Studie Microsoft lässt Raubkopierer-Seele durchleuchten

Wissenschaftler der Universität Witten haben sich mit dem Denken von Raubkopierern beschäftigt und der Industrie überraschende Vorschläge gemacht. Die von Microsoft beauftragte Studie empfiehlt, die schwarzen Schafe als Kunden von Morgen zu sehen und sie nicht zu kriminalisieren.

Von Michael Voregger


Hirnmodell: Wie tickt so ein Raubkopierer?
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Hirnmodell: Wie tickt so ein Raubkopierer?

"Uns ging es nicht so sehr um eine repräsentative Umfrage, sondern darum, bestimmte Muster zu entwickeln", erklärt Hergen Wöbken von der Universität Witten. Das Uni-Institut für Strategieentwicklung wollte die "digitalen Mentalität" der Raubkopierer mit einer Umfrage ergründen.

Im ersten Schritt wurden Experten aus Verbänden, Institutionen, Parteien und Unternehmen befragt, um aus den Gesprächen Thesen abzuleiten. Anschließend überprüften die Wissenschaftler die Ergebnisse in einer Online-Umfrage. Aus den Antworten der 500 Teilnehmer wurden 128 ausgewählt und analysiert.

Die Forscher wollten herausfinden, ob es eine bestimmte Mentalität des Raubkopierers gibt, und falls ja, welche besondere Denkweisen dahinter stehen.

Von den Befragten wissen 90 Prozent, dass die Raubkopie von Software einen Straftatbestand darstellt. Allerdings hält diese Erkenntnis zwei Drittel der befragten PC-Nutzer nicht davon ab, im privaten Bereich Raubkopien anzufertigen oder sie zumindest zu nutzen. 78 Prozent der Teilnehmer lehnen eine Bestrafung der Kopierer ab, wenn es um den privaten Bereich geht.

Kein Wunder: Nach einer Studie der Business Software Alliance (BSA) sollen 36 Prozent der weltweit auf Computern installierten Software raubkopiert sein. Der Schaden für die Softwarebranche wird im vergangenen Jahr mit 29 Milliarden Dollar beziffert. Westeuropa steuert demnach mit 9,6 Milliarden Dollar den größten Fehlbetrag bei und in Deutschland soll der Anteil der Raubkopien bei 30 Prozent liegen.

Kopierer-Typologien

Die Wissenschaftler unterscheiden zwischen vier Gruppen von Raubkopierern, die sich durch unterschiedliche Computerkenntnisse und durch die Anzahl der angefertigten Kopien unterscheiden. Als PC-Freaks wird eine Gruppe von kompetenten Nutzern bezeichnet, die viel kopieren und die etwa zehn Prozent ausmachen.

"Es gibt eine zweite Gruppe von Usern, die sich nicht so gut auskennen und aus einer Art Sammelleidenschaft alles Mögliche auf ihre Festplatte ziehen, das sind die 'Hobby-User'", sagt Hergen Wöbken. "Dann gibt es die so genannten 'PC-Profis', die sich sehr gut auskennen, wenig raubkopieren und auf etwa sieben Prozent kommen". Die größte Gruppe sind die "Pragmatiker" mit geringen Kenntnissen, die etwa 50 Prozent ausmachen und kaum Kopien anfertigen.

Die Frage, ob das Massenphänomen Raubkopie so etwas wie eine soziale Bewegung der digitalen Gesellschaft darstellt, konnte die Studie nicht beantworten. Dazu waren die Grundlagen der Befragung zu dünn und die Interviewpartner zu ausgewählt.

"Ideologen": Selten, aber laut

Als nicht relevant stufen die Wissenschaftler den Mentalitätstyp des "Ideologen" ein, der auf Grund seiner Ablehnung von Softwaremonopolen das Kopieren legitimiert. "Es gibt nur sehr wenige Anwender, die für ein fundamentales Anrecht auf Information eintreten und auch Software als freies Gut betrachten", sagt Hergen Wöbken. "In der öffentlichen Wahrnehmung wird diese kleine Gruppe allerdings sehr stark beachtet".

Die Wissenschaftler empfehlen Microsoft, bei den Privatanwendern auf juristische und polizeiliche Schritte zu verzichten. Den Kunden von morgen soll durch Aufklärung und Erziehung klargemacht werden, was unter einem eingeschränkten Verfügungsrecht zu verstehen ist. "Wir haben diese Studie vor allem darum in Auftrag gegeben, um neue Impulse für eine differenzierte Ansprache von Raubkopierern zu erhalten", sagt Thomas Urek, Urheberrechtsexperte von Microsoft Deutschland.

"Wir wollen das Bewusstsein für das Problem Raukopieren schärfen und eine konstruktive Debatte darüber anzustoßen, die ohne Drohgebärden auskommt." Im Internet stellt der Softwarekonzern eine Lehrermappe und Kopiervorlagen für den Unterricht bereit, damit schon der Nachwuchs den Unterschied zwischen Eigentums- und Verfügungsrecht lernen kann.

Das Fazit: Lieber umwerben als bedrohen

Bei der Software hat der Anwender inzwischen preisgünstige und kostenlose Alternativen zu den Produkten von Microsoft. Dem Unternehmen wird deshalb geraten, pragmatisch zu reagieren und auf die verschiedenen Mentalitätstypen zuzugehen. "Das Monopol von 90 Prozent hat Microsoft schließlich auch dadurch erreicht, indem man zum Beispiel bei Studenten den Austausch von Raubkopien ignoriert hat", erklärt Markus Beckedahl, Vorsitzender des Netzwerkes Neue Medien. "Die waren dann mit der Software vertraut und haben im beruflichen Alltag Produkte von Microsoft eingesetzt".

Die Wittener Studie ist nicht repräsentativ und bietet in erster Linie Handlungsvorschläge für die Softwareindustrie, wie dem Raubkopieren ohne polizeiliche Maßnahmen beizukommen ist. "Wenn man sich anschaut, welche Experten befragt wurden, dann wird schon klar, dass die Interessen des Auftraggebers eine große Rolle gespielt haben", sagt Markus Beckedahl. "Die Adressaten waren zum Beispiel die Business Software Alliance, Vertreter der Parteien und die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen". Für die Wissenschaftler hat sich die Arbeit jedenfalls gelohnt, denn schon bekunden Vertreter der Musikbranche ihr Interesse an weiteren Antworten - und die sollen dann auch repräsentativ sein.



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