Surftipp Bush singt gegen sich selbst

Als die irische Band U2 1983 ihr "Sunday, bloody Sunday" veröffentlichte, riskierte sie die Konfrontation mit den Radikalen: Das Ding war kein Partysong, wie man im Rest der Welt glaubte, sondern ein Lied gegen die Unruhen in Nordirland. Jetzt singt Geoge W. Bush das Lied, wenn auch unfreiwillig.


"This is not a rebel song", stellt Paul Hewson alias Bono Vox in den Live-Versionen des ewigen U2-Gassenhauers "Sunday, bloody sunday" klar. Als die Gruppe das Lied 1983 veröffentlichte, war das nötig: Radikale irische Republikaner verstanden den Song als gegen sie und ihren "bewaffneten Kampf" gerichtet, während radikale Unionisten ihn für ein republikanisches Rebellenlied gegen Protestanten und Briten verstanden. Klar war, dass U2 mit ihrer Erinnerung an das Bloody-Sunday-Massaker von Derry am 30. Januar 1972 ein Statement gegen den fortdauernden Wahnsinn des Bürgerkriegs abgeben wollten. Nur gegen wen, wofür?

George W. Bush, unfreiwilliger Friedenssänger: "How long must we sing this song?"

George W. Bush, unfreiwilliger Friedenssänger: "How long must we sing this song?"

Für Bono und Co stellte sich die Frage wohl nie. U2 spielten in der Rockszene die Rolle, die Xavier Naidoo heute in Deutschland spielt: Sie waren eine auf cool und rauh gebürstete alternative Kirchenmusiker-Truppe mit dem Hang, ihre Hörerschaft christlich zu missionieren. Auch "Bloody Sunday" enthält fragmentarische, direkte Textzitate aus der King-James-Übersetzung der Bibel. Keine Frage also: U2 sang gegen den Wahnsinn und Krieg, und für den Frieden.

Die Zeit war so. Zwei Jahre zuvor hatte der Hungerstreik irisch-republikanischer Häftlinge unmittelbar zehn Tote gefordert, mittelbar jedoch weit mehr: Die Provinz wurde von einer bis zum Ende der Achtziger Jahre anhaltenden Welle der Gewalt erschüttert. Die Anfang der Siebziger nach Nordirland einmarschierte britische Armee, die ursprünglich die dortigen, in ihrer Mehrheit wohl pro-irischen Katholiken vor ihren protestantischen, pro-britischen Mitbürgern schützen sollte, hatte sich durch das Bloody-Sunday-Massaker gründlich diskreditiert.

Dabei hatten britische Fallschirmjäger das Feuer auf Teilnehmer einer Friedensdemonstration eröffnet, dreizehn Menschen starben sofort, ein weiterer erlag nach Tagen seinen Verletzungen. Die einstigen Friedenswächter der britischen Armee wurden in den Augen der irisch-katholischen Minderheit zur voller Hass bekämpften Besatzertruppe, die militanten Provos der IRA erstarkten und traten ihren Terror-Feldzug an. Erst Mitte der Neunziger schaffte es Nordirland, zu einem brüchigen Frieden zu finden, der auch heute noch nicht wirklich gefestigt ist.

Und wieder singt da einer "Bloody Sunday", und weil er George heißt und Bush mit Nachnamen, schließt sich für den Song der Kreis.

Friedenslied, Protestsong gegen den Wahnsinn des Straßenterrors, gegen Besatzung und Krieg, Partysong - und wieder zurück: Wenn Georg W. Bush in diesem unter anderem bei Google veröffentlichten Video so witzig Bonos Worte in den Mund gelegt bekommt, dann hat das einen gar nicht so subtilen Beigeschmack. Denn nicht nur die geschickte Montage des Videos ist Teil des Witzes, sondern vor allem, dass da offensichtlich einer gegen sich selber singt.

Hinter der geschickten Montage steckt "RX" von "thepartyparty.com" - Teil eines Netzwerkes von Protestseiten und Blogs gegen die Bush-Regierung. RX lässt in seinen rotzfrechen Podcasts mit Vorliebe George W. Bush Lieder gegen die eigene Regierung singen. Die Herkunft des so trickreichen Videos ist dagegen nicht ganz klar, RX war wohl zumindest beteiligt, es scheint aber zuerst über das Polit-Blog onmegoodmove verbreitet worden zu sein, von wo aus es seinen Weg zu Google Video fand. Bemerkenswert, weil politischer Protest selten so phantasievoll, hintergründig und witzig daher kommt.

pat



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