Aus Austin berichtet Ole Reißmann
Sie lieben den Geruch von alten Büchern, sie interessieren sich für veraltete Technik, sie haben Freude an Kratzern und Gebrauchsspuren: Die Rede ist von Menschen zwischen 18 und 35 Jahren, den sogenannten Millenials, für die Internet und Computer ganz selbstverständlich sind. Diese Millenials wollen Dinge wieder anfassen können.
Das zumindest ist das Ergebnis einer großen Umfrage in den USA, die Ann Mack von der Marktforschungsfirma JWT Intelligence auf dem South by Southwest präsentierte. Demnach suchen viele nach einem Gegenmittel zu klinisch sauberen Apple-Geschäften mit ihren seelenlosen, perfekten Geräten. Sie haben einen gut gefüllten MP3-Player und stellen sich ganz nostalgisch Schallplatten ins Regal.
"Man könnte das als Hipstertum abtun", sagt Mack, "aber ich glaube, das Analoge wird uns eine ganze Weile begleiten. Das ist der Gegentrend zum digitalen Lifestyle." Auf dem Festival ist die Liebe zum Analogen allgegenwärtig. In den vergangenen Jahren waren Internetdienste und Smartphone-Apps das große Thema, diesmal stehen Hardware und der kreative Umgang damit, die Hardware-Hacks, im Mittelpunkt. Fünf Beispiele:
100-Dollar-Konsole für kreative Wohnzimmerspiele: Ouya
Acht Millionen Dollar kamen bei einer Crowdfunding-Kampagne zusammen, nun hält Uhrman eine der nur faustgroßen Ouya-Konsolen hoch. "Hardware ist schwierig, aber da ist nichts besonderes drin, alles Standardkomponenten", sagt sie. "Wir bauen ein neues Ökosystem auf, eine neue Spieleplattform, und das ist richtig anstrengend." 1200 Ouya-Boxen und Controller hat ihre Firma an Entwickler verschickt, im Juni soll der reguläre Verkauf zum Preis von 100 Dollar starten.
Sensoren für Gestensteuerung: Leap Motion
In dem Film "Minority Report" fuchtelt Tom Cruise vor holografischen Displays mit seinen Armen, um den Computer zu steuern. Tatsächlich könnte die verkrampfte Hand auf der Maus bald der Vergangenheit angehören: Die Firma Leap Motion verkauft ab Mai einen fingergroßen Sensor, den man vor seinem Bildschirm auf dem Tisch legt. Der erkennt dann, wie man seine einzelnen Finger bewegt. Auf dem South by Southwest können Besucher mit ihren Fingerbewegungen einen Fischschwarm irritieren und ein Geschicklichkeitsspiel steuern. Im Vergleich zum Herumtapsen auf einem Touchscreen funktioniert die Fingersteuerung schneller und präziser - und sie macht viel mehr Spaß. Eine offene Schnittstelle soll es Entwicklern ermöglichen, ihre Anwendungen und Spiele für die neue Gestensteuerung anzupassen.
Drohnen zur Rentnerüberwachung?
Längst haben nicht nur Militärs und Polizei Zugriff auf Drohnentechnologie. Es wird Zeit, das öffentliche Bild von der Killermaschine anzupassen: Die Fluggeräte werden kleiner, leichter und billiger. Hardware-Hacker veröffentlichen Baupläne als Open Source und statten ihre eigenen unbemannten Flugobjekte mit allerlei Sensoren und Funktionen aus. Mehrere Firmen präsentierten am Montag, dem "Droneday", ihre Fluggeräte.
Künftig sei es völlig normal, dass Drohnen nach Vermissten suchen, auf Rentner aufpassen und Felder überwachen, so der Tenor eines Drohnen-Rundumblicks mit dem ehemaligen "Wired"-Chefredakteur Chris Anderson. Nach dem Wirbel, den Googles Street-View-Autos in Deutschland gemacht haben, steht nun die nächste öffentliche Debatte um Privatsphäre und öffentlichen Raum bevor.
3-D-Scanner mit Druckfunktion: Digitizer von MakerBot
Was es bisher nur in Science-Fiction-Serien wie "Star Trek" gab, wird nun Wirklichkeit: Der Mitgründer der 3-D-Druckerfirma Makerbot, Bre Pettis, präsentierte einen Replikator. Ein Scanner, bestehend aus zwei Lasern und einer Kamera, nimmt ein Objekt auf, errechnet daraus binnen wenigen Minuten ein 3-D-Modell, dass sich dann mit einem entsprechendem Drucker anfertigen lässt.
Bisher musste man diese Modelle noch mit einem 3-D-Programm erstellen oder aus dem Internet herunterladen - nun kann man einen Legostein einfach verdoppeln. Die Firma Lego dürfte das allerdings nicht so gerne sehen. Zur Beruhigung sagt Pettis, dass das Drucken eines Legosteins sieben Minuten dauern würde. Da ist das Original dann doch noch billiger.
Der sprechende Google-Turnschuh: Selbstvermessung per Nervensäge
Google hat seine Kreativabteilung einen sprechenden Turnschuh basteln lassen. Sensoren messen die Lage und die Beschleunigung des Schuhs, über Bluetooth kann ein kleiner Rechner die Daten an ein Smartphone schicken - oder den Träger über einen eingebauten Lautsprecher mit britischem Akzent anpöbeln, wenn er zu langsam läuft. Schnell wird deutlich: So ein Schuh könnte einem ganz schön auf die Nerven gehen.
Das Schuhgeschäft will Google vorerst nicht weiter aufmischen, die sprechenden Sneakers sind nur ein Gag. Sie sind aber ein gutes Beispiel für das, was in den Fachdiskussion zu E-Health und Selbstvermessung diskutiert wurde: wie die ständige Vermessung einem dabei helfen kann, spielerisch einen gesunden Lebensstil anzunehmen.
Facebook-Freunde statt Geldscheine
Das Digitale und das Analoge finden also wieder zusammen - einen Verlierer könnte es trotzdem geben: die Anonymität im Netz. Facebook-Manager Sam Lessin stellte am Sonntag in kleiner Runde seine persönliche Zukunftsprognose vor. In 30 Jahren, glaubt Lessin, läuft viel mehr noch als bisher über Tauschbeziehungen ab. Ein Beispiel: Wir setzen unser soziales Kapital ein, um in einer fremden Stadt unterzukommen, nicht mehr Geldscheine - zum Beispiel, in dem man kostenlos bei Freunden von Freunden schläft.
Früher sei das aufwendig gewesen, doch mit dem Internet und sozialen Netzwerken würden Informationen nun viel schneller überall auf der Welt zur Verfügung stehen. Um zu erfahren, dass der Freund eines Freundes in einer anderen Stadt wohnt und einen aufnehmen könnte, reichen ein paar Klicks. Die eigene, in sozialen Netzwerken präsentierte Identität ist in so einer Welt mehr als nur Visitenkarte, sie ist das Konto für das soziale Kapital.
Kein Wunder, dass Lessins Arbeitgeber so vehement gegen Anonymität in seinem Netzwerk vorgeht. Auf den Datenschützer von Schleswig-Holstein angesprochen, der die anonyme Nutzung von Facebook verfügen will, sagt Lessin nur: "Man kann keine Gesetze gegen die Zukunft machen." Lessin sieht die Herausforderung eher bei der Politik: Je mehr wir auf Geld verzichten, desto mehr würden Banken an Bedeutung verlieren, und desto weniger aussagekräftig wären Statistiken zur Wirtschaftsleistung eines Landes.
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