Stratfor-Hack WikiLeaks veröffentlicht Mails von US-Sicherheitsfirma

Fünf Millionen E-Mails aus sieben Jahren: Die Enthüllungsplattform WikiLeaks publiziert interne Nachrichten der US-Strategieberatungsfirma Stratfor. Die Nachrichten beschreiben Ermittlungsmethoden, die an Geheimdienste erinnern. Das Unternehmen verweigert jeden Kommentar.

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dapd

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Hamburg - Die Enthüllungsplattform WikiLeaks hat damit begonnen, E-Mails des US-Unternehmens Stratfor zu veröffentlichen. Bislang hat WikiLeaks gut 150 Nachrichten veröffentlicht. Insgesamt sei man im Besitz von etwa fünf Millionen Nachrichten, behauptet WikiLeaks. Diese sollen aus der Zeit zwischen Juli 2004 und Ende Dezember 2011 stammen. WikiLeaks kooperiert eigenen Angaben zufolge bei der Publikation mit diversen internationalen Medien, darunter "La Repubblica" und "L'Esspresso" aus Italien, dem "Rolling Stone" und auch der ARD. Die meisten der genannten Medienhäuser haben bislang keine Informationen aus dem angeblichen Stratfor-E-Mail-Bündel veröffentlicht. Einzig die französische Web-Publikation Owni, die ebenfalls auf der Liste der WikiLeaks-Partner auftaucht, zitiert bereits am Montagmorgen in einem Artikel aus diversen Stratfor-E-Mails.

Im Dezember 2011 hatten Anonymous-Aktivisten angeblich Zehntausende Kreditkarten-Informationen von Stratfor-Abonnenten und Millionen interne E-Mails kopiert und zum Teil veröffentlicht. Die nun von WikiLeaks veröffentlichten E-Mails stammen wahrscheinlich aus diesem Hack. Unter dem Twitter-Account @AnonymousIRC kündigte am Montag ein Aktivist an: "Wir haben euch diese E-Mails versprochen, nun werden sie geliefert. Fünf Millionen E-Mails zu eurer Belustigung."

Stratfor will die Echtheit der nun veröffentlichten Nachrichten weder bestätigten noch dementieren. Das Unternehmen teilte mit: "Einige der Nachrichten könnten gefälscht oder verändert worden sein, einige können authentisch sein. Wir werden weder das eine noch das andere bestätigten."

"Finanzielle, sexuelle oder psychologische Kontrolle übernehmen"

Einige der veröffentlichten Nachrichten geben - vorausgesetzt sie sind echt - einen Hinweis auf die Arbeitsweise von Stratfor. In einem E-Mail-Wechsel zwischen dem Firmengründer und einer Analystin beschreibt der Stratfor-Chef die Arbeitsweise bei der Quellenführung so: "Wenn Sie vermuten, dass diese Quelle wertvoll ist, müssen Sie Kontrolle übernehmen, finanzielle, sexuelle oder psychologische." Die Analystin solle ihren Informanten dazu bringen, die Grundlagen seines Wissens zu offenbaren und Aufgaben zu übernehmen. Firmengründer Friedman schrieb der Veröffentlichung zufolge an seine Analystin: "Deshalb möchte ich, dass du Missionen übernimmst, damit du lernst, Quellen zu beurteilen. Das ist eine schwierige Kunst, aber eine, die du lernen musst. Dem Bauchgefühl kann man erst trauen, wenn es gut trainiert worden ist."

Über den Gesundheitszustand von Venezuelas Präsident Hugo Chavez werden daraufhin detaillierte Informationen weitergereicht: Wo ein Tumor entstanden sei, wohin sich der Krebs anschließend ausgebreitet habe, wo sich später weitere Metastasen gebildet hätten. Berichtet wird auch, Chavez habe seine Chemotherapie für einen Auftritt bei einem Treffen der Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten (CELAC) vorübergehend unterbrochen. Er sei ein "schlechter Patient", der sich nicht an die Ratschläge seiner Ärzte halten wolle.

Kanzlei berät zu Auslandszahlungen

In einigen der nun veröffentlichten E-Mails finden sich auch Hinweise auf Zahlungen an mögliche Informanten. In einem Nachrichten-Austausch Mitte 2011 beraten ein Stratfor-Mitarbeiter und ein Jurist, wie Zahlungen an freie Stratfor-Mitarbeiter im Ausland abzuwickeln seien. Der Jurist warnt, man müsse sicherstellen, dass die "Empfänger tatsächlich freie Mitarbeiter und nicht Angestellte sind. Zudem muss ein Mechanismus sicherstellen, dass wir belegen können, dass es sich nicht um verbotene Zahlungen handelt, die beispielsweise der Foreign Corrupt Practices Act untersagt".

Zu diesem heiklen Thema äußert sich auch der Stratfor-Gründer in einer E-Mail im Mai 2011. In der Nachricht, deren Echtheit nicht mit letzter Sicherheit bestätigt ist, schreibt der Geschäftsführer: "Wir werden eine Kanzlei beauftragten, Richtlinien im Hinblick auf den Foreign Corrupt Practices Act zu erarbeiten. Ich habe nicht die Absicht, als Straftäter dazustehen und ich will nicht, dass die irgendjemandem hier passiert." Man brauche einige klare Regeln zum rechtskonformen Verhalten, insbesondere wegen des Ausbaus der "Aufklärungsfähigkeiten" ("intelligence capability").

Aufklärung für Unternehmen

Es ist schwierig, eine eindeutige Bezeichnung für die Arbeit von Stratfor zu finden. In einer E-Mail aus dem Juli 2011 versucht die Firma in einem Dokument mit dem Titel "Das Geschäftsmodell von Stratfor", den eigenen Analysten eine klare Sprachregelung dazu zu liefern. In dem Dokument, dessen Echtheit Stratfor weder bestätigt noch dementiert, heißt es:

"Stellt euch unsere Firma als Verlag vor, der Nachrichten schreibt, basierend auf nachrichtendienstlichen, weniger auf journalistischen Methoden. Das bedeutet: Wir haben Leute vor Ort, die Informationen sammeln und an Analysten liefern, die diese verstehen und an Autoren weiterleiten."

Stratfor sieht sich nicht als Beratungsfirma. In der Selbstdarstellung heißt es, man betreibe zwar auch Aufklärung für Unternehmen, die "seit langer Zeit zu unseren kunden zählen". Aber gegenwärtig würden 90 Prozent des Umsatzes aus dem Geschäft mit Veröffentlichungen kommen.

Laut den Angaben in diesem Dokument hat Stratfor 292.000 Abonnenten, 100 Mitarbeiter in den USA und "Informanten auf der ganzen Welt", die aus den Aboerlösen finanziert werden. Ein Stratfor-Mitarbeiter schrieb Anfang 2012 an SPIEGEL ONLINE, man sei keine "Sicherheitsberatungsfirma", sondern ein Anbieter von "geopolitischen Analysen". Wörtlich hieß es in der Nachricht: "Wir konzentrieren uns nicht auf Sicherheit, sondern auf Geopolitik."

In den nun veröffentlichten E-Mails finden sich allerdings Hinweise aufs Beratungsgeschäft und Interessen außerhalb der Geopolitik im strengen Sinne. So teilt der Firmengründern seinen Mitarbeitern in einem Rundmail mit, das United States Marine Corps und "andere Nachrichtendienste der Regierung" hätten Stratfor um Schulungen dazu ersucht, "wie Stratfor tut, was es tut." Ziel sei es, diese Organisationen zu unterrichten, damit sie "Regierungs-Stratfors" werden können. Zudem deuten mehrere E-Mails darauf hin, dass Stratfor-Mitarbeiter Informationen über Aktivisten sammelten, die Protestaktionen gegen US-Chemieriesen im Zusammenhang mit einem Jahrestag der Bhopal-Katastrophe planten.

mit Material von dpa

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
robert.haube 27.02.2012
1. SPIEGEL nicht dabei
Das ist ja ganz was neues: Der SPIEGEL kann nur noch sekundär berichten. Scheinbar ist der SPIEGEL ist bei wikileaks in Ungnade gefallen und nicht mehr dabei. So,so. Wird er mittlerweile als Propaganda-Organ eingeschätzt ? Könnte man durchaus verstehen.
bundesnetzagent 27.02.2012
2.
Zitat von sysopdapdFünf Millionen E-Mails aus sieben Jahren: Die Enthüllungsplattform WikiLeaks publiziert interne Nachrichten der US-Strategieberatungsfirma Stratfor. Die Nachrichten deuten auf nachrichtendienstliche Quellenführung hin - das Unternehmen verweigert jeden Kommentar. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,817759,00.html
Ich halte das für eine strafbare Handlung und finde es äußerst zweifelhaft, dass Wikileaks sein "Geschäftsmodell" auf strafbaren Handlungen aufbaut. Die genannten "Anonymous-Aktivisten" als solche zu bezeichnen anstatt sie als das, was sie sind, nämlich als "Kriminelle" halte ich für seitens des SPON mindestens für eine parteiische Verharmlosung. Es ist halt - wie so oft - eine Frage des Standpunktes, ob man handelnde Personen als "Terroristen" oder als "Kriminelle" bezeichnet oder als "Freiheitskämpfer" oder als "Aktivisten."
exminer 27.02.2012
3. Dieses Leck
verlangsamt die Entwicklung möglicherweise ein wenig, aber das Drehbuch verlangt eine weitergehende Durchführung. Die Begriffe "Freiheit und Demokratie" sind inzwischen so hohl, daß man laufend heiße Luft benötigt damit sie nicht zusammenfallen.
wahlossi_80 27.02.2012
4.
Zitat von bundesnetzagentIch halte das für eine strafbare Handlung und finde es äußerst zweifelhaft, dass Wikileaks sein "Geschäftsmodell" auf strafbaren Handlungen aufbaut. Die genannten "Anonymous-Aktivisten" als solche zu bezeichnen anstatt sie als das, was sie sind, nämlich als "Kriminelle" halte ich für seitens des SPON mindestens für eine parteiische Verharmlosung. Es ist halt - wie so oft - eine Frage des Standpunktes, ob man handelnde Personen als "Terroristen" oder als "Kriminelle" bezeichnet oder als "Freiheitskämpfer" oder als "Aktivisten."
In Zeiten wie diesen, in denen Regierungen, Konzerne, Banken und andere Institutionen hochgradig kriminell handeln, indem sie lügen, morden, betrügen und illegale Kriege führen, ist das, was WikiLeaks macht, ein Akt der Selbstverteidigung. Nicht die, die Licht in die Räuberhöhle bringen, sind die Räuber. Die Verschwiegenheit der Mächtigen ist eine latente Gefahr für den Weltfrieden. Wir brauchen eine INFORMIERTE Öffentlichkeit, stattdessen werden wir desinformiert und pausenlos "unterhalten". Auch SPON betreibt systematische Desinformation z.B. beim Thema Syrien. Und das Menetekel des "internationalen Terrorismus" zeigt so offenkundige Spuren von Vertuschung, dass WikiLeaks für all die Werte eintritt, die uns ansonsten auf Raten entrissen werden würden.
exminer 27.02.2012
5. Vor dem Gesetz
Zitat von bundesnetzagentIch halte das für eine strafbare Handlung und finde es äußerst zweifelhaft, dass Wikileaks sein "Geschäftsmodell" auf strafbaren Handlungen aufbaut. Die genannten "Anonymous-Aktivisten" als solche zu bezeichnen anstatt sie als das, was sie sind, nämlich als "Kriminelle" halte ich für seitens des SPON mindestens für eine parteiische Verharmlosung. Es ist halt - wie so oft - eine Frage des Standpunktes, ob man handelnde Personen als "Terroristen" oder als "Kriminelle" bezeichnet oder als "Freiheitskämpfer" oder als "Aktivisten."
sind alle gleich, so heißt es doch. Aber es sind manche gleicher und da liegt der Hase im Pfeffer. Dieses Dasein ist Kampf und die Waffengleichheit sollte in einer Demokratie bestehen, nur ist das eine Illusion und dieses Manko versuchen einige auszugleichen. Es gibt zu viele Geheimnisse und die Köpfe unsere Zeitgenossen werden vorsätzlich zugemüllt, damit diese Problematik nicht publik wird.
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