Streit um Tron: Darf man einen Hacker beim Namen nennen?

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Boris F. - so nannten die meisten Zeitungen jenen Hacker aus Berlin, der vor sechs Jahren zu Tode kam. Doch Tron, wie er sich selbst nannte, kommt nicht zur Ruhe. Weil Wikipedia seinen Nachnamen ausschreibt, gehen seine Eltern jetzt gerichtlich gegen die Enzyklopädie vor.

Tron starb 1999, irgendwann zwischen dem 17. und dem 22. Oktober. Tron war damals 26 Jahre alt und in Hackerkreisen längst eine Legende. Er hatte die Verschlüsselung von Pay-TV- und Telefonkarten geknackt und das Konzept eines Krypto-Telefons entwickelt. Tron war ein Pseudonym, unter seinem bürgerlichen Namen Boris F. kannten ihn nur ganz wenige.

Hacker: Es geht um das Recht auf Anonymität
DPA

Hacker: Es geht um das Recht auf Anonymität

Sechs Jahre nach seinem Tod ist jetzt um seinen bürgerlichen Namen ein heftiger Streit entbrannt. Im Kern geht es um die Frage, ob man den Nachnamen des Hackers nennen darf oder ihn mit F. abkürzen muss, so wie es viele, aber nicht alle Zeitungen und Webseiten tun und getan haben.

Die Eltern von Boris F. haben am Amtsgericht Berlin eine Einstweilige Verfügung erwirkt, die sich gegen die Enzyklopädie Wikipedia richtet. Dort wird der Name des Hackers ausgeschrieben - und das soll sich nach dem Willen der Eltern ändern. Unterstützt werden sie dabei von Andy Müller-Maguhn, dem Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC).

CCC gegen Wikipedia - eine Konfrontation, die befremdet. Schließlich entstammen beide dem, was man heutzutage als Netzcommunity bezeichnet. Nur dass es den CCC schon seit den achtziger Jahren gibt, als das World Wide Web noch BTX hieß. Das Lexikon Wikipedia entstand hingegen erst 20 Jahre später.

Der CCC kämpft für die Informationsfreiheit - Wikipedia auch. Der CCC engagiert sich für offene, frei zugängliche Inhalte und Programmcodes - Wikipedia auch. Trotzdem streiten sich jetzt CCC-Sprecher Müller-Maguhn und Wikipedia-Autoren darüber, ob der Nachname einer Hackerlegende nun von öffentlichem Interesse ist oder durch das Persönlichkeitsrecht geschützt ist.

"Security by obscurity"

Der Streit berührt nicht nur die Rechte eines Verstorbenen und seiner Eltern - es geht für Wikipedia um eine sehr grundsätzliche Frage. Soll man Artikel der Enzyklopädie ändern, weil sich Betroffene an dem Text stoßen oder weil eine Klage droht?

Der umstrittene Artikel über Tron wurde im Mai 2005 angelegt. Schon wenige Tage später begann unter den daran beteiligten Wikipedia-Autoren ein heftiger Streit um die Nennung des Nachnamens. Weil eine schnelle Lösung nicht in Sicht war, wurde ein Vermittlungsausschuss eingerichtet, in dem das Für und Wider der Namensnennung ausführlich diskutiert wurde.

"Das Abkürzen des Nachnamens, der durch Links offenbar wird, ist kein Persönlichkeitsschutz, sondern security by obscurity", meinte ein Wikipedianer. Mathias Schindler, ehemals Vorstand von Wikimedia Deutschland, bestätigt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass der Name im Netz leicht zu recherchieren ist: "Wir verlinken selbst auf viele Seiten, die den Namen vollständig nennen."

Dass die Eltern ausdrücklich wünschen, dass der Nachname ihres verstorbenen Sohnes nicht genannt wird, wollten nur wenige Wikipedianer akzeptieren. "So hart es klingt: Wir machen hier eine ernsthafte Enzyklopädie, und eine solche folgt bestimmten Grundsätzen. Dabei kann und sollte keine Ausnahme auf Grund persönlicher Befindlichkeiten gemacht werden", schrieb ein anderer Wikipedia-Autor in der Diskussion.

"Interesse an Person Tron ist unbestritten"

Die Nennung des bürgerlichen Namens ist eine grundsätzliche Frage für ein Lexikon. Lenin, Stalin, Madonna, Prince - die Wahl eines griffigen Kunstnamens ist in Politik und Kultur durchaus üblich. Verschwiegen wird der eigentliche Name deshalb in Wikipedia jedoch nicht - zumindest in den vier genannten Fällen.

"Wir haben dann Juristen befragt, die uns sagten, es sei Ermessenssache, ob der Name genannt wird oder nicht", so Schindler. "Die Leute, die am Artikel Tron beteiligt waren, waren dann überwiegend der Meinung, dass der Name genannt werden sollte." Die Frage sei ebenfalls gewesen, ob der Artikel mangels Relevanz nicht ganz zu streichen sei. Dass Tron eine Person der Zeitgeschichte sei, darüber wäre man sich aber einig gewesen.

Schließlich habe CCC-Sprecher Müller-Maguhn in die schwelende Diskussion eingegriffen, indem er Trons Nachnamen vor einigen Monaten kommentarlos gelöscht habe, berichtet Schindler. "Ich hatte damals Administratorenrechte, habe das rückgängig gemacht und Andy gebeten, erst einmal die Gründe für die Löschung zu nennen und zu diskutieren."

Wie diese Gründe aussehen, erklärt Müller-Maguhn auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Das öffentliche Interesse an der Person Tron ist unbestritten, doch es geht um das Recht auf Anonymität."

Tron sei stets unter seinem Pseudonym aufgetreten. Nur seine Diplomarbeit über das Cryptofon, die auf dem CCC-Server zum Abruf bereitliegt, enthalte seinen bürgerlichen Namen. Der CCC habe mittlerweile aber auch auf dem Deckblatt der Diplomarbeit den Namen abgekürzt - "auf Bitten der Eltern", wie Müller-Maguhn betont.

Weil keine Einigung mit Wikipedia über die Streichung des Namens zustande kam, hat ein Berliner Anwalt nun am Amtsgericht Berlin eine Einstweilige Verfügung gegen die Wikimedia Foundation erwirkt. Die Durchsetzung ist kein einfaches Unterfangen, denn die Foundation hat ihren Sitz in Florida.

Verfügung ging zunächst nach Russland

Zudem ist fraglich, ob die Einstweilige Verfügung ein kluger Schritt war. "Wer ein bisschen medienerfahren ist, weiß, dass die Sache so noch einmal richtig hochkocht", meint etwa der Journalist Burkhard Schröder, der 1999 ein Sachbuch über den Hacker geschrieben hat ( "Tron: Tod eines Hackers").

"Welche Strategie die Eltern verfolgen, ist unklar", erklärt Schröder. "Es gibt noch so viele andere Webseiten, auf denen der Name genannt wird." Schröder glaubt nicht so Recht, dass die Sache wirklich Ernst gemeint ist. "Die Verfügung wurde zunächst nach Russland adressiert - da weiß man doch gleich, wie professionell die Anwälte arbeiten."

Tatsächlich wurde die Verfügung vom Amtsgericht an die Wikipedia Foundation, St. Petersburg, Russische Föderation, gerichtet. Die Foundation hat ihren Sitz jedoch in St. Petersburg im US-Bundesstaat Florida.

Möglicherweise, vermutet Schröder, gehe es dem eher unbekannten Anwalt ja um Publicity. In der Tat könnte ein juristischer Erfolg gegen Wikipedia den Anfang einer ganzen Klageflut bilden - an Inhalten der Enzyklopädie stören sich auch andere Personen und Unternehmen.

Freilich ist Wikipedia wegen des Sitzes in den USA von Deutschland aus nicht so leicht beizukommen. "Ich sehe in der Wahl des Sitzes keine Böswilligkeit", meint dazu Schindler, ehemals im Vorstand von Wikimedia Deutschland. "Florida hat ein entwickeltes Rechtssystem. Wenn wir in der Karibik sitzen würden, wäre das schon eher fragwürdig."

Dass CCC-Sprecher Müller-Maguhn sich so stark in der Sache engagiert, kann Schindler nicht so recht verstehen: "Es ist schon eine bittere Ironie, dass der Sprecher eines befreundeten Vereins so eine Art Privatkrieg führt."

Müller-Maguhn glaubt an Mord

Der Journalist Schröder vermutet, dass die Einstweilige Verfügung im Zusammenhang mit einem kürzlich erschienen Roman steht, in dem der Name Trons ebenfalls vollständig genannt wird. Dem Verlag wurde offenbar ebenfalls eine Unterlassungserklärung zugestellt, die dieser jedoch nicht unterzeichnet habe.

Vielleicht gehe es in der Sache aber auch darum, den Hackermythos Tron weiter am Leben zu erhalten, mutmaßt Schröder. Müller-Maguhn vertrete bis heute die Auffassung, Tron sei ermordet worden und die Staatsanwaltschaft habe wichtige Spuren in diese Richtung nicht weiter verfolgt.

"Die Mordthese ist ein Schmarrn", sagt Schröder. In seinem Buch schließt er sich der These der Ermittler an, Tron habe Selbstmord begangen. "Alles andere sind Verschwörungstheorien."

Man darf gespannt sein, wie der Namensstreit ausgeht. Die Wikipedia Foundation könnte die Unterlassungserklärung unterschreiben oder Widerspruch dagegen einlegen. Dann würde die Sache vor Gericht geklärt. Möglich wäre auch, dass sie die Erklärung einfach ignoriert. Dann müsste die Verfügung in den USA vollstreckt werden - ein schwieriges Unterfangen.

Ergänzung: Andy Müller-Maguhn hat nach Veröffentlichung dieses Textes darauf hingewiesen, dass er  in der Angelegenheit nicht als Sprecher des Chaos Computer Clubs agiert, sondern von den Eltern des Verstorbenen darum gebeten wurde, Ihnen bei der Durchsetzung ihrer Persönlichkeitsrechte zu helfen. Zudem bestreitet Müller-Maguhn, dass er den Nachnamen von Tron kommentarlos aus dem Wikipedia-Artikel gelöscht hat, wie Mathias Schindler gegenüber SPIEGEL ONLINE behauptet hat.

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