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Streit um gescannte Bücher: Google-Gründer erklärt sich zum Kultur-Retter

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Google steht am Pranger. Weil der Suchmaschinengigant Bücher einscannt und ins Web stellt, hagelt es Kritik. Konzerngründer Sergej Brin hat die umstrittene Digitalisierung nun verteidigt. Man wolle das Wissen vergangener Jahrzehnte retten. Tatsächlich geht es auch um ein lukratives Geschäft.

Sergej Brin (Archivbild): "Lassen sie uns diese Chance nicht verstreichen" Zur Großansicht
REUTERS

Sergej Brin (Archivbild): "Lassen sie uns diese Chance nicht verstreichen"

Was machen Menschen, wenn sie wichtige Informationen aus einem Buch brauchen? Sie legen es auf den Kopierer. Vor allem bei vergriffenen Werken, die höchstens noch im Antiquariat zu haben sind, ist eine Fotokopie oft die einzige Chance, an den gesuchten Inhalt zu kommen. Im schlimmsten Fall ist das Buch nur in einer Handvoll Bibliotheken weltweit zu haben - entsprechend aufwendig ist der Weg zur Kopie.

An diesem Punkt will Google mit seinem umstrittenen Projekt Google Books ansetzen, hat sich jedoch mit seinem rabiaten Vorgehen viele Feinde in der Buchbranche gemacht. Seit 2004 bereits lässt der Suchmaschinengigant Bücher in Bibliotheken weltweit digitalisieren, obwohl das Unternehmen nicht über die Rechte an den Texten und Bildern verfügt. Google wurde verklagt und einigte sich 2005 mit Autoren und Verlegern in den USA. Doch der Streit ist damit längst nicht beigelegt. Heftige Kritik kommt unter anderem aus Deutschland - zuletzt sogar von Kanzlerin Angela Merkel persönlich.

In einem Kommentar für die "New York Times" hat Google-Gründer Sergej Brin nun das Buchprojekt vehement verteidigt. Er habe 1998 an der Stanford University selbst miterlebt, wie Tausende Bücher durch Überflutung der Bibliothek zerstört oder beschädigt wurden. Das unwiederbringliche Verschwinden gedruckter Werke sei keine Seltenheit. Brin verweist unter anderem auf die legendäre Bibliothek von Alexandria, die vor mehr als 2000 Jahren gleich drei Mal brannte. Auch in der Library of Congress in Washington wurden 1851 zwei Drittel des Bestands ein Raub der Flammen.

"Ich hoffe, dass solche Zerstörungen nie wieder geschehen", schreibt Brin, "die Geschichte spricht jedoch dagegen." Googles Digitalisierungsprojekt versteht er als Rettung abendländischer Kultur, Ziel ist eine "Bibliothek für die Ewigkeit". Es geht zum einen um rare Bücher, die 80 und mehr Jahre alt sind. Aber eben auch um Werke jüngeren Datums, die längst aus dem Angebot der Verlage gerutscht sind.

Nach US-Recht sind vor 1923 erschienenen Bücher frei, nach deutschem Urheberrecht muss der Autor mindestens 70 Jahre tot sein. Das abgelaufene Urheberrecht macht auch das von SPIEGEL ONLINE unterstützte Projekt Gutenberg möglich, das seit über zehn Jahren klassische Literatur kostenlos ins Internet stellt - darunter etwa 2000 vollständige Romane, Erzählungen und Novellen.

Google bald auch Buchhändler

Die Einigung von 2005, die Google erlaubt, Millionen nicht mehr lieferbare, aber noch unter Urheberrecht stehende Bücher zugänglich zu machen, hält Brin für fair. "Der Großteil des Umsatzes fließt zurück an Rechteinhaber, seien es Autoren oder Verlage." Zudem könnten Rechteinhaber jederzeit die Zugriffsrechte oder den Preis ihres Buches ändern oder es ganz von Google Books entfernen lassen. Und auch in den Fällen, wo man Probleme habe, die Rechteinhaber ausfindig zu machen, gebe es "angemessene Preis- und Zugriffsregelungen".

Auch wenn Google sein Buch-Engagement gern als Bewahrung kulturellen Erbes darstellt, dürfte es dem Unternehmen um etwas ganz anderes gehen: um den Ausbau seiner Macht als universelle Suchmaschine - und um den Einstieg ins Buchgeschäft. Erst im Juni hat Google verkündet, dass es künftig auch als Buchhändler auftreten will.

Und klar ist auch: Wenn die Datenbank erst einmal mit den Inhalten von Dutzenden Millionen Büchern gefüttert ist - inklusive Neuerscheinungen, könnte Google Books zur ersten Anlaufstelle für jeden werden, der ein bestimmtes Buch sucht. Zudem kann Google Treffer in seinem Buchkatalog auch bei normalen Suchanfragen mit einblenden - und so Surfer in seinen Buchladen locken. Die Konkurrenz schläft nicht: Amazon beispielsweise hat mit "Search inside" genau jene Funktion, die Google gern für vergriffene wie neue Bücher anbieten würde. Amazon klagt inzwischen sogar gegen Google.

Brin räumt in seinem Kommentar für die "New York Times" auch ein, dass die Qualität von Google Books verbessert werden muss. Große Schwächen hatten sich schon beim Start des Projekts 2006 gezeigt. Damals stellte der Suchmaschinengigant Tausende Bücher als Pdf-Datei gratis ins Netz, deren Urheberrecht abgelaufen war. Suchfunktion und Trefferlisten waren mangelhaft. Mit der Erfassung bibliografischer Daten nahmen es die Google-Mitarbeiter offenbar nicht so genau und tun es bis heute nicht. Hinzu kommen schludrig ausgeführte Scans.

"Wir arbeiten hart daran, diese Probleme zu lösen", erklärt Brin und fordert Autoren und Verlage auf, ihren Teil dazu beizutragen, dass Bücher aus dem 20. Jahrhundert gerettet und zugänglich gemacht werden. Es sei ein kleiner, aber ein sehr wichtiger Schritt, den man gerade gemeinsam mache. "Lassen Sie uns diese Chance nicht vergeben."

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Forum - Buch-Scanprojekt: Soll Google Bewahrer allen gedruckten Wissens werden?
insgesamt 57 Beiträge
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1.
MarkH, 11.10.2009
Zitat von sysopE-Book-Reader versprechen eine komplette Bibliothek zum Mitnehmen. Eingescannte Bücher werden immer populärer, aber besteht das Risiko, dass Anbieter wie Google so zum Bewahrer allen gedruckten Wissens werden könnten?
Die eigentloche Frage, die sich stellt ist die, ob die macht der Verlage gebrochen ist. Letztendlich ist es auch eine sehr "christliche Fragestellung". Immerhin ist die gedruckte Bibel das am meisten verkaufte Buch der Welt. Wieviel ist die Bibel wert als PDF ?
2.
Eiermann 11.10.2009
Zitat von sysopE-Book-Reader versprechen eine komplette Bibliothek zum Mitnehmen. Eingescannte Bücher werden immer populärer, aber besteht das Risiko, dass Anbieter wie Google so zum Bewahrer allen gedruckten Wissens werden könnten?
Mir ist unklar, inwiefern eine solche Bewahrung ein Risiko sein soll. Ich halte sie vielmehr für einen großen Fortschritt. Ich glaube, dass auch das Aufgehen des Textmediums Buch im Digitalen und im Internet letztlich in der Logik des Digitalen und des Internets begründet liegt, das sich wegen der großen Verarbeitungs- und Verfügbarkeitsvorteile fast alles einverleibt, was sich nur irgend digitalisieren läßt. Google ist dabei beileibe nicht der einzige Anbieter von Buchtexten. Außerdem hat ein großer Anbieter wie Google nicht nur Nachteile, sondern nach meinem Eindruck vor allem Vorteile hinsichtlich technischer Kompetenz und Konzentration von Ressourcen.
3.
perpendicle, 11.10.2009
Zitat von sysopE-Book-Reader versprechen eine komplette Bibliothek zum Mitnehmen. Eingescannte Bücher werden immer populärer, aber besteht das Risiko, dass Anbieter wie Google so zum Bewahrer allen gedruckten Wissens werden könnten?
auch ich habe schon mal rein zum privaten Gebrauch ein komplettes allerdings nicht mehr erhältliches Buch eingescannt, weil man so viel einfacher nachschlagen kann. Man kann die Schrift beim lesen vergrößern und so eine digitale Kopie vergílbt auch nicht nutzt sich nicht ab. War jedenfalls viel Arbeit Es besteht aber weniger das Risiko, Google könnte so zu einem Monopolisten werden, da steht wohl eher der neid der Konkurrenz dahinter. Google wird sicher auch nicht der einzige Anbieter bleiben. Wie mit allen Medien die man digitalisierte, ist hier eher die Wirkung einer massenhaften verbeitung gegeben, wozu aber letztlich die Autoren selbst und deren verleger die Zustimmung geben müssen oder verweigern können. wie man dann im Internet noch eine vermarktung im Sinne der Urheber durchführen kann ist eine andere Frage. Dann könnte man ja Bücher gleich auf dem PC schreiben, so einer breiten Öffentlichkeit und auch Interssenten einfacher anbieten oder vorhandene per "digital right management" übers netz verleihen. Leider hat man bei der Euphorie die über die herstellung digitaler massenmedien aus sich angeblich nicht abnützenden digitalen Matrices übersehen , dass man meines wissens bis heute auch nicht eines herstellen konnte, dessen Kopierschutz nicht irgendwie geknackt werden konnte. Eine digitalisierung aller Bücher, besonders solcher die nicht oder nur schwer erhältlich sind wäre also bei altherbrachten Schmökern, solchen die also nicht mehr einer urheberrechtlichen Lizenz unterliegen nur positiv. was es da alles gibt, kann man nicht mal schätzen Bibliotheken muss und sollte es dennoch weiter geben und nicht nur weil irgendwann mal der Strom ausfallen könnte
4. Geistiges Eigentums ist ein Erbe der Menschheit
stanis laus 11.10.2009
Es ist google zu danken, dass sie das Erbe der Menschheit bewahren will. Das Wissen der Menschheit wurde von den barbarischen Römern in Alexandria verbrannt. Im Mittelalter wurden Menschen, weil Wissenträger, selbst verbrannt. Wissen kann man nicht schützen. Die Staaten wollen was ganz anderes mit ihrem Recht schützen. Macht und Vorteil gegen andere Staaten. Nur, der Nationalstaat ist völlig obsolet. Das Wissen ist längst global. Die Mensch sind wieder der eigentliche Träger von Wissen. Universitäten sind übrigens auch nicht anderes als Wissenschützer vor den Menschen für eine kleine Elite. Es werden nur die ans Wissen gelassen, die von Gremien des Staates zugelassen werden. Wer schreibt, sollte dies deshalb tun, weil er was sagen möchte. Wenn er Geld verdienen will, sollte er Banker werden und Bilanzen kreativ schreiben. Geist stört eh nur die Kakophonie der Lautsprecher. Geistiges Eigentum zu schützen erinnert an den Versuch, das Denken zu schützen. Als ob Gedanken ein eigenes Eigentum sein können. Das sind sie nur, wenn man sie nicht mitteilt. Dann sind sie Eigentums. Wenn man sie mitteilt und sie sind gut, gehören sie allen Menschen. Wie Luft, wie Wasser, wie Kieselsteine am Strand vor einer Zeit als ein Starker (aber nicht starker Denker) kam, den Strand einzäunte und jeden erschlug, der einen Kieselstein nahm. Merkel, geht aus meiner Sonne. Das Denken in Profit, das hinter geistigem Eigentum steht, ist doch absurd. Hier widerspreche ich Tucholsky energisch und nehme Partei für Brecht.
5. Google, die Geschichte & Wir
Klau3, 11.10.2009
Neben der Frage, ob Google nun böse ist, weil die Firma versucht vergriffene Bücher u.a. einzuscannen, stellt sich die Frage: Wann fangen wir damit an? Oder besser: Wann fangen wir endlich ernsthaft an unser Wissen zu digitalisieren? Bisher fehlt das Geld. Doch eigentlich ist das Digitalisieren eine Aufgabe, die unser Generation von der Geschichte her auferlegt wurde (als 'Übergangs-Generation'). Über den Weg den Google beschreitet, lässt sich streiten (und das sollte man auch, wie dieser Tage oft geschehen). Am Ende bleibt die Frage wie wir mit unserem Erbe umgehen. Da es keinem gehört (keinem gehören kann), sollte es allen zugänglich gemacht werden. Hierbei wird das Internet erneut eine seiner Stärken ausspielen dürfen.
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