Streit um Strategie Wikimedia Deutschland trennt sich von Pavel Richter

Ärger beim Förderverein hinter der deutschen Wikipedia: Die Wikimedia Deutschland hat sich überraschend von ihrem Vorstand Pavel Richter getrennt. Nicht jeder hält das für den richtigen Schritt.

Wikipedia-Logo: Die deutschsprachige Wikipedia wird von Wikimedia gefördert
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Die Wikimedia Deutschland, eine Art Förderverein hinter der deutschen Online-Enzyklopädie Wikipedia, hat sich von ihrem Vorstand Pavel Richter getrennt. Der Historiker und Politikwissenschaftler hatte seit 2009 in der Geschäftsführung der Organisation gearbeitet. Seit 2011 war er alleiniger Vorstand und alleinvertretungsberechtiger Geschäftsführer der Wikimedia-Fördergesellschaft.

Mit ihrer Entscheidung könnte die Wikimedia Deutschland auf eine Zerreißprobe zusteuern, denn die Personalentscheidung spaltet das Präsidium. In einer offenen E-Mail an die Mitglieder kritisiert der Vorsitzende Nikolas Becker die Entscheidung des zehnköpfigen Gremiums. "Ich persönlich teile diesen Entschluss nicht und halte ihn für einen falschen Schritt für unseren Verein", schrieb Becker. "Zutiefst besorgt" sei er "über die Art und Weise, wie es zu diesem Beschluss kam": "Ich bin mir sicher, dass die bestehenden Differenzen auch auf weniger invasive Art hätten gelöst werden können."

Bis zum Abschluss der Vertragsverhandlungen könne sich das Präsidium nicht zu der Personalie äußern, sagte die stellvertretende Vorsitzende Anja Ebersbach. Dennoch sei sich das Gremium im Prinzip einig gewesen. Die Kritikpunkte am Vorstand seien längst bekannt gewesen. Sie sei "geschockt" von Becker. "Für den Vorsitzenden ist das ungeheuerlich."

Becker hatte zuvor offiziell für das Wikimedia-Präsidium mitgeteilt, das zehnköpfige Gremium strebe seit längerem eine andere strategische Ausrichtung des Vereins an und sei der Überzeugung, dass dieser Plan mit dem derzeitigen Vorstand nicht umgesetzt werden könne. Der Verein und Pavel Richter hätten sich auf eine einvernehmliche Trennung verständigt, schrieb Becker.

Geschäftstelle mit mittlerweile 60 Mitarbeitern

"Aus meiner Sicht hat unser Vorstand Pavel Richter in den letzten fünf Jahren hervorragende Arbeit für den Aufbau unseres Vereins geleistet", sagte Becker nun am Dienstag. Die Geschäftsstelle in Berlin beschäftige mittlerweile 60 Mitarbeiter, "die hochmotiviert daran arbeiten, unsere Vision vom freien Wissen in die Tat umzusetzen." Die Entscheidung für eine Absetzung Richters sei zudem viel zu kurzfristig und ohne Einbeziehung der Mitglieder erfolgt.

Die Abberufung des Vorstands war wohl bis zuletzt nicht einmal ein Tagesordnungspunkt der fürs Wochenende angesetzten ordentlichen Mitgliederversammlung in Frankfurt. Dort soll der Vertrag mit Pavel aber nun den Mitgliedern vorgestellt und diskutiert werden, sagt Anja Ebersbach. Bis dahin seien die Vereinbarungen auch in trockenen Tüchern.

Viel zu spät, kritisieren Vereinsaktive in einer Mail an das Präsidium. Die Erklärung mache sie "fassungslos". Ohne mit den Mitglieder gesprochen zu haben, würden nun Fakten geschaffen. "Dieses Vorgehen ist verantwortungslos, undemokratisch und vereinsschädigend", schreibt Vereinsmitglied Kurt Jansson.

Zwischen den verschiedenen Akteuren bei der Wikimedia hätten sich in den vergangenen Jahren tiefe Gräben gebildet, schreibt "Heise Online". Mitglieder der Freiwilligen-Community würden der Arbeit der Geschäftsstellen misstrauen. Diskutiert worden sei auch immer wieder, wie stark das Präsidium in die Tagesgeschäfte eingreifen darf.

mbö/dpa



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