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Streamingdienst Shadow im Test

Wir haben uns einen Turbo-Rechner gemietet

Sie würden gern aktuelle PC-Games spielen, haben aber nur einen alten Computer? Ein neuer Streamingdienst löse solche Probleme, heißt es. Unser Autor hat ihn ausprobiert - mit einem abgewrackten Laptop.

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Montag, 10.09.2018   11:48 Uhr

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Eins ist klar: Mein 200-Euro-Notebook, das ich für diesen Test entstaubt habe, eignet sich keinesfalls für Spiele. Nicht einmal Titel wie "Candy Crush" laufen auf dem sechs Jahre alten Gerät flüssig. Das nervt, macht es aber zum idealen Testrechner für den neuen Streamingdienst Shadow.

Shadow ist dieser Tage in Deutschland gestartet und verspricht vereinfacht gesagt, dass sich dank ihm selbst ausrangierte PC nutzen lassen wie High-End-Rechner. Dahinter steckt das französische Unternehmen Blade, das Nutzer ansprechen will, die keine Lust darauf haben, sich ständig neue Hardware anzuschaffen.

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Für seine derzeit 25.000 Abonnenten hat der Konzern weltweit fünf Rechenzentren eingerichtet, etwa in Frankreich, den USA und den Niederlanden. Deutschland ist mit dem Rechenzentrum in Amsterdam verbunden. Der Deal: Für 360 Euro pro Jahr können die Nutzer über das Internet auf die Power-Hardware zugreifen, ein Abo für einen Monat kostet 45 Euro.

Blade bietet seine Zugangssoftware für Macs, Windows-Rechner und Android-Mobilgeräte an, eine iOS-App von Shadow soll noch dieses Jahr folgen. Die Geräte werden über sie mit dem Miet-PC im Rechenzentrum gekoppelt.

Bitcoin-Schürfen ist verboten

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Wir haben den Dienst mit dem alten Windows-Notebook, einem Macbook Pro und einem Nexus-5-Smartphone ausprobiert, das Prinzip ist auf allen Geräten dasselbe: Auf die Bildschirme der Abonnenten wird übers Internet ein Videosignal vom Leihrechner übertragen, mit dem sich per Maus und Tastatur interagieren lässt. Im ersten Schritt wird Windows 10 neu eingerichtet, dann darf sich der Nutzer austoben und Programme wie die Spieleplattform Steam installieren. Bitcoin-Schürfen dagegen ist nicht erlaubt.

Läuft die Shadow-Software im Vollbildmodus, vergisst man beinahe, dass man einen Rechner fernsteuert. Die Windows-Oberfläche reagiert schnell, Fenster wechseln flott. Vor allem das Surfen macht Spaß, denn der Leihrechner wählt sich im Rechenzentrum über eine Gigabit-Leitung ins Internet ein und lädt Daten mit bis zu 1000 MBit pro Sekunde herunter und mit bis zu 100 MBit hoch. In weniger als zwei Minuten ist ein Download mit vier Gigabyte erledigt.

Wer einen Mac benutzt, muss allerdings umdenken. Die Befehlstaste wird zur Windows-Taste und Sonderzeichen wie "@" lassen sich auch nicht mehr so leicht finden.

Blade Group

Der Nutzer darf auf dem Rechner so lange Programme installieren, bis die Festplatte mit 256 Gigabyte voll ist.

Besonders schwer fällt die Steuerung auf dem Android-Smartphone, da schlicht der Windows-Desktop angezeigt wird. Ein bisschen besser wird es, wenn man das Leih-Windows auf den Tablet-Modus umstellt. Doch selbst dann hat man ohne Maus und Tastatur nur wenig Freude. Wer plant, das Shadow-Streaming unterwegs zu nutzen, sollte übrigens auf jeden Fall vorher wissen, dass ein Video übertragen wird und der Streamingdienst so dauerhaft am Datenvolumen nuckelt.

Eine ordentliche Leistung

Die Performance des Leihrechners kann sich sehen lassen. Im Benchmark-Tool 3DMark erreicht der Shadow-PC eine Punktzahl von 5600. Teure Spielecomputer schaffen zwar mehr, das Ergebnis ist aber besser als das eines Durchschnittscomputers. Für aktuelle PC-Spiele reicht die Hardware locker.

Vor allem die mit einer Nvidia 1080GTX vergleichbare Grafikkarte überzeugt beim Ausprobieren und stellt rechenintensive Spielszenen mit einer Rate von mehr als 30 Bildern pro Sekunde dar. Der Shadow-Leihrechner überlässt jedem Nutzer zwölf Gigabyte an RAM und 256 Gigabyte Festplattenspeicher. Die Intel-Xeon-E5-Prozessoren mit acht Kernen teilen sich bis zu drei Abonnenten.

Breithut

Mit Shadow wird auch ein alter 200-Euro-Laptop zum Gaming-PC. Profispieler dürften allerdings vor den Latenzen zurückschrecken.

In unserem Test laufen auch anspruchsvolle Spiele wie "Jurassic World Evolution" mit allen Details absolut flüssig auf unserem 200-Euro-Laptop. Auch Multiplayer-Actionspiele wie "Fortnite" lassen sich plötzlich gut darauf zocken.

Nicht für jeden das Richtige

Onlinespieler mit Ansprüchen werden mit Shadow wohl trotzdem nicht glücklich. Vor allem abends sind beim Spielen deutliche Verzögerungen zu spüren. Die Streaming-Software hakt dann bei schnellen Spielen immer wieder, sodass man einen Nachteil gegenüber anderen Spieler hat.

Laut Blade liegt das nicht an der Shadow-Software. "Das hängt leider mit den Internetanbietern zusammen, wenn mehrere Leute zu Stoßzeiten gleichzeitig im Internet sind", sagt Marcus Bläsche, der Blade in Deutschland vertritt. Man wolle mit Internetanbietern kooperieren, "um solche Situationen zu beheben".

Wer ohnehin am liebsten offline und gegen Computergegner spielt, wird von den Verzögerungen kaum etwas merken. Denn in Sachen Bandbreite ist Shadow nicht sonderlich anspruchsvoll. 15 MBit pro Sekunde sind die Mindestanforderung für das Streaming. Wir nutzten den Dienst mit einem 16-Mbit-DSL-Anschluss und hatten auch bei einer Full-HD-Auflösung selbst dann keine Probleme, wenn mal nur 10 MBit pro Sekunde über die Leitung kamen. Bei einer 50-MBit-Leitung kommt das Bild in 4K an.

So gut das Spielen und Surfen klappt, für geschäftliche Zwecke sollte man die Streaminglösung bislang wohl nicht einsetzen. Zwar werden die Daten im Rechenzentrum nach Angaben von Blade überwacht. Der Stream wird aber derzeit noch unverschlüsselt an die Server geschickt. Das soll sich nach Angaben des Anbieters noch ändern. Die Entwickler wollen zunächst eine Art VPN-Tunnel zwischen Nutzer und Server einrichten. "In ferner Zukunft", so schreibt der Konzern, sollen die Daten dann auch mit einer SSL-Verschlüsselung gesichert werden.

Fazit

Wer schnelles Internet hat und ohne Rechnerneukauf einen leistungsstarken PC nutzen will, der ist bei Shadow an der richtigen Adresse. Der Turbo-PC punktet mit seiner Performance, für die 360 Euro jährlich fällig werden. Wer sich nur für Spiele interessiert und nicht auch noch für leistungshungrige Videoschnitt- und Tonstudiosoftware für Windows, bekommt für das Geld aber auch eine Spielekonsole.

Verglichen mit anderen Spiele-Streamingangeboten sind die Shadow-Gebühren ohnehin ziemlich happig. Während Flatrates wie Playstation Now für 15 Euro im Monat mehrere Hundert Spiele bieten, müssen Shadow-Nutzer ihre Titel immer noch selbst kaufen. Auch Onlinezocker, für die jede Verzögerung zum Spielnachteil werden kann, sollten lieber auf eigene Hardware setzen.

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