Streitfall Tron Wikipedia.de ist wieder online

Der Einspruch des Vereins Wikipedia beim Amtsgericht in Berlin hatte Erfolg: Vorläufig nimmt Wikipedia.de die direkte Verlinkung auf das Lexikon-Angebot wieder auf. Bis zur Verhandlung eines Falles, der die Gemüter der Netzöffentlichkeit erregt.

Von


Als am 17. Januar die Einstweilige Verfügung, die Rechtsanwalt Friedrich Kurz im Auftrag der Eltern des 1998 gestorbenen Hackers Tron beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg erwirkt hatte, beim Verein Wikimedia Deutschland - Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V. einging, schellten umgehend die Alarmglocken. "Zwangsvollstreckung" drohte da, 250.000 Euro bei Zuwiderhandlung und bis zu sechs Monaten Ordnungshaft - es war kein kleines Kaliber, mit dem hier der nächste Schuss in einem bizarren Streit, der Anfang des Jahres begonnen hatte, auf die Wikipedia abgegeben wurde.

Wikipedia: Weltgrößtes, ehrenamtlich verfasstes Lexikon

Wikipedia: Weltgrößtes, ehrenamtlich verfasstes Lexikon

In der ersten Januarwoche erwirkten die Eltern von Tron, um dessen Tod sich einige heiß umstrittene Verschwörungstheorien ranken, eine erste Verfügung gegen Wikipedia, fortan den bürgerlichen Namen des Hackers nicht mehr nennen zu dürfen. Die Verfügung ist noch auf dem Wege zur Wikipedia Foundation in den USA, wo sie bisher noch nicht eingetroffen sein soll. Die Eltern ließen am 17. Januar eine zweite Verfügung folgen, die Wikipedia Deutschland die Weiterleitung von Seitenaufrufen von der ".de"-Adresse zur de.wikipedia.org-Adresse, wo die Lexikoneinträge gespeichert sind, verbot.

Wörtlich heißt es in der Verfügung, dass es Wikipedia.de untersagt sei, "die Internetadresse wikipedia.de auf de.wikipedia.org weiter zu leiten, solange unter de.wikipedia.org ein Beitrag vorgehalten wird, der den bürgerlichen Namen des Sohnes der Antragsteller" nenne. Der Vorstand des Vereines beschloss, der Verfügung nachzukommen - inzwischen mäkeln da Teile der Community, das sei eine Überreaktion gewesen.

Die allerdings sehr viel öffentliche Aufmerksamkeit auf den bizarren Fall lenkte. Wikipedia-Anwalt Thorsten Feldmann reichte am 19. Januar Einspruch gegen die Zwangsvollstreckung der einstweiligen Verfügung ein. Das Amtsgericht, durch das ungeahnte Maß an Publicity offenbar selbst schockiert, gab diesem Einspruch bereits am Morgen des 20. Januar statt - gegen Mittag ging Wikipedia.de wieder online.

Geklärt ist damit gar nichts.

Wikipedia erklärt dazu: "Dies bedeutet, dass die einstweilige Verfügung formaljuristisch zwar noch Bestand hat. Bis endgültig über die Rechtmäßigkeit des Beschlusses entschieden ist, entfaltet der Beschluss aber keine Wirkung mehr für uns. Daher dürfen wir seit dem 20. Januar 2006 wieder auf Wikipedia weiterleiten.

Wir rechnen damit, dass das Gericht in der Kalenderwoche 5 über unseren Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung entscheidet, und hoffen, dass dann die einstweilige Verfügung endgültig aufgehoben wird."

Worum geht es eigentlich?

Die Antragsteller geben an, bei diesem Streit gehe es um die Persönlichkeitsrechte ihres Sohnes, der in ihrem Verständnis keine Person des öffentlichen Lebens gewesen sei und darum in Presse und Veröffentlichungen auch nicht mit seinem vollen Namen genannt werden dürfe. Ein Argument, das nach zahlreichen TV-Reportagen, Zeitungsberichten und mittlerweile zwei Buchveröffentlichungen, die den "Fall Tron" thematisieren, nur schwer nachzuvollziehen ist.

Die Web-Community wittert da ganz andere Gründe - und setzt erst einmal auf Web-typische Formen des Protestes. Seit gestern verbreitet eine zunehmende Zahl von Weblogs Trons Klarnamen, um die Absurdität einer eventuellen Namensstreichung in der Wikipedia noch zu steigern.

Ob es zu der kommen wird, ist allerdings fraglich. Jimmy Wales, Mitbegründer der Wikipedia und nach wie vor eine ihrer leitenden Figuren, will darauf keine klare Antwort geben. In welche Richtung die Diskussion laufen könnte, deutet er allerdings an: "Unsere Anwälte versuchen gerade, die Situation auszuloten", erklärte er auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, "und daher kann ich zu diesem Zeitpunkt keinen Kommentar dazu abgeben. Wie auch immer, die radikale Befürwortung des Prinzips der Informationsfreiheit für jedermann gehört zu den Grundsätzen der Wikipedia Foundation. Wir werden immer für das Recht aller Menschen auf der Welt auf Zugang zu Wissen eintreten."

Noch deutlicher wird der Verlag Zenodot, in dem die Wikipress-Bücher und die DVD-Version des Onlinelexikons erscheint. Verlagsgeschäftsführer Ralf Szymanski veröffentlichte am Donnerstagabend einen an den Anwalt Friedrich Kurz gerichteten offenen Brief.

Darin heißt es unter anderem: "Bezugnehmend auf die einstweilige Verfügung die das Amtsgericht Charlottenburg am 17.1.2006 auf Ihren Antrag hin erlassen hat, weise ich Sie darauf hin, dass der Zenodot-Verlag über den deutschen Buchhandel eine DVD-ROM-Ausgabe der Wikipedia verbreitet, in der der volle bürgerliche Name des "Tron" genannt wird.

Ich beabsichtige ausdrücklich, die Verbreitung des Produktes in dieser Form fortzusetzen. Sollten Sie nun auch gegen die von mir als Geschäftsführer vertretene Zenodot Verlagsgesellschaft eine einstweilige Verfügung erwirken, werde ich mich dagegen zur Wehr setzen."

Drohend lässt Szymanski einen Hinweis auf erhebliche wirtschaftliche Schäden folgen, die durch ein Verbot der Verbreitung verursacht werden könnten. Für so etwas aber werde er "Sie, respektive Ihre Mandantschaft, in vollem Umfang dafür in die Haftung nehmen".

Geht es um ein Buch?

Es gibt noch ein aktuelles Buch, das sich als Kandidat für eine Einstweilige Verfügung anbieten würde: "Offenbarung 23" von Jan Gaspard.

In dem Ende 2005 erschienen Schmöker ist Tron so etwas wie der Held: Basierend auf einer bei Bastei Lübbe erschienen Hörspielreihe stilisiert Autor Gaspard den Hacker in einer schwurbeligen Verschwörungsgeschichte unter anderem zum Gesangspartner des (ermordeten) Rappers Tupac Shakur, um ihn später als neuen Messias zu outen. Und der ist natürlich gar nicht tot, genauso wenig wie Tupac.

Eine Verbindung zwischen diesem Machwerk, der Wikipedia und den Einstweiligen Verfügungen gibt es - wenn auch eine sehr indirekte. Heißt es jedenfalls in zahlreichen Blogs. Auch in der internen Diskussion, die die erste Einstweilige Verfügung gegen Wikipedia.org entfesselte, wird die Vermutung bereits angesprochen: "Geht es Dir wirklich um den Wikipedia-Eintrag? Ich kann die moralische Empörung nicht nachvollziehen. Ist das Ganze nicht eher ein Stellvertreterkrieg gegen die Macher von "Offenbarung 23", die - soweit ich das mitbekommen habe - tatsächlich Tron pietätlos vermarkten?"

Die Legende geht so: Der Verlag von "Offenbarung 23" habe die volle Nennung des Namens unter anderem damit gerechtfertigt, dass der ja öffentlich sei - wie man der Wikipedia entnehmen könne. Das jedenfalls erzählte Andy Müller-Maguhn, Sprecher des Chaos Computer Club CCC, der die Familie Trons öffentlichkeitswirksam unterstützt und dadurch einen Streit innerhalb des CCC verursachte, der ORF futurezone. Bestätigen will das natürlich niemand. Nur einer hat sich da womöglich verquatscht.

Ivo F., Vater von Tron, erklärte in einem Gespräch mit Annabel Dillig von der "Süddeutschen Zeitung" die Gründe für die erste einstweilige Verfügung unter anderem mit Verdienstausfällen, die er gehabt habe, weil er ständig auf seinen toten Sohn angesprochen werde - "auch im Ausland".

Was natürlich auch an Burkhard Schröders "Tron"-Buch liegen könnte oder an all den Medienberichten der letzten Jahre. Die liegen Ivo F. aber anscheinend weniger im Magen, als der unter Pseudonym veröffentlichte "Offenbarung 23"-Roman. Der, sagte Ivo F. der "Süddeutschen", sei der eigentliche Anstoß für die einstweilige Verfügung gewesen. "Ich dachte, irgendwann hört das Theater um Boris auf. Aber die machen immer weiter."



Forum - Wikipedia - Zeit für Zaumzeug?
insgesamt 171 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kohlesurfer, 19.01.2006
1. Es lebe die Vielfalt!
Die Wikipedia-Hasser wollen einfach nicht akzeptieren, dass "offizielle" Nachschlagwerke irgendwann einmal überflüssig werden könnten. Und noch etwas sehr entscheidendes: Wikipedia (wie auch das Internet an sich) kennt, im Gegensatz zu klassischen Nachschlagewerken, in der Regel mehrere Wahrheiten, ist demnach folglich wesentlich objektiver. Eben dies ist all jenen ein Dorn im Auge, die es über Jahrzehnte gewohnt waren, mit einseitig festzementierten Sichtweisen Diskussionen zu führen. Es lebe die Vielfalt!
thomas noller, 19.01.2006
2.
Ich dachte immer die Aufgabe eines Nachschlagewerks sei es eine möglichst enge und präzise Beschreibung eines Begriffes zu liefern? Wie dem auch sei. Ich bin weiß Gott kein Wikipedia-Hasser und finde das wiki noch eines der nützlicheren Anwendungen des Internets ist, aber die Art und Weise wie z.B. meine Studenten in einer schriftlichen Arbeit (die wissenschaftlichen Charakter haben soll) mittlerweile zu 90% Wikipedia Definitionen zitieren (denn es geht halt schnell), ist mir, und auch meinen Kollegen an der FH, langsam nicht mehr geheuer. Wir haben grundsätzlich nichts gegen die Verwendung von Wikipedia-Material, allerdings sollte hier eine ausreichende Balance zwischen wiki-Zitaten und Quellen aus der Fachliteratur vorliegen. Persönlich finde ich manche Artikel gerade auf der deutschen Seite sehr POV-lastig und oft auch politisch schlichtweg tendenziös. Das Problem ist eben, das die Leute zu den Dingen über die sie schreiben meist einen persönlichen (oder auch leidenschaftlichen) Bezug haben, der einer wirklich objektiven Betrachtung (die es ja eigentlich nicht zu 100% gibt) u. U. im Wege stehen kann. Was nicht bedeutet, dass ich Wiki nicht verwende. Man sollte es aber hier und da noch einmal mit anderen Quellen abgleichen.
Duesentrieb, 19.01.2006
3. Wikipedia und das Establishment
Der Streit um Wikipedia hat einen einfachen Grund. Dadurch das die Eikipedia immer mehr User und damit Gewicht hat, werden die kontrahären Positionen immer ausschließlicher, d.h. die Anforderungen die an die Wikipedia gestellt werden lassen sich nicht mehr unter einen Hut bringen. Deshalb sollte sich die Wikipedia in zwei Versionen aufspalten. Dadurch lässt sich vermeiden der Wikipedia das "Zaumzeug" anzulegten, gleichzeitig werden die User die sich eine zweite/andere Britannica wünschen auch bedient. Version 1: So wie sie jetzt ist. Frei, kostenlos, ungeprüft, unsicher und höllisch dynamisch. Version 2: Ein geprüfter Auszug aus Version 1 der das Gegenteil ist. Abhängig von Einnahmen, kostenpflichtig, geprüft, sicher und (was die einzelnen Artikel betrifft) statisch. Die Auslese und Prüfung von Artikeln mus durch zwei Institutionen erfolgen. 1) Eine Institution die bestimmen welche Artikel geprüft werden und die sich auch bezahlen lässt, damit bestimmte Artikel schneller geprüft werden. 2) Eine vollkommen unabhängige Institution welche die von 1) angegebenen Artikel prüft und abhängig von der Prüfung dieselben Artikel von Ver1 in Ver2 überführt. P.S. Dies ist eine Vortführung meines letzten Postings in die bessere Gruppe.
Kurt G, 19.01.2006
4. Wikipedia.de geschlossen
Nach Spon hat das Amtsgericht Hamburg wikipedia.de per einstweiliger Verfügung vom Netz genommen. Ein weiterer Aberwitz nach der bereits unglaublichen Entscheidung gegen Heise. Hier wird weltweite Kommunikation in deutschen Amtsstuben zerrieben. Kurt G
ein_bayer, 19.01.2006
5.
---Zitat von kohlesurfer--- Die Wikipedia-Hasser wollen einfach nicht akzeptieren, dass "offizielle" Nachschlagwerke irgendwann einmal überflüssig werden könnten. Und noch etwas sehr entscheidendes: Wikipedia (wie auch das Internet an sich) kennt, im Gegensatz zu klassischen Nachschlagewerken, in der Regel mehrere Wahrheiten, ist demnach folglich wesentlich objektiver. ... ---Zitatende--- Es kann mehrere Meinungen geben, aber nur eine Wahrheit. Nur so zur Begriffsklärung ... Und wer verschiedene Meinungen sucht, bekommt diese auch ohne Wiki zu genüge. Lebensnotwendig ist Wiki nicht, vielleicht für manche Menschen einfach bequem, aber mehr schon nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.