Mobiltelefon oder RSS-Reader verfogen. Der Dienst heißt Twitter, die SMS-ähnlichen Nachrichten Tweets. mehr zu Twitter auf der Themenseite
Geschäft
Twitter hat bislang kein Erlösmodell. Im Gespräch sind Werbung oder kostenpflichtige Twitter-Accounts für Unternehmen. Ende 2008 lehnte CEO Evan Williams ein Übernahmeangebot über 500 Millionen Dollar von Facebook ab. Akute Geldsorgen hat die Firma dennoch nicht - 55 Millionen US-Dollar Risikokapital hat das Unternehmen seit Gründung erhalten, zuletzt brachte eine Finanzierungsrunde noch einmal 35 Millionen US-Dollar.
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Aber wie verbreitet, wie bekannt, wie relevant für Durchschnittssurfer ist Twitter tatsächlich?

Um das zu sagen, mangelt es an verlässlichen Daten zur Internet-Nutzung und Internet-Demografie. Wie schwierig es ist, an die zu kommen, zeigen die Versuche von PR-Agenturen, New-Media-Beratern und etablierten Marktforschungsinstituten, die gefühlte Wichtigkeit von Twitter mit Zahlen zu untermauern.

Statistik: Irgendwer findet Twitter "cool"

Zum Beispiel die W3B-Umfrage der Marktforschungsagentur Fittkau & Maaß: Nur drei Prozent der deutschen Surfer nutzen demnach mindestens einmal pro Woche Mikroblog-Dienste wie Twitter, nur sechs Prozent schauen einmal pro Monat in die öffentlichen Kurznachrichten. Ihrer Meinung zufolge ist Twitter gerade bei den Jungen "cool".

Doch aus dieser Studie Schlüsse über die Gesamtbevölkerung zu ziehen, hält Jan Schmidt, Kommunikationswissenschaftler vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg, für problematisch.

Datenbasis der W3B-Studie ist die Selbstauskunft von Teilnehmern, die über zahlreiche Websites für die Untersuchung rekrutiert werden: Leute, die wahrscheinlich überdurchschnittlich aktiv im Internet sind. Damit sind die W3B-Ergebnisse zwar aufschlussreich und interessant, können aber strenggenommen nur einen Einblick in das Online-Leben der internetaffinen Studienteilnehmer bieten. Schmidt: "Für eine verlässliche Aussage über die deutsche Bevölkerung ist diese Stichprobe nicht geeignet."

Definitionsproblem: Mikroblogging

Das bestätigt auch Holger Maaß, Geschäftsführer von Fittkau & Maaß: "Die W3B-Studie ist als Studie über die Internet-Nutzerschaft angelegt, nicht über die Gesamtbevölkerung." Die W3B-Studie sei aber besonders geeignet, auch sehr kleine Nutzergruppen, etwa die von Twitter, zu beobachten. "Die W3B-Ergebnisse zum Thema Twitter basieren auf insgesamt 2.476 befragten Mikroblog-Nutzern." Twitter ist noch lange kein Massenphänomen.

Bleibt das Begriffe-Problem: Was ist dieses Mikroblogging überhaupt? Gehören dazu auch die Statusmeldungen bei Facebook und Xing, die Profilupdates bei MySpace und StudiVZ, die Shoutboxen und Sinnsprüche im Instant-Messenger-Profil? Jan Schmidt: "Wahrscheinlich sind viele Internet-Nutzer Mikroblogger, ohne es zu wissen."

Wie geht es besser?

Valide Daten sind teuer

Schmidt: "Es gibt nur zwei Möglichkeiten, an repräsentative Stichproben der Internet-Bevölkerung zu gelangen: die klassische Telefonbefragung oder ein Online-Panel, das typische Internet-Nutzer repräsentiert." Allein: Solche Online-Panels sind teuer und aufwendig, sie müssen über Jahre hinweg gepflegt und immer wieder erneuert werden. Für Holger Maaß nicht nur ein wirtschaftliches Problem: "Um in Deutschland 100 regelmäßige Twitter-Nutzer telefonisch zu befragen, müsste man rund 3000 Internet-Nutzer anrufen." Ein Aufwand, den sich nur wenige Marktforschungsinstitute wie Nielsen und Comscore leisten.

Deren Einschätzungen zur Verbreitung von Twitter und Co. in den Vereinigten Staaten fällt vergleichsweise vorsichtig aus: Immer mehr Menschen greifen auf die Twitter-Website zu. Wie viele aber als aktive Nutzer hängenbleiben, ist ungewiss. Den Großteil der Twitter.com-Surfer machen mit 41 Prozent die 35-49-Jährigen aus, wahrscheinlich gelangweilte Büroangestellte. Kinder und Jugendliche kommen in der Statistik kaum vor, Zahlen über junge Erwachsene will Nielsen lieber nicht veröffentlichen, dafür sei die Datenlage zu schlecht.

Solche Zahlen eigenen sich nur, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wer Twitter momentan nutzt. Klar ist aber auch: Die Twitterlandschaft ändert sich rapide. Jan Schmidt glaubt trotzdem, dass solche Dienst auch langfristig eher etwas für Erwachsene sind: "Was wollen Jugendliche im Internet? Das gleiche wie auch anderswo: Herausfinden, wer sie sind, wo sie in der Welt stehen." Das können sie viel besser in sozialen Netzwerken wie SchülerVZ oder Lokalisten, die ihr soziales Netz aus Schule, Nachbarschaft Verein wiederspiegeln.

Daten dazu hat Schmidt für seine Untersuchung " Jugendliche im Web 2.0" zusammengetragen. Ins selbe Horn stößt die " How Teens Use Media"-Studie von Nielsen: Wenn Teenager im Netz sind, dann suchen sie persönlichen Kontakt zu Gleichaltrigen - die sie auch kennen. Was eine Zeitung, ein Unternehmen, ein Politiker gerade twittert, ist ihnen reichlich egal.

Zu diesem Schluss kam Praktikant Robson durch bloße Beobachtung. Und so zeigt sich Schmidt auch versöhnlich mit den aktuellen Versuchen, das Phänomen Twitter statistisch zu erfassen: "Ein bisschen was zu wissen ist besser, als nichts zu wissen."

Soziale Netzwerke
Facebook
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Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook 845 Millionen aktive Mitglieder weltweit (Dezember 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite.
Google+
Google+ ist der Versuch, den sozialen Funktionen von Facebook und Twitter etwas entgegenzusetzen. Das soziale Netzwerk wurde im Juni 2011 gestartet und hat nach Firmenangaben rund 170 Millionen Nutzer (April 2012). Der Funktionsumfang ist rein aus Nutzersicht vergleichbar mit Facebook, Schnittstellen für externe Entwickler sind allerdings eingeschränkt. Google animiert seine Nutzer, das Netzwerk als zentralen Hub für seine Dienste zu nutzen. Mehr zu Google+ auf der Themenseite.
Twitter
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Der auf kurze Textnachrichten spezilalisierte Dienst Twitter wurde im Juli 2006 gegründet. Populär wurde der Dienst als Verteilnetzwerk für Links, Fotos und Videos. Twitter zählt nach eigenen Angaben mehr als 140 Millionen Nutzer (März 2012). Mehr zu Twitter auf der Themenseite.
Xing
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Nach eigenen Angaben hat Xing über 11,7 Millionen Mitglieder (Stand: Dezember 2011), etwa acht Prozent haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme. Mehr zu Xing auf der Themenseite...
StudiVZ
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess in StudiVZ, später finanzierten es vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007 übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben die Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net nach eigenen Angaben rund 17,4 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2011). Mehr zu StudiVZ auf der Themenseite...
Lokalisten
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten nach eigenen Angaben (Stand Juli 2010) inzwischen 3,6 Millionen Nutzer. Mehr zu Lokalisten bei Wikipedia...
Spin.de
Das 1996 in Regensburg gegründete Unternehmen Spin betreibt ein eigenes soziales Netzwerk, aber auch integrierte Unter-Communitys mit regionalem Fokus, die mit Partnern vor Ort (Lokalradios vor allem) betrieben werden. Nach eigenen Angaben (Stand Februar 2011) hat Spin.de eine Million aktive Mitglieder. Mehr zu Spin.de bei Wikipedia...
Wer kennt wen
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Seit Februar 2009 gehört das Netzwerk vollständig RTL Interactiv, die Gründer schieden Ende August 2010 aus. Das Netzwerk hat laut Betreiber über 9,5 Millionen Nutzer (Stand: Januar 2012). Mehr zu Wer-kennt-wen bei Wikipedia...
MySpace
MySpace war 2006 das populärste soziale Netzwerk in den USA. Ein Jahr zuvor war es von Rupert Murdochs News Corporation gekauft worden. Bekannt wurde es durch die Möglichkeit, Musik einzubinden. Künstler und Bands nutzten die Plattform als Marketingplattform. Zeitweise hatte MySpace mehr als 220 Millionen Nutzer, nach Berechnungen von Google rund 30 Millionen Nutzer (Dezember 2011). Mehr zu MySpace auf der Themenseite...



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