Studie: Wikipedia fast so genau wie Encyclopaedia Britannica

Viel Ärger gab es in letzter Zeit für die Menschen hinter dem Online-Lexikon Wikipedia, Fehler und Verzerrungen kamen ans Licht. Nun kommt Lob von überraschender Seite: Ein renommiertes Wissenschaftsmagazin hat Wikipedia testen lassen - und für gar nicht so schlecht befunden.

Fast so exakt und umfassend wie die entsprechenden Artikel in der Encyclopaedia Britannica - das ist das Zeugnis, dass unabhängige Gutachter der Online-Ezyklopädie Wikipedia ausstellten. Das Wissenschaftsjournal "Nature", eins der beiden führenden Blätter für Hochkarätiges aus der Welt der Forschung, hatte 50 unabhängige Gutachter auf je einen Eintrag aus Wikipedia und der als Standardwerk geltenden Encyclopaedia Britannica angesetzt.

Wikipedia: Gar nicht so übel
DPA

Wikipedia: Gar nicht so übel

Zumindest bei naturwissenschaftlich orientierten Einträgen ist die Qualität des Freiwilligenlexikons kaum schlechter als die eines von bezahlten Profis erarbeiteten Nachschlagewerks, so "Nature" in seiner aktuellen Ausgabe. Im Durchschnitt fanden die Experten in der Encyclopaedia Britannica pro Artikel drei und bei Wikipedia pro Eintrag vier Ungenauigkeiten (Bd. 318, S. 900).

Der Test kommt in einem Moment, in dem Wikipedia wegen verschiedener Ungenauigkeiten und ein paar bewusst verzerrenden Einträgen harsche Kritik einstecken musste. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales hatte erst kürzlich einige Beiträge selbst als "unlesbaren Mist" bezeichnet. Ein Pionier des Dowload-Radios, kurz Podcasting, verärgerte wenig später die Community, weil er Verweise auf andere Vorreiter der Idee aus dem entsprechenden Eintrag gelöscht hatte. Kurz darauf beklagte sich ein renommierter amerikanischer Journalist>, in seiner Wikipedia-Biographie sei er in Verbindung mit der Ermordung der Kennedy-Brüder gebracht worden - ein dummer Scherz, wie sich inzwischen herausstellte.

Als Reaktion auf die Vorfälle muss sich in der englischsprachigen Wikipedia-Ausgabe nun jeder registrieren lassen, der neue Beiträge einstellen möchte - Beiträge bearbeiten kann man aber weiterhin anonym. Genau dieses Prinzip des "alle dürfen mitmachen" ist für viele Kritiker ein Grund, der Wikipedia zu misstrauen. Sie fürchten, inkompetente Enthusiasten und mutwillige Vandalen könnten massenhaft Fehlinformationen ins Netzlexikon schreiben.

Das System knirscht, aber es läuft gut

Ein schönes Beispiel für die irrationalen "basisdemokratischen" Veränderungsprozesse, die Wikipedia-Artikel mitunter durchlaufen, lieferte ein bei SPIEGEL ONLINE veröffentlichter Jamiri-Artikel Anfang der Woche aus. Comiczeichner Jamiri hatte entdeckt, dass im Sommer 2005 auch gegen ihn einmal - für sehr kurze Zeit - diffamierendes bei der Wikipedia zu lesen gewesen war.

Jamiri nahm dies in einem Comic gekonnt auf die Schippe - worauf der Wikipedia-Artikel über seine Person allein in den ersten 48 Stunden nach Comic-Veröffentlichung 68 Mal verändert wurde. Der Vorgang dokumentiert zugleich aber das Funktionieren des Wikipedia-Prinzips: Die sichtbare, "stabile" Artikelversion ist fair, während unfaire oder unadäquate Änderungen bereits im Stadium der Diskussion scheitern.

Sachlich richtig, stilistisch holprig

Momentan enthält die 2001 gegründete Wikipedia etwa 3,7 Millionen Beiträge in 200 Sprachen. Allein in der englischsprachigen Version kommen täglich ungefähr 1500 Artikel hinzu. Wie bei Artikeln aus Fachzeitschriften üblich, ließ das Magazin je 42 Wikipedia- und Britannica-Beiträge im sogenannten Peer-Review-Verfahren von Experten aus dem jeweiligen Fachgebiet begutachten. Die Themen der Einträge reichten dabei vom Vormenschen Australopithecus über den Satz des Pythagoras bis zur Biografie verschiedener Persönlichkeiten der Wissenschaftsgeschichte.

Die Gutachter sollten nach drei Arten von Ungenauigkeiten suchen, - sachlichen Fehlern, fehlenden Informationen und irreführenden Aussagen - ohne zu wissen, welcher Eintrag aus welcher Enzyklopädie stammte. Das einzige, was die Gutachter an den Wikipedia-Beiträgen einmütig kritisierten, waren aber der sprachliche Stil und der Aufbau der Artikel.

Insgesamt seien in beiden Nachschlagewerken relativ viele Fehler entdeckt worden, berichtet "Nature"-Autor Jim Giles. Die Encyclopaedia Britannica schnitt dabei zwar etwas besser ab, der Unterschied war aber bei weitem nicht so groß wie erwartet. Nach Ansicht der "Nature"-Redakteure könnte die Qualität der Wikipedia-Beiträge noch deutlich verbessert werden, wenn mehr Wissenschaftler mitarbeiten würden: Einer Umfrage zufolge kennen zwar 700 von 1000 Forschern, die schon einmal in "Nature" publizieren durften, die Online-Enzyklopädie, 17 % nutzen sie mindestens einmal wöchentlich - schon einmal mitgeschrieben haben jedoch weniger als 10 Prozent.

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Forum - Wikipedia - Grenzenlose Wissensfreiheit?
insgesamt 209 Beiträge
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1. Gelungene Alternative ...
Maldoror, 04.08.2005
Sicherlich stellt Wikipedia eine neue Form der Wissensvermittlung dar und ist wohl auch in seinem Wachstum kaum aufzuhalten. Doch bin ich der Meinung, sollte Wikipedia bleiben was es ist! Es ist eine Möglichkeit, sich kostenlos über viele Themen zu informieren und nicht die Grundlage für Bildung und Schulen. Ich nehme mal nicht an, dass Wikipedia an Universitäten wissenschaftliche Anerkennung genießen wird. Sicher ist es eine gelungene Möglichkeit sich zu infomieren, aber man sollte nicht vergessen, dass Wikipedia von Usern geschrieben wird und nicht von Wissenschaftlern! ... Trotz dessen, weiter so Wikipedia! :D
2.
Spiritogre, 04.08.2005
Ich denke auch, es ist ein tolles, kostenloses Nachschlagewerk, für eine fundierte Arbeit würde ich aber eher andere, richtige Fachliteratur zu Rate ziehen. Dazu kommt, dass Wikipedia auch Gefahr läuft den Unbillen einiger Mediengrößen auf sich zu ziehen und mit Klagen überhäuft zu werden sobald eine gewisse "Schmerzgrenze" etwa eines Lexikonverlages mit sinkenden Verkaufszahlen erreicht ist. Auch ist, und das zählt in Deutschland besonders, das verlinken auf andere Inhalte immer sehr Risikoreich wie diverse Gerichtsurteile und Weltfremdheit der Richter und vieler Juristen immer wieder zeigen.
3.
Luke1973 04.08.2005
Ich finde Wikipedia auch toll Aber sie hat halt einen Haken: Da alles von Usern eingegeben worden ist, weiß man eigentlich nie ob das auch alles so stimmt. Wenn es also wirklich drauf ankommt, ziehe ich dann doch ein kommerzielles Lwexikon vor.
4.
Pinarello, 04.08.2005
Na dann warten wir mal ab, bis Bill Gates wieder mal einige Milliarden zuviel in der Geldbörse hat, wenn das Wikipedia schön groß, bekannt und nachgefragt ist, dann wird sich Bill das ganze kaufen und kostenpflichtig machen, so einen Fehler wie das WorldWideWeb macht der sicher nicht noch einmal. Man stelle sich vor, was da an Milliarden pro Jahr zuverdienen gewesen wäre, wenn jeder Nutzer pro Einwahl einen Zusatzbonus bezahlen müßte. Eichel Hans würde der Speichel im Mund zusammenlaufen, Bill Gates ebenso.
5. Wikipedia-Lektorate
Leser7, 04.08.2005
In der täglichen Arbeit bei der Wikipedia findet man sehr schnell die Grenzen des Konzepts - bei über 250000 deutschsprachigen Artikeln gelingt es kaum, eine kritische Masse von Mitarbeitern für einen Artikel zu gewinnen. Noch schwieriger ist es, eine kritische Masse an belastbarer Kompetenz aufzutreiben. Minderheiten nutzen dies, um sich breit zu machen. Zum Beispiel beanspruchen die Anhänger der völlig marginalen Freiwirtschaft beträchtliche Anteile an Abhandlungen über das Geldsystem oder den Zinsmechanismus. Das wieder auszutreiben kostet Zeit und Nerven. Denn um jede Änderung wird in langen, langen Diskussionsrunden gerungen werden. Oft findet man auch absolut einseitige Artikel, die über Monate unangefochten in der Wikipedia standen. Woran es Wikipedia derzeit am meisten mangelt: ein Lektoratsprozess, der einem Artikel den Stempel der Verlässlichkeit aufdrücken kann. Zwar gibt es die "lesenswerten" und die "exzellenten" Artikel, doch ihre Anzahl ist viel zu gering - zudem können exzellente Artikel in Bearbeitungskriegen zu einseitigen und verwirrenden Artikeln werden. Ein Berliner Verlag will Bücher mit Wikipedia-Inhalten rausgeben und engagiert so genannte "Wikipeditoren", die eine redaktionelle auswahl und Überprüfung übernehmen. Doch das ist nur ein erster Schritt, die Anzahl der von diesen Leuten betreuten Artikel wird kaum die Prozentgrenze überschreiten. Und die bezahlten Gelder reichen kaum für aufwändige Recherchen oder den Kauf von Fachbüchern aus.
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