Tagging im Trend Gemeinsam besser finden

Jeder vierte US-Bürger hat es schon einmal getan: Tagging. Die neue Methode, Online-Inhalte mithilfe von Schlagworten zu katalogisieren, gehört zu den Kerntechnologien von Web-2.0-Angeboten.

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Die Zahl, mit der das Pew Internet & American Life Project derzeit hausieren geht, klingt beeindruckend. Eine Umfrage hat ergeben, dass immerhin 28 Prozent der US-amerikanischen Web-Surfer das Internet bereits genutzt hat, um Online-Inhalte mit sogenannten Tags zu versehen. Diese Aussage stimmt zunächst einmal optimistisch. Sind Web-Surfer, zumal amerikanische, also doch aktive Mitglieder einer gigantischen Community, die sich im Web 2.0 öffentlich ausdrückt und dazu beiträgt, das Wissen der Menscheit zu mehren - oder wenigstens zu sortieren?

Ganz so nahe an einer besseren Welt sind wir wohl doch noch nicht. Dabei träumen Web-Visionäre, wie der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, schon lange von einem "semantischen Web". Von einem Internet also, dessen Inhalte man nicht nach Begriffen, sondern nach deren Bedeutungen durchsuchen kann. Könnte es sein, dass uns das sogenannte "Tagging" dieses Web schon gebracht hat?

Nur zum Teil. Denn schon in ihrem zweiten Absatz konkretisieren die Autoren der Umfrage ihre Aussage. Dort nämlich erläutern sie, dass nur sieben Prozent der Befragten täglich taggten. Die übrigen 21 Prozent befassten sich nur gelegentlich damit.

Wie so oft bei neuen Technologien sind es in erster Linie gut verdienende und bestens ausgebildete Anwender unter 40, die aktiv "taggen". Männer sind bei dieser Freizeitbeschäftigung allerdings ausnahmsweise nicht in der Überzahl. Stattdessen beteiligen sich Männer und Frauen gleichermaßen am kollektiven Verschlagworten des Internet.

Gemeinschaftsleistung Tagging

Denn Tagging beschränkt sich nicht auf private Inhalte. Natürlich taugen Tags auch dazu, das eigene Foto-Archiv zu katalogisieren. Richtig spannend wird es aber erst, wenn sich ganze Online-Gemeinschaften daran machen, jedweden Online-Inhalt per Tag zu beschreiben. Als Paradebeispiel mag die Online-Foto-Community flickr dienen. Dort können die Anwender Fotos mit griffigen Schlagworten versehen. Je mehr Anwender sich daran beteiligen, desto genauer werden die Inhalte der jeweiligen Bilder beschrieben. Ganz ähnlich funktioniert auch das Videoportal YouTube. Dessen Tag-Funktion ist allerdings ausschließlich den Uploadern der jeweiligen Filme vorbehalten.

Das man Tags nicht nur nutzen kann, um Ordnung in ansonsten unübersichtliche Sammlungen von Multimedia-Dateien zu bringen, beweist die Blog-Suchmaschine Technorati. Dort nämlich werden Blog-Einträge zwecks besserer Einordnung mit Schlagworten versehen. Auf diese Weise spielt Technorati den größten Vorteil der Tagging-Technologie aus, nämlich deren Fähigkeit, komplexe Datenbestände einfach durchsuchbar zu machen. So kann man durch Eingabe weniger Suchbegriffe Weblogs zu seinen persönlichen Interessengebieten aufstöbern.

Tagging für Millionen

Mit diesem Ansatz hat sich das "Social Bookmarking"-Portal del.icio.us ein Millionenpublikum erobert. Dort können Websurfer ihre Bookmarks mittels Tags verwalten. Dieses Beispiel illustriert anschaulich, wie sehr sich Tags von althergebrachten Methoden, Informationen zu ordnen, unterscheiden. In Webbrowsern werden Bookmarks üblicherweise in Form von Listen verwaltet. Diese Listen wiederum können zwecks besserer Übersichtlichkeit in thematisch gegliederte Ordner abgelegt werden. Also legt man beispielsweise einen Ordner "Auto" für alle Bookmarks an, die mit Autos zu tun haben, und einen anderen Ordner "Reisen" für Bookmarks die sich mit Reisen beschäftigen. Was aber, wenn sich hinter einem Bookmark eine Website mit Informationen zu Autoreisezügen oder Reisen per Auto verbirgt? Bei del.icio.us weist man einem solchen Bookmark einfach die beiden Tags "Auto" und "Reisen" zu. Das System ist einfach aber effektiv.

Über die Erstellung von Ordnung hinaus ermöglichen Tag-Systeme allerdings auch eine Bewertung der jeweiligen Inhalte. Bei del.icio.us drückt sich dieses Rating dadurch aus, dass zu jedem Bookmark die Zahl jener Nutzer angegeben wird, die diesen Bookmark für sich gespeichert haben. Die Höhe dieser Zahl kann als Anhaltspunkt für die Güte, zumindest jedoch für die Beliebtheit der jeweilige Webpage in der del.icio.us-Community dienen. Darüber hinaus erproben einige Web 2.0-Angebote aber auch grafische Darstellungsformen, um die Beliebtheit bestimmter Tags darzustellen. Bei flickr beispielsweise werden die Tags als eine Wolke aus Worten dargestellt in der die Größe eines Begriffs über dessen aktuelle Beliebtheit unter den flickr-Usern informiert. Eine "Tag-Wolke" gehört mittlerweile als Standardelement zu vielen der neuen Web-Anwendungen.

Noch nicht universell

Trotz all dieser Vorteile: noch ist Tagging weit davon entfernt, perfekt zu funktionieren. Als Beispiel sei die Sprachbarriere genannt. Wer etwas mit Tags versieht, neigt dazu, seine Muttersprache zu benutzen. Das ist einleuchtend. Allerdings führt diese Eigenheit auch dazu, dass man nach Eingabe eines bestimmten Suchbegriffes stets nur eine Teilmenge der tatsächlich passenden Ergebnisse präsentiert bekommt. Wer also bei flickr nach Bildern von Sonnenuntergängen sucht und das Wort "Sonnenuntergang" ins Suchfeld eintippt, wird zwar jede Menge deutscher Sonnenuntergänge, aber weder die vielen englischen "Sunsets" noch einen französischen "coucher de soleil" zu sehen bekommen. Doch selbst wenn dieses Problem in den Griff zu bekommen wäre, blieben stets Interpretationspielraum und persönliche Vorlieben des jeweiligen Users als Unwägbarkeiten. Schließlich kann sich hinter dem Tag "Rose" nicht nur eine Blume, sondern auch eine Farbe oder gar der Sänger einer amerikanischen Hardrock-Band verbergen.

Genau das aber kann auch den besonderen Reiz einer Surftour mit Tags ausmachen. Denn gerade diese Unschärfe führt manchmal zu vollkommen unvorhersehbaren Ergebnissen, die deshalb aber nicht weniger charmant sein müssen. Indem man in Tags stöbert die andere Nutzer mit möglicherweise ähnlichen Interessen angelegt haben, wird man auf Dinge gestoßen, die man mit einer normalen Suchmaschine, wie etwa Google oder Yahoo, nicht entdeckt oder übersehen hätte.



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