Streit im Web-Lexikon: Wikipedia-Gründer darf nicht mitschreiben

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Von wegen Mitmach-Lexikon: Wikipedia-Vater Jimmy Wales schreibt über ein Restaurant. Der Beitrag wird als irrelevant gelöscht. Tagelang diskutieren Wikipedianer. Ergebnis: 6200 Zeichen Artikel, 46.380 Zeichen Streit. Ein Beispiel für die Wikipedia-Kriege der Zukunft.

Mzoli Ngcawuzele begann als Metzger. 2003 verkaufte er in einer Garage in einem Township bei Kapstadt Fleisch, arbeitete sich dann hoch, machte in vier Jahren aus der Mini-Metzgerei einen kleinen Freizeitkomplex mit Imbiss, Disco und Restaurant. "Mzoli's Place" ist heute einer der beliebtesten Ausgehorte in Kapstadt - und Gegenstand einer heftigen Grundsatzdebatte beim Mitmach-Lexikon Wikipedia. Streitfrage: Ist die Geschichte der Fleischerei relevant?

Mitmach-Lexikon Wikipedia: Heftige Debatten über die Qualität der Beiträge
DPA

Mitmach-Lexikon Wikipedia: Heftige Debatten über die Qualität der Beiträge

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales war bei Mzoli essen, schrieb einen Lexikoneintrag. 22 Minuten später löscht den ein anderer Nutzer. Begründung: Irrelevant! Entschieden hat das Chad Horohoe, ein 19-jähriger Amerikaner, der bei Wikipedia sogenannte Administratoren-Rechte hat. Dazu gehört es, Artikel löschen oder wiederherstellen und Konten sperren zu können. Diese Privilegien verleihen Wikipedia-Mitglieder per Abstimmung, stimmberechtigt sind alle mit einer gewissen Vorerfahrung. Das soll garantieren, dass sie ihre Vorbildfunktion erfüllen.

Bei Horohoe hat das offenbar nicht geklappt: Seine Entscheidung, den Artikel des Wikipedia-Gründers zu löschen, provoziert heftige Reaktionen: Wikipedia-Nutzer und -Administratoren streiten tagelang über die Relevanz eines Imbisses in Südafrika, den zuvor wohl keiner von ihnen kannte. Und manche kochen dabei vor Wut.

"Wir sind nicht die Gelben Seiten"

Horohoe verteidigt seine Entscheidung: Das Restaurant sei nicht bemerkenswert, sei kaum in der Presse erwähnt worden - so etwas habe keine Berechtigung bei Wikipedia. "Wir sind weder die Gelben Seiten noch ein Reiseführer."

Daran müsse sich auch der Wikipedia-Gründer halten. Wieder einmal bekomme Jimmy Wales einen "gott-gleichen" Status und werde "über die Regeln gestellt". Andere Mitgleider stimmen ein, werfen Wales schlampige Recherche und sogar getarnte Werbung vor. Da platzt dem Wikipedia-Gründer der Kragen. Einige dieser Kritiker sollten sich "von dem Projekt verabschieden und ein neues Hobby suchen".

Am Ende wird der Artikel über Mzoli's Place wiederhergestellt. Nach vielen Ergänzungen umfasst er inzwischen 6200 Zeichen - die Dokumentation der Debatte über seine Berechtigung hat etwa 46.380 Zeichen.

Artikeldiskussionen gefährden die gute Stimmung

Das ist ein Zeichen für einen Stimmungsumschwung im Mitmach-Lexikon. Der Medienwissenschaftler und Wikipedia-Administrator Andrew Lih beschreibt in seinem Blog die neue Stimmung: "Die wesentlichen Tätigkeiten bei Wikipedia werden bald das Löschen, Stutzen, Zitieren und Hinterfragen von Beiträgen sein." Das sei ein großer Unterschied zu der anfänglichen Stimmung des "Jeder kann mitmachen".

Lih sieht eine harte Zeit für die Wikipedianer kommen: "Sie müssen begreifen, dass Wikipedia einfach nicht immer wachsen wird, dass jetzt eine besondere Zeit angebrochen ist, bevor das Lexikon endgültig in den Wartungsmodus geht."

Je weniger Themen von Wikipedia unbeackert sind, desto heftiger werden die bestehenden Artikel debattiert, ergänzt, überarbeitet. Die am intensivsten redigierten Wikipedia-Beiträge der vergangenen Tage, Wochen oder Monate dokumentiert das Werkzeug Wikirage.

Ein Blick in diese Top-100 zeigt: Wartungsmodus bedeutet Diskussionen über die Relevanz neuer Themen, Debatten über winzige Details, minutiöse Recherchen und Argumentationsketten: Und natürlich: Erbitterte Streitereien zwischen Experten und ahnungslosen, notorischen Besserwissern.

Hier die vier absurdesten Wikipedia-Debatten:

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