Swat-Alarm als Streich Polizisten nehmen "Counter-Strike"-Spieler fest

Ein Profivideospieler sitzt am Monitor. Plötzlich stürmen bewaffnete Polizisten in den Raum, zwingen den Mann zu Boden. So sieht "Swatting" aus - ein lebensgefährlicher Streich, der sich in den USA trauriger Beliebtheit erfreut.

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Screenshot aus YouTube-Video: "Ich glaube, wir werden gerade ge-swattet."
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Screenshot aus YouTube-Video: "Ich glaube, wir werden gerade ge-swattet."


Die Polizei von Los Angeles hält die Praxis des "Swatting" für "extrem gefährlich". Sie bringe "Einsatzkräfte und Bürger in Gefahr", warnte das Los Angeles Police Department schon 2012. Damals erlebte diese Form übler Streiche gerade einen Boom, betroffen war vor allem Hollywood-Prominenz. Nun gibt es eine Liveaufzeichnung dessen, was passiert, wenn jemand einem missliebigen anderen ein schwerbewaffnetes Sonderkommando der US-Polizei (ein Swat-Team) ins Haus schickt. Betroffen war diesmal eine Art C-Prominenter - ein professioneller Videospiel-Vorspieler in Littleton, Colorado.

Jordan Mathewson - Bildschirmname: Kootra - war gerade damit beschäftigt, für seine Fans gemeinsam mit anderen eine Runde "Counter-Strike" zu spielen - ein Spiel also, in dem Spieler selbst die Rollen von Terroristen oder eben Spezialkommandos übernehmen. In einer Aufzeichnung des Livestreams, den Jordan von seinem Rechner aus in die Welt verschickte, kann man sich den Einsatz ansehen: In der Ecke des Spielbildschirms ist das Bild zu sehen, das Mathewsons Webcam aufzeichnete. Die kritische Passage hatte ein Fan offenbar mitgeschnitten und kurz darauf bei YouTube hochgeladen.

Das Büro, in dem Mathewson arbeitet, liegt in der Kleinstadt Littleton in Colorado, die durch das Schulmassaker von Columbine zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Der Anrufer sagte der Polizei offenbar, er habe zwei Kollegen erschossen und andere als Geiseln genommen, er werde auch auf Polizisten schießen, wenn sie das Gebäude betreten sollten. In solchen Fällen schickt die Polizei Spezialkommandos, sogenannte Swat-Teams - die Abkürzung steht für special weapons and tactics. Rund um den Einsatzort wurden Schulen in Alarmzustand versetzt und Geschäftsräume evakuiert. Anwohner twitterten Fotos von bewaffneten Polizisten und Passanten mit erhobenen Händen.

Kootras YouTube-Kanal hat 770.000 Abonnenten, von seinen "Let's Play"-Videos lebt der Mann, so wie mittlerweile diverse Profis in Deutschland auch. Er gehört zu einer Gruppe namens The Creatures, die mit Videospiel-Vorspielen und Talkrunden im Internet Geld verdienen. Die Creatures verbreiten ihre Livestreams über Twitch.tv, die Plattform, die Amazon fast eine Milliarde Dollar wert war. Offenbar wurden weitere Mitglieder der Gruppe bei dem Einsatz festgenommen.

"Don't you fucking move, boy"

Im Video sieht man, wie Mathewson zuerst erstaunt lauscht, und dann erklärt: "Da draußen werden Zimmer geräumt. Ich glaube, wir werden gerade ge-swattet." Sekunden später geht die Tür auf und drei schwer bewaffnete Polizisten stehen im Raum. Sie brülllen, zwingen Mathewson, sich mit den Händen auf dem Rücken auf den Boden zu legen, sie durchsuchen ihn, pöbeln herum ("Don't you fucking move, boy!") und erklären ihren Kollegen dann über Funk, sie hätten "eine Person in Gewahrsam". Als Mathewson beim Aufstehen tief atmet, fragt einer der Beamten ruppig: "Was findest du hier denn lustig?"

Nach knapp fünf Minuten kommen die Polizisten auf die Idee, den mittlerweile sitzenden Mathewson zu fragen, was er hier eigentlich tue. "Das hier ist eine Firma", antwortet er, "ich spiele ein Spiel und streame das live, die Leute schauen hier gerade zu. Irgendjemand dachte vermutlich, es sei witzig, euch währenddessen hierherzurufen." Daraufhin klappt einer der Beamten den Rechner zu, die Aufzeichnung wird unterbrochen.

Berühmte Swatting-Opfer: Paris Hilton, Rihanna, Justin Timberlake

Ein paar Stunden nach dem Ereignis ließ Mathewson seine Fans via Twitter wissen, dass er auf freiem Fuß sei: "Das war jedenfalls eine Erfahrung. Mir geht es aber gut. Danke für all die unterstützenden Tweets." Mittlerweile hat sich ein Twitterer zu der Aktion bekannt - ob er wirklich derjenige ist, der den falschen Notruf absetzte, ist bislang unklar. Wird er enttarnt, droht ihm eine empfindliche Strafe. 2009 wurde ein 19-jähriger Telefon-Hacker unter anderem wegen zahlreicher Swatting-Anrufe zu elf Jahren Haft verurteilt.

Swatting wird in der Regel mithilfe von Methoden durchgeführt, die die Identifikation des Anrufers verhindern sollen - etwa mithilfe von Voice-over-IP-Hardware, mit der man über einen PC Anrufe machen kann, oder mit Techniken zur Verschleierung der eigenen Telefonnummer.

Die üblen Streiche sind in USA kein neues Phänomen. 2012 etwa traf die perfide Praxis in erster Linie die Privathäuser von Stars aus der Unterhaltungsbranche: Ein Teenager schickte schwer bewaffnete Polizisten zu Justin Bieber und Ashton Kutcher - er hatte in einem Anruf behauptet, in Kutchers Haus seien mehrere Personen von Schüssen verletzt worden. 2013 wurden etwa Paris Hilton, Ryan Seacrest, Rihanna, Justin Timberlake, Khloe Kardashian, Selena Gomez und der frühere NBA-Star Magic Johnson zu "Swatting"-Opfern.

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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
QPDO 28.08.2014
1. erstaunlich ...
dass beim swatten noch niemand "zufällig" erschossen wurde. Vielleicht hat es noch nicht soviele Schwarze getroffen ? Was auch erstaunlich ist, ist dass anscheinend keine Aufklärung vor dem Zugriff erfolgt. Braucht die Polizei da eventuell noch ein paar Musiker, die für die Kavallerie zum Angriff blasen ?
S. Schr. 28.08.2014
2.
ganz witzig sowas. Ist ja nicht so das dann das SWAT-Team an anderer Stelle fehlen könnte. Ganz witzig.
Derax 28.08.2014
3. ...
Zitat von S. Schr.ganz witzig sowas. Ist ja nicht so das dann das SWAT-Team an anderer Stelle fehlen könnte. Ganz witzig.
Kinderstreiche, nur leider mit heutiger Technik umso gefährlicher. #1 unnötiger post .
Leser161 28.08.2014
4.
Wieso sieht der Typ eigentlich überhaupt nicht überrascht aus als er ge-SWAT-et wird? Nur mal so....
mindcrime 28.08.2014
5. ...
Wenn man als Betroffener "Glück" hat und der/die Täter/-in ermittelt wird, so kann sich dieser/diese von der finanziellen Existenz verabschieden. Man bedenke nur die Schadensersatzsummen, die in Zivilrechtsprozessen in den USA zugesprochen werden. Einen solchen Einsatz als Ziel erlebt zu haben sollte für eine posttraumatische Belastungsstörung ausreichen...
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