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Strategiewechsel: Google News macht Nachrichtenseiten Konkurrenz

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Bisher galt Google News als reine Aggregatoren-Seite: Sie führte den Nachrichten-Anbietern Leser zu. Das könnte sich jetzt ändern. Googles Angebot bringt jetzt selbst Nachrichten - und macht Zeitungsseiten direkte Konkurrenz.

Der Suchmaschinenkonzern Google hat erstmals einen Vertrag mit vier Nachrichtenagenturen - AFP, AP, Canadian Press und Press Association - abgeschlossen, der deren Inhalte direkt auf den Seiten von Google News einbinden wird.

Es gibt Nachrichten, die selbst Agenturen lieber diplomatisch verpacken. Dass Google News, bisher eine reine Aggregatorenseite, die Nachrichten aus dem Web als Links präsentiert und so beispielsweise Zeitungsseiten Leser zuführt, nun auch selbst die Nachrichten von vier großen Nachrichtenagenturen veröffentlicht, verkaufen sowohl Google als auch Vertreter der Agenturen als Gewinn für alle.

Das Maß der Uniformität: Aus einer Agenturmeldung werden 1623 Nachrichten

Das Maß der Uniformität: Aus einer Agenturmeldung werden 1623 Nachrichten

So zitiert die Agentur AFP in einer Meldung zum Thema ihren eigenen Chef Pierre Louette: Der Deal spiegele Googles Respekt für die Qualität der Arbeit der Agenturen wider und sei geeignet, deren verschiedene Blickwinkel auf die Geschehnisse in aller Welt besser darzustellen. Louette: "Das wird einen doppelten Effekt haben: Es wird den Zugang zu den Weltnachrichten erleichtern und die Nutzer ermutigen, zu anderen Medienseiten zu surfen, vor allem wegen Kommentaren und Analysen."

Das ist schön und treffend gesagt, wenn auch nicht geradeaus. Man könnte es auch so fassen, wie dies AP-Korrespondent Michael Liedtke vorzieht: "Dies könnte den Internetverkehr zu anderen Medienseiten, wo diese Nachrichten und Fotos auch zu sehen sind, schwinden lassen - eine Entwicklung, die die Online-Werbeumsätze von Zeitungen und Sendern reduzieren könnte."

Genau darum geht es. Als einzige der Agenturen - AFP, AP, Canadian Press und Press Association - hat sich AP offenbar dazu entschieden, die kommende Diskussion direkt zu adressieren. Liedtke nennt selbst den möglichen Streitpunkt direkt beim Namen: Der Deal könnte Medienhäuser irritieren, die für die Leistung der Nachrichtenagenturen bezahlen. Die konkurrieren nun via Google News quasi mit der eigenen Kundschaft.

Alles halb so schlimm?

Das aber sollte nur minimale Effekte haben: Google News kommt gerade einmal auf 9,6 Millionen Nutzer im Monat (Juli 2007), im gleichen Zeitraum bringt es das vergleichbare Angebot Yahoo News auf 33,8 Millionen. Insgesamt entfielen nur knapp 2,2 Prozent des Web-Traffics der US-Nachrichtenseiten auf Leser, die ihnen von Google News zugeführt wurden.

Doch die Quantitäten sind nur eine Seite der Medaille. Schon jetzt zeigen Aggregatorenseiten wie Google vor allem eines: Das Ausmaß, in dem Nachrichtenseiten bei hoch aktuellen Nachrichten natürlich am Tropf der Agenturen hängen. So basierten heute beispielsweise über 1600 Veröffentlichungen einer Nachricht, die bei Google News abrufbar war, auf einer AFP-Meldung (siehe Bild). Die stand nun ganz oben in der Übersicht - weiteres Lesen überflüssig?

Nein, meint Josh Cohen, US-Chef von Google News: Google sei es doch immer darum gegangen, so viele Perspektiven einer Nachricht zu zeigen, wie möglich. Die originären Kommentare und Analysen recherchierender Journalisten seien aber doch in der Uniformität der oft tausendfach wiederholten Agenturmeldung untergegangen. Jetzt bestehe die Chance, diesen journalistischen Facettenreichtum besser darzustellen und den eigenständigen Leistungen der Nachrichtenseiten Leser zuzuführen.

Das ist diplomatisch, hat aber einen sehr wahren Kern: Der Algorithmus von Google belohnt tatsächlich Uniformität. Die Suchmaschine hält eine Nachricht, die tausendfach gebracht wird, für relevant, während der originäre Einzelartikel geringere Chancen hat, überhaupt aufzutauchen.

Ist die Kooperation mit den Agenturen also letztlich ein Dienst an deren Kunden? Auch das ist eine zwiespältige Sache. Es mag die Online-Publisher unter Druck setzen, mehr originäre Qualität zu produzieren. Es könnte aber auch das Geschäft zwischen Agenturen und Kunden beschädigen, wie Thomas Claburn in der "InformationWeek" argumentiert: "Wenn die meisten Leute dabei landen, das Quellenmaterial bei Google News zu lesen, könnten Verleger, die weit verbreitetes Agenturmaterial kaufen, entdecken, dass beispielsweise AP-Artikel weniger Leser finden."

Und dann? Das Geschäft der Agenturen läuft seit langem nicht mehr so gut wie annodunnemals. An ihnen, erklärt Googles Josh Cohen in einem Blog-Eintrag, ging der Boom des Online-Publishing vorbei. Sie hätten keinen Anteil an den Leserströmen, die ihren Artikeln auf den Seiten ihrer Kunden zur Verfügung gestellt würden.

Geldsorgen: Wer nicht will, der muss

Zugleich, erklärt Liedtke in seinem AP-Artikel, hätten die Agenturen ihre Preise in Anbetracht der seit Jahren andauernden Medienkrise eingefroren, die AP erst in diesem Jahr. Der Direktverkauf von Inhalten an Web-Publisher bekomme dadurch im Refinanzierungsmix der Agenturen ein größeres Gewicht.

Was, obwohl niemand näheres zu den Verträgen zwischen den Agenturen und Google sagen will, darauf hindeutet, in welche Richtung hier Gelder fließen.

Obwohl Google die Agenturmeldungen auf Unterseiten darstellt, die in deren Design daherkommen und nicht als Google-Seiten, verbleibt der Leser dabei unter Googles Internet-Domain - und erhöht so potenziell die Nutzerzahlen und verbessert so die Marktposition der Sammelseite. Werbung soll es auf diesen Seiten vorerst nicht geben.

Und bisher fallen sie auch nicht so sehr auf, wie man das vermuten könnte: Google vermeidet es bisher weitgehend, die originale Agenturmeldung prominent über deren Versionen auf anderen Webseiten zu platzieren. Alles halb so schlimm also? Kommt darauf an, wie es weitergeht.

Wenn vor allem die negativen Nebeneffekte des Deals greifen sollten, werden sie - wie könnte es anders sein? - vor allem die treffen, die das am wenigsten verkraften können.

Es sind die kleinen Seiten, die wirtschaftlich schwachen Zeitungen, die am stärksten von den Agenturen abhängig sind. Am Tropf der Agenturen mögen alle hängen, eine starke Redaktion aber belässt es nur in Ausnahmefällen bei deren Informationen. Wenn alles gut läuft, ist die schnelle Meldung einer Agentur nur die Initialzündung für weitere Recherchen, Einordnungen und Bewertungen. So sollte das eigentlich sein.

Der Aufruf an die Nachrichtenmacher, sich mit eigenen Perspektiven, Kommentaren, Nachrichten und Analysen von der reinen Agenturmeldung abzusetzen, klingt trotzdem besser, als er ist: Das kann man nur, wenn in den Redaktionen überhaupt noch genügend Leute sitzen. Bei viel zu vielen Medienhäusern ist das nicht mehr der Fall.

Bei Google News sitzt übrigens angeblich niemand: Die Seite wird automatisiert zusammengestellt. Doch kann ein reines Meldungsbukett ein redaktionell gestaltetes Produkt ersetzen?

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Forum - Was wird aus Google?
insgesamt 47 Beiträge
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1. Solange Ihr gratis(??) Werbung für sie macht müssen die doch keine Angst haben...
archontas 21.06.2007
Also, das beste an Google finde ich, dass alle und insbesondere Ihre Konkurrenten wie z.B. der Spiegel (ich meine , wenn der Spiegel dann irgendwann mal nur noch via Google seine online Werbung schalten kann...alles klar?) dazu bringen über sie zu schreiben. So ein halli als YouTube gekauft wurde. Die haben ja durch die "gratiswerbung" an diesem Tag so viel Imagekampagne betrieben für das ein normales Unternehmen Milliarden ausgeben muss!!! Und um was ging es dabei? um ein Videoportal wo mickrige Videos gezeigt werden!! und das in einem Zeitalter wo alle Konsumenten von HDTV reden auf min. 106er Bildschirmen. Also bitte. So lange ihr für google kostenlos (??ist das so oder geben die euch was dafür) Werbung macht kann denen nichts passieren.
2.
Boone 21.06.2007
Da Google zur Zeit quasi eine Monopolstellung inne hat, muss natürlich ein Gegenpol geschaffen werden, denn wie auch sonst im Leben gilt: unbegrenzte Macht korrumpiert unbegrenzt. Die europäische Suchmaschine QUERO wäre wie geschaffen dafür diese Konkurrenz zu sein, leider verzetteln sich die Europäer mal wieder in sinnlosen formalen Streitereien anstatt das Ziel im Auge zu behalten. Das die Telekom ihre technische Beteiligung an QUERO aufgeben hat, kann, wenn man die Qualität der Telekom-internen eigenen knowledgebases kennt, nur begrüßt werden.
3. Google wird seine Macht noch verstärken.
Incubator, 21.06.2007
Schon jetzt ist Google keine bloße Such maschine mehr, sondern Google macht bereits Politik. So werden z.B. Seiten von den Suchergebnissen gebannt (ausgeschlossen). Die Gründe sind oft nicht nachvollziehbar. Schreitet Google bei seinen Suchergebnissen ein, stehen Existenzen auf dem Spiel. Jeder Shop der von den Suchanfragen durch Googler lebt, steht in einer absoluten Abhängigkeit. Laut AGBs hält sich Google das Recht vor jede Seite auszuschließen... Dazu kommt das Google Politik bei den Google Adwords macht. Für einige Dinge darf nicht geworben werden wie: Glückspiel, Pornographie aber auch Feuerwerksverkauf(?). Googles Überwachung dabei ist sehr willkürlich, einige dürfen Werben andere nicht. Auch hier gilt: einmal von Google in eine Schublade gesteckt so hat man nur noch wenig Chanchen in der "Googleworld" dabei zu sein. Wie so oft fürchte ich, dass je mehr Macht im Spiel ist, desto größer wird die Versuchung Sie zu missbrauchen. Mir macht Google Angst.
4. Angucken: es lohnt sich
SirRobin 21.06.2007
Sodele, bin mal gespannt ob das Posting die Spiegel-Zensur übersteht ;-) keine Ahnung wie es hier mit Links ist... Schaut euch das hier an, ist von ner deutschen Hochschule und absolut sehenswert. Wer sich für den Inhalt nicht erwärmen kann, dann zumdinest für die Machart: http://masterplanthemovie.com/ Vielleicht kennen es die meisten ja schon - wer weiß...
5. Little Big Brother
LouisWu 21.06.2007
Zitat von SirRobinSodele, bin mal gespannt ob das Posting die Spiegel-Zensur übersteht ;-) keine Ahnung wie es hier mit Links ist... Schaut euch das hier an, ist von ner deutschen Hochschule und absolut sehenswert. Wer sich für den Inhalt nicht erwärmen kann, dann zumdinest für die Machart: http://masterplanthemovie.com/ Vielleicht kennen es die meisten ja schon - wer weiß...
Guter Film, und ich denke, die dort geäußerten Befürchtungen sind zumindest nicht ganz von der Hand zu weisen. Google wird mit seinen Petabyte-Speichern über kurz oder lang das gesamte Wissen der Welt abgespeichert haben, einschließlich persönlicher Dinge, wie z.B. unsere Beiträge im SPON-Forum, aus denen man natürlich auch fantastische Persönlichkeitsprofile erstellen kann. Das die US-Geheimdienste auf dieses Wissen nicht verzichten wollen, kann ich mir gut vorstellen. Andererseits: Man kann natürlich auch ohne Google leben, falls sich herausstellt, dass Missbrauch mit den Daten getrieben wird. Google ist also nur so lange groß, wie die Nutzer Vertrauen haben und mitziehen, eine Benutzungspflicht existiert (noch) nicht. Grüße, LouisWu
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