Streaming-Software Popcorn Time Schick, hip, illegal

Die Video-Streaming-Plattform Popcorn Time erntete vielerorts begeisterte Kritiken: Eine bessere Benutzeroberfläche als Netflix wurde ihr zum Beispiel bescheinigt. Das Problem ist nur: Das Programm ist hochgradig illegal. Kurze Zeit verschwand es, nun ist es wieder da.


Das "Time"-Magazin formulierte es so: "Popcorn Time ist beängstigend gut in Filmpiraterie." Die US-Ausgabe der "Huffington Post" schrieb: "Das Geniale an Popcorn Time ist, dass es sich so einfach bedienen lässt, dass die Leute womöglich nicht mal merken, dass sie etwas Illegales tun." Die Software für Mac, PC und Linux ließ sich einfach installieren und noch leichter benutzen. Sie brachte Filme auf den Rechner, und zwar einschließlich brandneuer Kinoware. Kostenlos, und selbstverständlich vollkommen illegal.

Die Benutzeroberfläche der Software ist schlicht und elegant, die Auswahl nicht unbegrenzt - weit kleiner als bei legalen Streaming-Angeboten -, aber dafür ausgesucht: Neben ein paar Klassikern sind brandneue Titel dabei, die gerade erst im Kino laufen. Sogar Untertitel in diversen Sprachen ließen sich auf Wunsch dazuschalten. All das war natürlich zu schön, um wahr zu sein.

"In einigen Ländern möglicherweise illegal"

Es funktionierte nur, weil sich Popcorn Time aus illegalen Quellen bediente: Die App, die als Open-Source-Projekt entstanden war, speist sich aus BitTorrent-Verzeichnissen. Jeder Nutzer, der sich auf diese Weise einen Film ansieht, bezieht die Datei tatsächlich von anderen Nutzern, auf deren Rechnern sie ganz oder teilweise lagert - und stellt seinen Rechner seinerseits als Teil des Netzwerks zur Verfügung. Mit anderen Worten: Genau wie bei der Nutzung einer gängigen BitTorrent-Software macht sich der Nutzer in dem Moment, in dem er sich darüber einen illegal kopierten Film ansieht, einer Urheberrechtsverletzung schuldig.

Den Schöpfern von Popcorn Time, der Selbstbeschreibung zufolge "ein Haufen Geeks aus Buenos Aires", ist all das selbstverständlich bewusst. Wer die Software installiert, bekommt als erstes ein Warn-Fenster zu sehen. Die Benutzung könne "in einigen Ländern möglicherweise illegal sein", heißt es dort, man fahre auf eigene Gefahr fort.

"Piraterie ist ein Serviceproblem"

Nachdem die elegante Piratensoftware in den USA eine Welle massenmedialer Aufmerksamkeit erlebt hatte - sogar die "Washington Post" titelte: "Wie Sie auf Ihrem Computer beliebige Filme kostenlos ansehen können" - wurde es den Schöpfern von Popcorn Time aber offenbar doch zu heiß. Das Projekt habe gezeigt, dass Piraterie "ein Serviceproblem" sei, schrieben sie in einem Blog-Eintrag.

Der Filmbranche rieten sie, doch lieber "höflich um ein Paar Dollar zu bitten", die Nutzer sicher gern bezahlen würden, "wenn sie sich dann die Filme ansehen können, die sie möchten". Viele der bei Popcorn Time angebotenen Titel sind bei legalen Streaming-Plattformen tatsächlich noch nicht verfügbar, weil die Filmbranche in der Regel an ihrer etablierten Verwertungskette festhält - Kino, Kauf-DVD, Leih-DVD und Streaming, Pay-TV und dann Free-TV-Ausstrahlung. Bei "Time" nannte man Popcorn Time "die Version von Netflix, die Sie immer wollten".

Dennoch, so die Entwickler, werde das Projekt eingestellt: "Unser Experiment hat uns endlose Debatten über Piraterie und Copyright eingebracht, juristische Drohungen und eine zwielichtige Maschinerie, die uns das Gefühl vermittelt, dass wir in Gefahr sind, weil wir tun, was wir gern tun."

Andere aber wollen die Software nun weiter entwickeln: Auf der Programmiererplattform Github gibt es weiterhin Installationsdateien zum Herunterladen. "TorrentFreak" hatte zunächst berichtet, die Menschen hinter dem BitTorrent-Verzeichnis YTS, auf dessen Datenbank Popcorn Time zugriff, hätten entschieden, das Projekt fortzuführen. YTS selbst widersprach dieser Darstellung jedoch: "Popcorn Time ist ein Gemeinschaftsprojekt, das nicht einer einzelnen Person oder Gruppierung gehört."

Hollywood jedenfalls wird zweifellos weiterhin nach Wegen suchen, das Angebot zum Verschwinden zu bringen.

cis

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