Streit um Persönlichkeitsrechte Wikipedia wehrt sich gegen Schließung

Der Streit zwischen den Eltern des toten Hackers Tron und der Wikipedia ist eskaliert. Trons Eltern erwirkten eine Einstweilige Verfügung gegen die Enzyklopädie, die zur vorläufigen Schließung der deutschen Webseite führten. Der Fall könnte zum Präzedenzfall werden.


Als am Donnerstagmorgen die deutsche Webseite der Wikipedia aus dem Netz verschwand, merkte die Medienrepublik auf. Ein Amtsgericht, war auf einer anstelle des Online-Lexikons aufgeschalteten Seite zu lesen, hatte die Weiterleitung von Wikipedia.de zur eigentlichen Adresse des Lexikons unter dem Dach von Wikipedia.org verboten - und damit die deutsche Wikipedia regelrecht abgeklemmt.

Wikipedia.de: Platzhalter statt Lexikon

Wikipedia.de: Platzhalter statt Lexikon

Was war geschehen? Hatte da einer der kriselnden, kommerziellen Konkurrenten geklagt? Oder vielleicht doch eher eine obskure sektenhafte Organisation, die mit den über Wikipedia verbreiteten Inhalten über sie nicht einverstanden war? Selbst in den Foren der Wiki-Community schossen die wilden Gerüchte ins Kraut.

Schnell aber kristallisierte sich heraus, worum es wirklich ging: Die Domain-Stilllegung vom Donnerstag war ein Nachspiel zur Einstweiligen Verfügung vom 10. Januar. Und in der ging es um einen sehr konkreten Inhalt - und um die Persönlichkeitsrechte eines Toten.

Der nannte sich "Tron", war Hacker und wurde nach seinem Tod durch zahlreiche Artikelveröffentlichungen, Medienberichte und ein Buch bundesweit berühmt, weil es Menschen gibt, die glauben, er sei ermordet worden. Seit fünf Jahren wird sein Fall diskutiert, und durchaus auch unter Nennung seines vollen Namens. Dass der aber in einem biografischen Wikipedia-Artikel über Tron erschien, wollten dessen Eltern, unterstützt durch Andy Müller-Maguhn, den Sprecher des Chaos Computer Club, nicht mehr hinnehmen. Per Einstweiliger Verfügung ließen sie Wikipedia die Nennung des vollen Namens verbieten.

Dann geschah nichts.

Für Wikipedia ist Tron eine Figur der Zeitgeschichte. Zudem ist sein Klarname bekannt. Vertreter des Vereins bezweifeln darum, dass man der Einstweiligen Verfügung Folge leisten sollte. Entscheiden müsste dies aber Wikipedia.org, denn auf deren Servern liegt der betreffende Artikel - und der steht in Amerika. Noch ist diese Einstweilige Verfügung aber nicht einmal zugestellt worden, wie eine Sprecherin der Berliner Justizbehörden bestätigte. Trons Eltern warteten den amtlichen Postboten aber nicht ab, sondern erwirkten eine zweite Einstweilige Verfügung.

Die führte dazu, dass in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag die Weiterleitung von Seitenaufrufen über Wikipedia.de zu de.wikipedia.org unterbrochen wurde - für deutsche Internetnutzer "verschwand" die Wikipedia damit regelrecht.

Nach dem ersten Schock reagierte Wikipedia dann gegen Mittag. Der Anwalt des Vereins, Thorsten Feldmann, legte Widerspruch gegen die Einstweilige Verfügung vom 17. Januar ein, die dem deutschen Wiki-Verein die Weiterleitung auf Wikimedia.org untersagte. Sachlich geht es bei diesem Streit nun nicht mehr um den technischen Vorgang der Webseitenaufruf-Weiterleitung, sondern um die Klärung des Streits um Trons Persönlichkeitsrechte.

Antrag gegen Antrag

Das könnte dauern. Am Donnerstagmittag reichte Wikipedia-Anwalt Feldmann zunächst einmal einen Antrag auf Aussetzung der Zwangsvollstreckung der Einstweiligen Verfügung ein. Sollte der genehmigt werden, könnte Wikipedia.de vorerst wieder online gehen, auch wenn der umstrittene Tron-Artikel nicht geändert würde.

Zu klären bliebe trotzdem so einiges. Zwar erinnert die Publikations-Funktionalität von Wikipedia, wie Feldmann meint, "an Ebay, nur das hier nicht Waren, sondern Informationen sozusagen gehandelt werden". Dass Wikipedia eine Publikation im Sinne des Presserechtes ist, dürfte aber trotzdem unbestritten sein. Ihr im Sinne des Presserechtes Verantwortlicher aber sitzt in den USA - und zeigt sich in diesem konkreten Fall nur über eine auf diplomatischem Wege übermittelte Zustellung eines Gerichtsdokumentes ansprechbar. Ob er darauf überhaupt reagieren wird oder das überhaupt müsste, gilt selbst in den Worten der Berliner Justizsprecherin als "umstritten".

Letztlich also könnte der Streit zu einem regelrechten Präzedenzfall für Wikipedia.de werden, der eine nicht unerhebliche Frage klären könnte: Was ist Wikipedia eigentlich - rein rechtlich?

Denn bisher genießt das ehrenamtliche Wikipedia-Projekt noch relativ viele Freiheiten. Während Ausgaben für von parasitär lebenden Medienanwälten ausgesprochene Abmahnungen bei den kommerziellen Medien schon fast ein fester Haushaltsposten sind, bleibt Wikipedia von solchen Auswüchsen der juristischen Kultur noch weitgehend verschont. Klar gebe es so was, sagt Wikipedia-Anwalt Feldmann, aber "wohl noch nicht so viele wie bei Zeitungen". Viele entwickelten, wenn es um das gute Werk der Wikipedia gehe, wohl "eine Beißhemmung".

Mit der könnte es irgendwann vorbei sein. Mit wachsender Popularität des Angebotes wächst auch die Schärfe, mit der dieses beobachtet wird, wie die Diskussionen der letzten Monate zeigten. Erst vor wenigen Wochen sah sich Wikipedia in den USA genötigt, die Regeln für das Anlegen neuer Artikel zu verschärfen. Künftig soll es zudem einen Punkt geben, von dem an man Artikel nicht mehr einfach verändern kann: Wikipedia sieht sich immer öfter mit der Frage nach der publizistischen Verantwortung konfrontiert.

Letztlich steckt die auch hinter dem aktuellen Streit, obwohl es Trons Eltern und ihrem Anwalt um weit weniger geht.

Die "Klägerseite": Weiter verhandlungsbereit

Der Berliner Anwalt Friedrich Kurz, der die Familie des toten Hackers vertritt, gab sich in der vertrackten Angelegenheit auch nach dem Beschluss des Amtsgerichts verhandlungsbereit. "Eine Einigung ist immer noch möglich", sagte er SPIEGEL ONLINE am Donnerstag, "allerdings bestehen wir nach wie vor auf der Streichung des Nachnamens unseres Mandanten aus dem Online-Lexikon".

Kurz betonte, dass er sehr lange und geduldig mit den Machern von Wikipedia gesprochen habe. Erst nach dem Scheitern dieser Verhandlungen sei der Rechtsweg beschritten worden.

Die Folgen der erzwungenen Schließung bekommt der Jurist seit Donnerstag in seiner Mailbox zu spüren. Dort gehen Dutzende von Beschwerde-Mails aus der Netz-Gemeinde gegen den vermeintlichen Feind von Wikipedia ein. Kurz jedoch bleibt bei seiner Haltung. "Für den Wert von Wikipedia als Enzyklopädie hat die Nennung des Nachnamens von Tron keinen besonderen Wert, denn er hat ihn selber nur äußerst selten verwandt", sagte Kurz. Auch deshalb sei der Wunsch der Eltern des verstorbenen Computer-Freaks mehr als verständlich. Für jegliche Gespräche mit Wikipedia sei er jederzeit bereit.

Frank Patalong, Matthias Gebauer

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insgesamt 171 Beiträge
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Seite 1
kohlesurfer, 19.01.2006
1. Es lebe die Vielfalt!
Die Wikipedia-Hasser wollen einfach nicht akzeptieren, dass "offizielle" Nachschlagwerke irgendwann einmal überflüssig werden könnten. Und noch etwas sehr entscheidendes: Wikipedia (wie auch das Internet an sich) kennt, im Gegensatz zu klassischen Nachschlagewerken, in der Regel mehrere Wahrheiten, ist demnach folglich wesentlich objektiver. Eben dies ist all jenen ein Dorn im Auge, die es über Jahrzehnte gewohnt waren, mit einseitig festzementierten Sichtweisen Diskussionen zu führen. Es lebe die Vielfalt!
thomas noller, 19.01.2006
2.
Ich dachte immer die Aufgabe eines Nachschlagewerks sei es eine möglichst enge und präzise Beschreibung eines Begriffes zu liefern? Wie dem auch sei. Ich bin weiß Gott kein Wikipedia-Hasser und finde das wiki noch eines der nützlicheren Anwendungen des Internets ist, aber die Art und Weise wie z.B. meine Studenten in einer schriftlichen Arbeit (die wissenschaftlichen Charakter haben soll) mittlerweile zu 90% Wikipedia Definitionen zitieren (denn es geht halt schnell), ist mir, und auch meinen Kollegen an der FH, langsam nicht mehr geheuer. Wir haben grundsätzlich nichts gegen die Verwendung von Wikipedia-Material, allerdings sollte hier eine ausreichende Balance zwischen wiki-Zitaten und Quellen aus der Fachliteratur vorliegen. Persönlich finde ich manche Artikel gerade auf der deutschen Seite sehr POV-lastig und oft auch politisch schlichtweg tendenziös. Das Problem ist eben, das die Leute zu den Dingen über die sie schreiben meist einen persönlichen (oder auch leidenschaftlichen) Bezug haben, der einer wirklich objektiven Betrachtung (die es ja eigentlich nicht zu 100% gibt) u. U. im Wege stehen kann. Was nicht bedeutet, dass ich Wiki nicht verwende. Man sollte es aber hier und da noch einmal mit anderen Quellen abgleichen.
Duesentrieb, 19.01.2006
3. Wikipedia und das Establishment
Der Streit um Wikipedia hat einen einfachen Grund. Dadurch das die Eikipedia immer mehr User und damit Gewicht hat, werden die kontrahären Positionen immer ausschließlicher, d.h. die Anforderungen die an die Wikipedia gestellt werden lassen sich nicht mehr unter einen Hut bringen. Deshalb sollte sich die Wikipedia in zwei Versionen aufspalten. Dadurch lässt sich vermeiden der Wikipedia das "Zaumzeug" anzulegten, gleichzeitig werden die User die sich eine zweite/andere Britannica wünschen auch bedient. Version 1: So wie sie jetzt ist. Frei, kostenlos, ungeprüft, unsicher und höllisch dynamisch. Version 2: Ein geprüfter Auszug aus Version 1 der das Gegenteil ist. Abhängig von Einnahmen, kostenpflichtig, geprüft, sicher und (was die einzelnen Artikel betrifft) statisch. Die Auslese und Prüfung von Artikeln mus durch zwei Institutionen erfolgen. 1) Eine Institution die bestimmen welche Artikel geprüft werden und die sich auch bezahlen lässt, damit bestimmte Artikel schneller geprüft werden. 2) Eine vollkommen unabhängige Institution welche die von 1) angegebenen Artikel prüft und abhängig von der Prüfung dieselben Artikel von Ver1 in Ver2 überführt. P.S. Dies ist eine Vortführung meines letzten Postings in die bessere Gruppe.
Kurt G, 19.01.2006
4. Wikipedia.de geschlossen
Nach Spon hat das Amtsgericht Hamburg wikipedia.de per einstweiliger Verfügung vom Netz genommen. Ein weiterer Aberwitz nach der bereits unglaublichen Entscheidung gegen Heise. Hier wird weltweite Kommunikation in deutschen Amtsstuben zerrieben. Kurt G
ein_bayer, 19.01.2006
5.
---Zitat von kohlesurfer--- Die Wikipedia-Hasser wollen einfach nicht akzeptieren, dass "offizielle" Nachschlagwerke irgendwann einmal überflüssig werden könnten. Und noch etwas sehr entscheidendes: Wikipedia (wie auch das Internet an sich) kennt, im Gegensatz zu klassischen Nachschlagewerken, in der Regel mehrere Wahrheiten, ist demnach folglich wesentlich objektiver. ... ---Zitatende--- Es kann mehrere Meinungen geben, aber nur eine Wahrheit. Nur so zur Begriffsklärung ... Und wer verschiedene Meinungen sucht, bekommt diese auch ohne Wiki zu genüge. Lebensnotwendig ist Wiki nicht, vielleicht für manche Menschen einfach bequem, aber mehr schon nicht.
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