Studie zur Internetnutzung Deutsche Jugendliche hinken in Europa hinterher

Gute Nachrichten: Im europäischen Vergleich sind deutsche Kinder und Jugendliche im Internet weniger gefährdet. Das zeigt die neue Studie "EU Kids Online II". Schlechte Nachrichten: Die Deutschen sind gleichzeitig inaktiver und inkompetenter im Umgang mit den neuen Medien als ihre Altersgenossen.

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Teenager am Laptop: 23.000 Kinder und Jugendliche wurden zum Internet befragt
Corbis

Teenager am Laptop: 23.000 Kinder und Jugendliche wurden zum Internet befragt


Tatort Internet? Von wegen: Für deutsche Kinder und Jugendliche gestaltet sich der Alltag im Web weniger gefährlich, als Eltern und RTL 2 meinen. Das ist eines der Ergebnisse der Studie "EU Kids Online II", die am Dienstag erstmalig in Deutschland vorgestellt wurde. Für die Studie wurden über 23.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 16 Jahren in 25 europäischen Ländern zu ihrer Internetnutzung befragt. "Deutsche Kinder nutzen das Internet seltener und weniger vielfältig", resümiert der Leiter des deutschen Forschungsteams, Uwe Hasebrink. "Damit sind sie weniger gefährdet, nutzen aber auch die Chancen des Internets nur in begrenztem Maße."

Forschungsschwerpunkt waren Risiken wie Mobbing im Internet, auch Cyber-Bullying genannt, oder Konfrontation mit pornografischen Darstellungen. In beiden Bereichen machen junge User aus Deutschland im Durchschnitt weniger schlechte Erfahrungen als ihre Altersgenossen in anderen Ländern.

  • Bei der Frage, ob die Kinder und Jugendlichen innerhalb des vergangenen Jahres mit sexuellen Darstellungen konfrontiert waren, bilden Deutsche sogar das europäische Schlusslicht: Nur 13 Prozent hatten solche Bilder, egal in welchem Medium gesehen, 5 Prozent waren auf sie im Internet gestoßen. Im europäischen Durchschnitt liegen die Werte bei 23 Prozent (alle Medien) bzw. 14 Prozent (Internet).
  • Auch beim Cyber-Bullying sind deutsche Kinder und Jugendliche vergleichsweise gut geschützt: 18 Prozent wurden überhaupt schon einmal gemobbt, nur 4 Prozent machten diese Erfahrung im Internet. Europaweit sieht es ähnlich aus: Insgesamt 19 Prozent wurden schon einmal Opfer von Mobbing, 5 Prozent passierte dies online. Damit bestätigt sich: Bullying ist kein Internetphänomen, sondern ein Offline-Problem.
  • Ein etwas anderes Bild ergibt im Bereich der Online-Kontakte zu Fremden. Hier kommen junge User in Deutschland auf leicht überdurchschnittliche Werte: 36 Prozent von ihnen hatten im Internet schon einmal Kontakt mit jemandem, dem sie noch nie persönlich begegnet waren (europaweit: 29 Prozent), 12 Prozent haben schon einmal jemanden persönlich getroffen, den sie vorher nur aus dem Internet kannten (europaweit: 8 Prozent).

Mit diesem potenziell riskanten Verhalten ist aber nur selten tatsächlicher Schaden verbunden: Von allen Kinder und Jugendlichen, die jemals einen Online-Kontakt offline getroffen haben, empfanden 16 Prozent diese Begegnung als unangenehm. Auf alle jungen User hochgerechnet bedeutet dies: Nur 1 Prozent von ihnen hat schon einmal jemand Fremden getroffen und dabei schlechte Erfahrungen gemacht.

Aktiv beim "sexting", inaktiv auf Social Networks

Die positiven Ergebnisse in Deutschland bei Cyber-Bullying und Pornografie bieten aber keinen Grund zur Entwarnung. Denn auch wenn deutsche User weniger häufig auf Pornografie im Internet stoßen, fühlen sie sich - wenn es denn mal passiert - stärker belästigt. Von den 5 Prozent, die pornografische Inhalte online gesehen hatten, gab über die Hälfte an, dass sie dies sehr unangenehm fanden. Ihre europäischen Altersgenossen zeigen sich da robuster: Von ihnen fühlten sich nur 36 Prozent von den Bilder gestört.

Zum anderen zeigt die Studie, dass die Internetnutzung sehr komplex verläuft. So sehen deutsche Kinder und Jugendliche zwar seltener Pornografie online. Das heißt aber nicht, dass sie diese nicht suchen - für sie ist es nur schwieriger sie zu finden. "In Deutschland zeigt der Jugendschutz deutliche Wirkung", sagt Studienleiter Hasebrink. "Außerdem greifen die freiwilligen Verpflichtungen von Providern, zum Beispiel keine sexuellen Inhalte auf ihren Startseiten zu verbreiten."

Darüber hinaus sind deutsche User durchaus aktiv, was das Versenden und Empfangen von sexuellen Botschaften im Internet, das so genannte "sexting", angeht. 19 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland haben schon einmal solche Botschaften erhalten (europaweit: 15 Prozent), 5 Prozent haben sie selbst verschickt (europaweit: 3 Prozent).

Wenignutzer leben (vergleichsweise) sicher

Insgesamt erweisen sich junge User in Deutschland als eher zurückhaltend bis unerfahren im Umgang mit dem Internet. Sie sind seltener online als ihre europäischen Altersgenossen: 53 Prozent sind täglich oder fast täglich im Netz, europaweit liegt der Wert bei 57 Prozent. Bei den Spitzenreitern Schweden und Bulgarien sind es sogar 83 Prozent. Und auch in Social Networks sind deutsche Kinder und Jugendliche vergleichsweise selten vertreten: Nur die Hälfte hat ein eigenes Profil bei Plattformen wie SchülerVZ oder Facebook. Damit bildet Deutschland zusammen mit der Türkei und Rumänien das Schlusslicht. Europaweit verfügen 57 Prozent aller jungen Usern über Profile. Spitzenreiter sind die Niederlande (78 Prozent) und Slowenien (76 Prozent).

Auch mit den technischen Fähigkeiten ist es unter deutschen Usern nicht weit her: Bei der Verwendung von Bookmarks, Filtern oder Privatshäre-Einstellungen verfügen sie im Vergleich über unterdurchschnittliche Kompetenzen. Kinder aus Ländern wie Finnland, den Niederlanden oder Slowenien, in denen die Internetnutzung insgesamt intensiver ist, erzielen in diesem Bereich deutlich bessere Ergebnisse.

Geringe Nutzung, geringe Risiken, geringe Kompetenzen - so muss wohl das Resümee der Studie für Deutschland lauten.

Die Ergebnisse der einzelnen Länderstudien finden Sie hier.

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