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Tagebuch-Ausstellung: Vom Holzblock zum Goetz-Blog

Blogs sind Schund, finden manche hierzulande. Blogs sind Kunst, finden andere. Dass das private Aufschreiben des täglichen Erlebens in einer langen Tradition steht, zeigt eine Ausstellung in Frankfurt am Main - sie versammelt Holzklotz-Blogger mit Digital-Literaten und schreibenden Dissidenten.

Weblogslogs oder Blogs gelten nicht nur, aber auch als moderne Form des Tagebuchs. Aber weil in ihnen manchmal bewusst Intimes in der Öffentlichkeit verhandelt wird, irritieren sie auch. Sind Tagebücher denn nicht eigentlich etwas sehr Privates? Dieser Frage geht jetzt die Ausstellung "Absolut privat? - Vom Tagebuch zum Weblog" im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main nach. Tagebücher aus Papier und solche aus Pixeln stellt sie einander gegenüber.

Zu sehen gibt es etliche Originale, zum Beispiel von Franz Kafka, Theodor W. Adorno, Clara Schumann und Johann Wolfgang von Goethe. Zu Ehren kommt natürlich auch das vielleicht berühmteste Tagebuch der Neuzeit: das der Anne Frank. Seiner Geschichte ist eine eigene kleine Abteilung gewidmet.

Besucher der Ausstellung gehen die ganze Zeit auf Tagebüchern. Genauer gesagt: auf Zitaten aus den Tagebüchern bekannter oder auch eher unbekannter Personen. Den 365 Tagen eines Jahres entsprechend wurden sie auf 365 verschiedene Filzteppichfliesen gedruckt. Da gibt es schon beim langsamen Durchschreiten der Schau immer wieder etwas zu entdecken, zum Nachdenken oder auch zum Schmunzeln. So begrüßt den Besucher direkt am Eingang auf dem Boden ein Zitat aus Franz Kafkas Tagebuch vom 7. Juni 1912: "Heute nichts geschrieben. Morgen keine Zeit".

In der Taschenuhr aus dem KZ geschmuggelt

Clara Schumann reduzierte ihre Texteinträge auf ein Minimum, stattdessen klebte sie Blumen und Pflanzen in ihr Blumentagebuch. Goethes "Schreib-Kalender" war eigentlich ein Geschäftskalender, gedacht zum Notieren von Einnahmen und Ausgaben. Andere Autoren zeichnen sich weniger dadurch aus, dass sie zu Lebzeiten oder später zu Ruhm gelangten, sondern durch die Umstände des Schreibens oder die Wahl ihrer Mittel. In Geschäftsbüchern, Notizbüchern, Wandkalendern und sogar auf Zigarettenpapier wurde Tagebuch geführt.

Der jüdische Journalist Fritz Solmitz dokumentierte im Konzentrationslager seine letzten Lebenstage im Jahr 1933 auf Zigarettenpapier. In Hast und ständiger Angst vor Entdeckung schilderte er so seine Qualen im KZ Fuhlsbüttel. Nach seinem Tod wurde seiner Frau seine Taschenuhr ausgehändigt - darin versteckt fand man die Zigarettenpapier-Aufzeichnungen. Sie wurden außer Landes gebracht und gehören zu den ersten schriftlichen Dokumenten, die über die Schrecken der KZ-Haft Auskunft geben konnten.

Holzklötze als Tagebuchersatz

Am Rande kommen in der Ausstellung auch diejenigen zu ihrem Recht, die für den Begriff Blog ursprünglich mit verantwortlich sind - die Logger, jene Seeleute, die ein Logbuch schreiben. Das Wort bezieht sich dabei auf das an einer Schnur befestigte Holzscheit (englisch "log"), das früher auf Schiffen zur Geschwindigkeitsmessung benutzt wurde. Dazu passend gibt es die "Tagebuchhölzer" von Hans Gröner zu sehen - die Jahre später von seiner bloggenden Enkelin Anke Gröner gefunden wurden (aktueller Eintrag: "Mein iPhone will per Autokorrektur aus Blog immer blöd machen"). Gröners Blogmotto passt gut zu den viel privateren Aufzeichnungen ihrer auf Papier schreibenden Vorgänger: "Blog like nobody's watching" - blogge, als ob keiner zuschaut.

Die Besucher sollen aber natürlich genau das - zuschauen, mitlesen. In der Ausstellung können sie sich die Tagebücher nicht nur in den Vitrinen ansehen, sondern auch an eigens dafür eingerichteten Plätzen niederlassen und in Ruhe Texte studieren. An Bildschirmen klickt man sich durch eine Auswahl digitaler Tagebücher - etwa das Proto-Blog "Abfall für alle", das der Schriftsteller Rainald Goetz 1998 ins Netz stellte. Goetzens "Abfall" wurde später auch als Buch veröffentlicht - und passt so gut in die Ausstellung, denn auch wenn dort sowohl gedruckte als auch digitale Werke zu ihrem Recht kommen sollen, so bleibt doch ein Übergewicht des Papierenen.

Allerdings auch deshalb, weil wegen der besseren Vergleichbarkeit einige digitale Werke ausgedruckt und auf die Ausstellungswände geklebt wurden. Insgesamt rund 30 Blogs werden näher vorgestellt, und so bekommt der Besucher doch einen Einblick, welche Formen und Möglichkeiten des Bloggens es heute gibt und wie man sich selbst ein Blog einrichten kann.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 14. September in Frankfurt am Main und wird danach noch in den Museen für Kommunikation in Nürnberg und Berlin zu sehen sein. Im Internet gibt es natürlich auch ein Blog zur Ausstellung und ihrer Entstehung.

cis/AP

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