Datenfestung Swiss Fort Knox: Berg voller Bytes

Aus Saanen berichtet

Datentresor: Berg voller Bytes Fotos
Christoph Seidler

Daten irgendwo in der Cloud speichern? Viel zu unsicher, sagt ein Schweizer Unternehmen. Nur tief unter den Alpen seien Dateien gut geschützt - in einem ehemaligen Militärbunker. Besuch in einem besonderen Datenzentrum.

Sie gruben und bohrten, sie hackten und sprengten: Während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahrzehnten danach durchlöcherten die Schweizer ihre Alpen. Es entstanden Tausende Verteidigungsanlagen im Fels. So wollte man mögliche Invasoren mit aller Kraft bekämpfen, gar einen Atomkrieg überstehen. Für manche ist das sogenannte Reduit ein angemessener Selbstschutz - und für andere das Produkt einer ausgeprägten Paranoia.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gab die Armee viele Bunker auf, einige wurden zivilen Firmen zur Nutzung angeboten. Und in zwei solcher Anlagen betreibt das Schweizer Unternehmen SIAG Secure Infostore AG nun Datenzentren. Sie sollen Computer vor allen Widrigkeiten der Welt schützen: Erdbeben, Diebstahl, Terror, Spionage und so weiter.

Eine der beiden Anlagen ist komplett tabu für Besucher. Sie wird irgendwo bei Zweisimmen in den Berner Alpen noch immer vom Schweizer Militär betrieben, heißt es. Der zweite Bunker liegt am Rand des ehemaligen Militärflugplatzes von Saanen, wo einst De-Havilland-Kampfjets im Fels versteckt wurden. Hierhin nimmt SIAG-Chef Christoph Oschwald handverlesene Gäste mit - wenn die vorher versprechen, nicht zu viele Details über das Sicherheitssystem zu verraten.

Es umfasst unter anderem Codekarten, eine rund drei Tonnen schwere Stahltür, eine schusssichere Zutrittsschleuse und permanente Videoüberwachung. Und natürlich den finster dreinblickenden Mann vom Sicherheitsdienst, der Besucher auf Schritt und Tritt begleitet.

Statt ihre Computer in gesichtslosen Mehrzweckhallen unterzubringen, wie es die Konkurrenz tut, setzen die Schweizer auf das militärische Erbe: "Künstlich errichtete Gebäude sind nicht zu schützen, wir hier müssen dagegen nur den Zugang absichern", so Oschwald. Und so bleiben viele Türen beim Besuch verschlossen - wie etwa der Raum, den nach Oschwalds Angaben eine Genfer Bank für eine Viertelmillion Franken im Jahr gemietet hat. Durch einen schmalen Sichtschlitz sind nur ein paar Computer-Racks zu erkennen, an denen grüne LEDs blinken.

Ohnehin sieht man den Rechnern im Berg nicht an, welche Datenschätze hier liegen. "Wir sind kein Backup-System für Steuerhinterzieher und Großkriminelle", beteuert Oschwald. Ein einziges Mal in 19 Jahren habe die Staatsanwaltschaft Zugriff auf Daten angefordert. Die seien ohnehin mit einer AES-256-Verschlüsselung codiert. "Ermittler werden nicht an die Daten herankommen, ohne dass sie das Passwort vom Inhaber bekommen."

Kühlung mit Wasser aus dem Fels

Wer nutzt nun den Speicherdienst im Alpenfels? Oschwald zeigt auf eine Tafel: Logos vom Baukonzern Implenia sind da zu sehen, von der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer oder vom Nobelhotel Gstaad Palace. Die ganz großen Namen fehlen aber - vielleicht auch weil sicher nicht jeder Kunde auf solch einer Übersicht auftauchen will?

"Großunternehmen lösen das Backup selbst, die brauchen uns nicht", sagt Oschwald. Man richte sich vor allem an mittlere bis kleinere Unternehmen und Privatpersonen. Doch ein- bis dreimal im Jahr würden Kunden auch mit dem Flugzeug anreisen, um ihre Daten abzuholen. Das legt nahe, dass auch nicht mit dem Netz verbundene Datenspeicher in Saanen lagern.

Ob Oschwalds Zahl stimmt oder nicht, lässt sich freilich kaum überprüfen. Der Flugplatz mit Zollabfertigung liegt in jedem Fall direkt vor der Tür. Und die Geschichte klingt gut. Und am Ende geht es beim Datentresor im Berg eben auch um eine gute Story. Und da hat die Alpenfestung einiges zu bieten: Die Computer im Bunker werden mit acht Grad kaltem Wasser aus den Tiefen des Berges gekühlt, das leise durch Plastikrohre rauscht. Andere Anlagen sorgen für konstant 18 Grad Umgebungstemperatur und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit, ein permanenter Überdruck hält unerwünschte Stoffe draußen.

Zwei Kohlefilter würden im Ernstfall sogar atomare, biologische und chemische Kampfmittel fernhalten. Und ein Schrank voller Akkus liefert im Fall eines Stromausfalls Elektrizität - bis nach einer Minute die beiden 1-Megawatt-Dieselgeneratoren anspringen. Einen Monat könne man sich im Zweifelsfall im Berg wohl selbst versorgen, schätzt Oschwald.

Mitte der neunziger Jahre hatten der ehemalige Luftwaffenoffizier und sein Kollege Hanspeter Baumann die Firma gegründet. Die Schweizer Telekom und eine Cisco-Tochter waren als Partner dabei - doch der Laden lief noch nicht recht: "Damals klang das Konzept vielleicht plausibel. Doch in der Praxis gab es viele Probleme, vor allem die teure Netzwerkanbindung."

Wachstumsprognosen aus dieser Zeit hat das Unternehmen längst zu den Akten gelegt. Und nach einem Management-Buy-out wurden Oschwald und Baumann alleinige Chefs. Mittlerweile kostet Netzwerkkapazität deutlich weniger - und der Laden scheint zu laufen. Das Datenzentrum, so heißt es, ist nun über die Leitungen dreier unabhängiger Provider ans Netz angebunden. Außerdem gebe es eine Glasfaserverbindung zum etwa zehn Kilometer entfernten zweiten Standort.

Am Ende kaufen Oschwalds Kunden vor allem ein Gefühl - dass ihre Daten im Berg so sicher liegen wie nirgends sonst. Der Markenname Swiss Fort Knox, unter dem die Anlagen vermarktet werden, legt das nahe. Jeder mag für sich selbst entscheiden, ob das angemessener Selbstschutz ist. Oder ausgeprägte Paranoia.

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