Zukunft der Medien Daten sammeln, Kontrolle verlieren

Nutzer vermessen und Inhalte direkt für Facebook produzieren: Die Netzkonferenz South by Southwest zeigt, wie sich US-Firmen wie die "Washington Post" und "Buzzfeed" die Zukunft der Medien vorstellen.

"Buzzfeed"-Gründer Jonah Peretti (Archivbild): Längst einer der bekanntesten Medienmacher
DPA

"Buzzfeed"-Gründer Jonah Peretti (Archivbild): Längst einer der bekanntesten Medienmacher

Aus Austin berichtet


Werbung allein reicht nicht, sagt Ben Lerer. Nur mit Werbung könnten Verlage im Internet nicht genug Geld verdienen, um ihre Redaktionen zu bezahlen. Der 32-jährige Lerer hat aus seinem Newsletter für Männer in New York die Medienfirma Thrillist gemacht, mit angeschlossenem Shopping-Klub. Jährlicher Umsatz: 100 Millionen Dollar. Da kann man anderen Medien schon mal Tipps geben.

Nicht auf Anzeigen vertrauen, sondern selbst Daten über Nutzer sammeln und zu Geld machen, rät Lerer. Alles ganz einfach, darauf ein Bier. Lerer greift am Rednerpult zur Dose, mehrere hundert Zuschauer warten geduldig.

Auch aus Deutschland sind einige Chefredakteure angereist. Das Geschäft mit Online-Werbung ist schwer, die Konkurrenz groß. Auf der Netzkonferenz South by Southwest im texanischen Austin erklärt Lerer, warum seine Lifestyle-Firma sogar als Vorbild für die "New York Times" dienen soll.

Kooperationen mit Händlern

Die Zeitung könne doch zum Beispiel mit dem Online-Brillenhändler Warby Parker zusammengehen, sagt er. Jedenfalls jetzt noch, in ein paar Jahren sei der Brillenhändler dann zu groß und erfolgreich für eine Übernahme. Ehrlich berichten über die Brillenbranche könnten die Journalisten trotz der Partnerschaften, meint Lerer. Sie müssten es sogar, die Nutzer seien ja nicht doof.

Verlage in Handelsfirmen umzubauen, ist keine neue Idee. Bisher sei den traditionellen Verlagen aber nicht viel mehr als der Versand von Wein eingefallen, sagt Lerer verächtlich. (Die Sonntagsausgabe der "Neuen Zürcher Zeitung" hat ihren gerade wieder eingestellt, aber das ist eine andere Geschichte.)

Daten, Waren, Artikel

Über Lerers Ideen lässt sich streiten. Viel wichtiger noch als der Ansatz, Nebengeschäfte zum Hauptgeschäft zu machen, sind allerdings Daten. So viel Einigkeit besteht in Austin.

Manager traditionsreicher Medien wie "Washington Post", "Guardian" oder "New York Times" berichten davon, ebenso die Macher von Online-Angeboten wie "Refinery29", "The Daily Beast" und "Now This News". Das Verstehen und Vermessen von Nutzern ist ein großes Thema beim South by Southwest, genau wie die Lehren, die Unternehmen und Journalisten daraus ziehen können.

Bei der "Washington Post" arbeiten mittlerweile 47 Entwickler mit den Journalisten zusammen, berichtet Chefredakteur Martin Baron. Dabei geht es nicht nur um die Analyse, welche Inhalte wie genutzt werden. Die Programmierer helfen auch dabei, Geschichten multimedial und interaktiv zu erzählen. Anstatt Technik einzukaufen, würde bei der "Washington Post" möglichst viel selbst entwickelt, sagt Baron.

Zurück zur Tablet-Zeitung

Der Zeitung hilft, dass sie vor zwei Jahren von Amazon-Gründer Jeff Bezos übernommen wurde und investieren kann. Mit Daten kennt Bezos sich dank Amazon aus. Als nächstes soll eine App das Blättern und Stöbern in der gedruckten "Washington Post" aufs Tablet bringen. Genau das versuchen Verlage schon länger. Langsam sei die Technik so weit, dass es auch gut aussehe und blitzschnell funktioniere, sagt Baron.

Nutzer vermessen, neue Einnahmequellen erschließen, Geschichten programmieren - das sind große Aufgaben für Verlage, die gerade erst den Mobilschock verkraftet haben, den rapiden Anstieg von Angebotszugriffen über Smartphones. Den nächsten Schock zeigt den angereisten Medienmachern der Chef von "Buzzfeed", Jonah Peretti.

"Buzzfeed" beschäftigt rund 900 Mitarbeiter weltweit, kommt auf 200 Millionen Nutzer und eine Milliarde Videoabrufe im Monat - und ist nach eigenen Angaben profitabel. Künftig sollen "Buzzfeed"-Inhalte nicht nur auf der eigenen Website und in der App zu sehen sein, sondern direkt im "Stream" der Nutzer, also auf Facebook, Instagram oder Twitter.

Virale Tierfutterwerbung

Damit verdiene "Buzzfeed" zwar nicht direkt Geld, sagt Peretti, und bekomme keine Klicks auf die eigenen Seiten. Dafür erhalte man aber etwas sehr Wertvolles: Daten darüber, wie welche Inhalte bei Nutzern ankommen. Mit diesem Wissen ausgerüstet, kann "Buzzfeed" weiter wachsen und seine Inhalte optimieren.

Den Werbepartnern können dann maßgeschneiderte Angebote gemacht werden, etwa Katzenvideos mit Werbung für Tierfutter, die sich viral im Web verbreiten. "Buzzfeed" soll überall sein, mit passenden Inhalten. Die eigene Website ist nur noch ein Baustein dieser Strategie. "Sensationeller Vortrag von 'Buzzfeed-CEO'", lobte der Wirtschaftsjournalist Holger Schmidt anschließend auf Twitter.

Videos auf YouTube und Instagram, Artikel auf Facebook, News auf Twitter - Peretti feiert diesen Kontrollverlust, er will sich auf Inhalte konzentrieren. Ein neues Kreativteam bei "Buzzfeed" ist nur dafür da, diese Kanäle mit Experimenten und Spaßinhalten zu bespielen. In Deutschland wird die Macht der Plattformen hingegen seit jeher kritisch gesehen.



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
spiegelleser987 18.03.2015
1.
Gibt es doch schon auch in DE. Zeitschriften sind bereits die Konkurrenz zu den Händlern, von denen sie Anzeigen fordern. Und sie verkaufen alles zu Toppreisen. Warum soll da noch jemand Anzeigen in Zeitschriften setzen?
AmyYma 18.03.2015
2. Und irgendwann ...
... gibt es keine Nachrichten mehr, sondern nur noch Produktplatzierungen. Und jede Nachricht, die keinen Umsatz nach sich zieht, wird schon von vornherein nicht recherchiert. Die totale Kommerzialisierung von allem und jedem wird der Tot der Kultur sein.
peter_silie_1 18.03.2015
3. Fortschritt!?
Ein Grund mehr, beim guten alten Papier zu bleiben. Die Verlage sollten sich mal wieder darauf besinnen, was sie einst groß gemacht hat. Gute Recherchen! Wenn ich mir diese Oberflächlichkeit heute in den Printmedien so ansehe, dann verliere ich auch so langsam die Lust zum Papier zu greifen.
Aase 18.03.2015
4. jung, dynamisch, verantwortungslos
Eben made in usa!: Jonah Peretti et. al.
g_bec 19.03.2015
5. Kann mir mal bitte
jemand das Geschäftsmodell "Daten sammeln und damit Geld verdienen" erklären? Ich versteh es wirklich nicht und habe den Eindruck, dass hier eine Blase aufgepumpt wird. Denn am Ende steht immer wieder "um maßgeschneiderte Werbung zu platzieren" --> Was ist dann mit AdBlockern? Und wer zahlt für "die Daten"? Und wieviel?
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