Symbolträchtiges Bekenntnis: BitTorrent-Erfinder Cohen warnt vor Film-Downloads

Das P2P-Programm BitTorrent mit seinen 45 Millionen Nutzern gilt als Hollywoods größte Bedrohung. Nun bewegten Studiobosse BT-Erfinder Bram Cohen dazu, dem Filmdownload abzuschwören. Das ändert zwar gar nichts, klingt aber gut.

Bram Cohen ist jemand, der zwischen den Welten wandelt. Einerseits ist der Erfinder der P2P-Software BitTorrent eine Kultfigur der Dateitauscher-Szene, andererseits hat er sich aus deren "Fehlverhalten" stets herausgehalten. Cohen mag die Katze aus dem Sack gelassen haben, ansonsten hat er es jedoch verstanden, sich seine Weste sauber zu halten. Das Tauschen urheberrechtlich geschützter Werke, hat er ungezählte Male unterstrichen, habe er nie im Sinn gehabt. Er habe sein Programm geschrieben, um große Dateien möglichst effektiv über das Web zu verteilen.

Suchmaschine von BitTorrent.com: Künftig ohne "unauthorisierte Inhalte"

Suchmaschine von BitTorrent.com: Künftig ohne "unauthorisierte Inhalte"

Und das ist nicht nur für P2P-Nutzer interessant, sondern auch für alle Unternehmen, die eben solche großen Dateimengen zu verbreiten haben - und dazu gehört nicht zuletzt die Filmindustrie. Vor einigen Monaten gelang es Cohen, 8,75 Millionen Dollar Risikokapital aufzutreiben, um sein Mini-Unternehmen BitTorrent.com zu einer Softwareschmiede für legale Datei-Verteiltechniken aufzubauen.

Bisher hatte Cohen nämlich herzlich wenig von seiner Erfindung, die er mit ihrem Sourcecode der Web-Gemeinde geschenkt hatte.

Seitdem schießt die Zahl der BitTorrent- und Trackerseiten ins Kraut, über die jedes nur denkbare digitale Gut in kopierter Form Verbreitung findet. Zeitweilig lag der Anteil des BitTorrent-Traffics am gesamten Internet-Datenverkehr bei über 50 Prozent. Zusammen mit eDonkey-Dateiströmen ist es das Gros des gesamten Netzwerkverkehrs.

Grund genug für die Mächtigen der Entertainmentbranche, Cohen gleich zweifach zu umwerben: Zum einen, um selbst von seiner Technik zu profitieren, zum anderen, um weiteren Schaden von sich abzuwenden. Denn auch wenn Cohens Einfluss auf den Tauschverkehr gegen Null geht, ist er doch eine Symbolfigur.

Signal an die Fans

Am Dienstag unterzeichnete er förmlich eine Erklärung, in der er versichert, über seine Webseite künftig keine urheberrechtlich geschützten Filme mehr zugänglich machen zu wollen. "BitTorrent Inc. rät von der Nutzung seiner Technologien für die unauthorisierte Verteilung von Filmen ab", heißt es in dem Statement. "Darum arbeiten wir gern mit der Filmindustrie zusammen, um unauthorisierte Inhalte aus den Ergebnislisten von BitTorrents Suchmaschine zu entfernen."

In Presseerklärungen feierte die Filmindustrie das als wichtigen Sieg: "Sie setzen ein Beispiel für andere Firmen", kommentierte MPAA-Chef Dan Glickman.

Das ist wenig wahrscheinlich - und wohl auch nicht wirklich primärer Sinn und Zweck der Übung. BitTorrent.com ist nur eine von Hunderten von BT-Suchseiten, und es war nie eine besonders populäre: Cohens Hauptinteresse ist die Verteilung von Software, nicht von geklauten Filmen.

Für die Filmindustrie setzt Cohens öffentliches Bekenntnis gegen die Verteilung von Raubkopien trotzdem ein wichtiges Signal. Anders als bei anderen P2P-Techniken kann man BitTorrent nicht "schließen", denn einen einzelnen Betreiber des Netzwerkes gibt es nicht - es gibt Tausende. Zudem wird BT auch für viele legale Anwendungen genutzt, nicht zuletzt auch von der Entertainment-Industrie.

Als Maßnahmen gegen den Missbrauch der BT-Technik bleiben der Industrie da nur unpopuläre Klagen gegen Internbenutzer, geziele Klagen gegen einzelne BT-Suchdienste oder Trackerseiten und Appelle an die Nutzerschaft, sich gesetzeskonform zu verhalten. Vor allem letzteres dürfte das wahre Ziel des publikumswirksamen "Deals" zwischen BitTorrent und Hollywood sein - einmal abgesehen davon, dass man mit einem Partner, der sich offen zur "legalen" Seite bekennt, auch leichter Geschäfte macht.

Frank Patalong

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