Surftipp Frischzellenkur für den Musik-Spion

Blogs, die Links zu MP3-Dateien zusammensuchen, gibt es viele. Die Berliner Website Tonspion leistet mehr als das: Seit zehn Jahren liefert sie zur kostenlosen Musik auch die Hintergrundinfos. Und das alles garantiert legal - und soeben frisch runderneuert.


"Nein", sagt der Raaf auf die Frage, ob er schwerreich geworden sei in den vergangenen zehn Jahren und lacht dann doch: "Aber es trägt sich."

Das ist schon eine ganze Menge für eine Website, die fünf Festangestellte ernährt, dazu Freiberufler mit Aufträgen versorgt und die man heute als Blog bezeichnen würde, was sie aber eigentlich nicht verdient hat: Schon seit 1999 und damit länger, als es das Wort "Blog" überhaupt gibt, informiert Tonspion über Musik und bietet die dann auch gleich an zum Download. Kostenlos und völlig legal.

Seit einigen Tagen kommt die traditionsreiche Seite in neuem Gewand daher. Aufgeräumter, "flashiger", um neue Möglichkeiten ergänzt (siehe Bildergalerie). Professioneller eben als die meisten Blogs: Tonspion ist ein kommerzielles redaktionelles Produkt. Wenn man so will, ist Raaf Verleger und Chefredakteur einer virtuellen Zeitschrift. Tonspion ist nur für Leute ein Blog, die auch Boing-Boing noch für so etwas halten.

Begonnen hat sie allerdings durchaus so, 1998 als private Homepage, wie man damals noch sagte. Auf der veröffentlichte Gründer Udo Raaf Texte und Links zu kostenfrei erhältlicher Musik im Web. So, wie das heute unzählige Blogger tun. Anders als die meisten davon aber versuchen die Tonspion-Macher - so weit das im Web möglich ist - zu gewährleisten, dass die Musik, die sie bieten, aus legalen Quellen stammt.

Eine Art Probehör-Magazin

Denn auch davon gibt es neben all dem raubkopierten Kram Unmassen: Es sind die Künstler und Labels selbst, die als Appetizer ausgewählte Stücke veröffentlichen, oft in Remix-Versionen, was "typisch für das Netz" sei, sagt Raaf. Tonspion trägt das zusammen, bespricht und verlinkt es. DRM-frei, legal zum Download. Meistens müssen die fünf Redakteure gar nicht mühselig danach suchen: Die Musikunternehmen selbst kommen auf sie zu.

Wer so mit Tonspion-Hilfe die Welt der populären Musik erschließt, bewegt sich durchaus nah am Mainstream: Auf den vier Spitzenplätzen der Hörer-Charts bei Tonspion finden sich zurzeit Lady Gaga, Kings of Leon, Kelis und MGMT. In den Tiefen der Linkverzeichnisse, die sich per Volltextsuche erschließen lassen, wartet das ganze, breite Spektrum von trivial bis ganz schön schräg, von Madonna bis Sufjan Stevens, von Neil Young bis Mogwai.

Aber so gehen Tonspion-Afficiniados gar nicht um mit der Seite. Wer sucht, was er schon kennt, ist mit den diversen MP3-Suchmaschinen erheblich besser bedient. Stark ist die Seite dann, wenn man sie nutzt, um neue Musik für sich zu erschließen. So unterscheiden sich die redaktionellen Charts und Empfehlungen deutlich von der populären Abstimmung per Download, sind Indy-lastiger, weitaus weniger Mainstream-orientiert. Was Tonspion empfiehlt, ist nicht unbedingt das, was Otto-Normalsurfer von sich aus sucht. Dafür findet er dort im günstigsten Fall Schätzchen, die ihm in Radio und Charts erst Jahre später wiederbegegnen.

Kontrastprogramm zur Radio-Beschallung

Das ist die eigentliche redaktionelle Stärke des Angebotes, das so ein echtes Kontrastprogramm zur Radio-Beschallung bietet. Die Texte liefern dazu dann noch kleinere Backgrounds, die zumindest meistens weniger jubelig daherkommen als die Musikbesprechungen der klassischen Jugendpresse. Die News der Seite liefern Branchennachrichten und Musik-spezifische Neuigkeiten, die Bandprofile Info-Häppchen zu Stars und Sternchen. Echte Verrisse sucht man dort aber natürlich vergeblich, denn Tonspion ist per definitionem ein Tippformat.

Neben (manchmal noch) weniger bekannten Perlen gibt es häufig auch bekannte Titel in neuem Gewand zu hören - als Remix, Alternativ- oder Akustikversionen. Das muss nicht immer gut sein, wie das Beispiel des aktuellen RCA-Remixes des Kings-of-Leon-Titels "Use somebody" zeigt, mit dem Tonspion am Montagmorgen aufmachte: Mitunter kommt dabei eben auch Kirmes-kompatibler Dumm-Tschack heraus, wenn man versucht, langsamen Krumm-Rock mit Elektrobeats zur Tanznummer zu glätten.

Das kann man den Tonspionen nicht zum Vorwurf machen - wenn man davon absieht, dass sie auswählen, was prominent gefeatured wird - aber große Namen ziehen natürlich. Es adelt das Angebot, dass es die Redaktion zumindest schafft, im Text zum Download zugleich die Band zu loben und den unsäglichen Remix-Titel klar als "nicht gut" zu kennzeichnen. Man nimmt halt mit, was populär ist und versucht sich trotzdem nicht zu sehr zu verbiegen. Viel interessanter sind so oder so die Perlen, die das Angebot erschließt, und die die Redaktion regelmäßig in der "MP3 Compilation" zusammenfasst - virtuellen Alben zum Selberbrennen, für die es dann auch die passenden Cover als Druckvorlage gibt.

Klar ist das alles Promotion, wenn man so will. Man kann die Gratis-Downloads als werbende Appetithappen der Industrie verstehen oder als Geschenke der Bands an die Fans. Geld für solche Plazierungen, versichert Raff, fließe aber nur dann, wenn da auch Werbung drüberstehe. Das ist die kleinste Säule des Refinanzierungsmodells, das ansonsten auf klassischer Werbung (Stichprobe: Axe-Deowerbung, Alice, Telekom, Jamba, Oberhausener Kurzfilmtage u.a.) sowie Provisionen für Musikverkäufe über Online-Shops fußt. Auch da, sagt Raff, "läppert sich was zusammen", denn zu jeder besprochenen und verlinkten Band gibt es auch Direktlinks hin zum elektronischen Handel.

pat

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.