Surftipp Texte für den Augenblick

Seit Dienstag sammelt die British Library im größten Blog der Welt Erlebnisberichte über den 17. Oktober. Den Augenblick zu dokumentieren ist eine pfiffige Idee, aber keine taufrische: Das deutsche Projekt 23:40 tut dies seit neun Jahren - und startet nun eine "Phase II".


Mitte der Neunziger Jahre, als das Web noch vom heute wieder so viel beschworenen "User generated content" beherrscht wurde, war das Schlagwort von der Web-Literatur und vom kollektiven Schreiben in aller Munde. Überall entstanden ambitionierte Projekte, die versuchten, Communities (die da noch nicht unbedingt so hießen) zum Kommunizieren und Veröffentlichen zu bewegen. Die Bewegung der Webringe verschaltete und verband diese Seiten und Projekte, wie dies heute auf technischem Wege per Technorati, digg oder andere Web 2.0-Dienste geschieht - "händisch", wenn man so will.

Das Symbol des Weckers bleibt: Wer bei 23:40 einen bestimmten Beitrag lesen will, muss sich die Uhr stellen

Das Symbol des Weckers bleibt: Wer bei 23:40 einen bestimmten Beitrag lesen will, muss sich die Uhr stellen

Zu den pfiffigsten und meistbeachteten Projekten dieser Zeit gehörte ab 1997 die Seite 23:40 des Hamburgers (und SPIEGEL-ONLINE-Grafikers) Guido Grigat. 1999 erntete er für seine seltsame Idee den Ettlinger Literaturpreis. Sein Konzept: Auf 23:40 konnte jeder eigene Texte veröffentlichen, die in einer Datenbank landeten, die diese nur in genau der Minute wieder freigab, in der sie dort abgespeichert wurden. Ein Gedicht, das um 21.12 Uhr gespeichert wurde, war also frühestens 24 Stunden später wieder zu lesen - und zwar exakt 24 Stunden später.

Die Idee dahinter war klar: Grigat versuchte, jeder Minute des Tages ein individuelles Stück Literatur zuzuweisen. Immerhin 902 von 1440 möglichen Minuten sind heute belegt. Neben Gedichten finden sich Sinn- und Unsinnssprüche, immer wieder auch Kommentare zum Zeitgeschehen.

Ähnlich wie beim Projekt der British Library glänzt vieles durch Profanität - und besitzt gerade dadurch auch Tiefe: "Die Problemlosigkeit, die mit meinem Zustand daherkommt, ist fast nicht normal. Ist sie es dann, wenn man die Situation aufschlüsselt und sich die Umstände klarmacht?" heißt es etwa in einem der Zeit 16.15 Uhr zugeordneten Beitrag. "Nun sitzen wir hier und philosophieren über Netzbegebenheiten... Kekse, Schokolade und ein paar Gedanken, die uns weiterbringen. Das Kind will auch Kekse!", antwortet einer drei Minuten später - aber möglicherweise um sieben, acht Jahre nach seinem "Vorredner".

Phase II: 23:40 sammelt deutschen Alltag

23:40 gehört zu den letzten überlebenden Seiten dieser Netzliteratur-Ära, und Grigat erweitert nun das Konzept. Parallel zum Projekt der British Library ruft auch er in einer "Phase II" überschriebenen Erweiterung des 23:40-Projektes dazu auf, die Minuten-Datenbank mit Kommentaren zum Alltag und zum Zeitgeschehen zu füllen. An die Seite des Einblicks in die Gedankenwelt der Surfer an einem ganz normalen, künstlichen Tag soll nun der Überblick über die ganz normalen Geschehnisse eines ganz normalen, echten Tages gestellt werden - wie zuvor Minute für Minute.

Mit einer Ausnahme: Ähnlich wie ein der Minute verhaftetes Blog wird 23:40 in Phase II mehrere Einträge erlauben, die vielleicht auch Bezug aufeinander nehmen werden. Ein Spiel mit der Zeit, Gedanken und Geschehnissen, an dessen "Ende" man theoretisch die Erlebnisse und Befindlichkeiten der schreibenden Surfer in Echtzeit verfolgen könnte - einfach per Reload der Seite.

Anschauen, Mitmachen, Amüsieren: So Community-orientiert und pfiffig war freies Web-Publishing schon sieben Jahre, bevor im Oktober 2004 erstmals der Begriff Web 2.0 auf einer Konferenz des O'Reilly-Verlages fiel.

pat

"Alle Dinge sind rastlos tätig/ kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet/ nie wird ein Ohr vom Hören voll. Was geschehen ist, wird wieder geschehen/ was man getan hat, wird man wieder tun:/ Es gibt nichts Neues unter der Sonne."
Kohelet (Prediger Salomo) 1, 8-9
(und kein Kommentar zum Thema Web 2.0 - auch, wenn das so wirkt)



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