Tansanias IT-Wirtschaft Wo Apps echte Probleme lösen

Der Trend zum eigenen IT-Start-up existiert nicht nur in der westlichen Welt. Ostafrikanische Staaten wie Tansania haben das Potenzial hinter dem Geschäft mit Apps erkannt. In 15 Jahren sieht sich die dortige Gründerszene in der gleichen Liga wie Berlin.

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Villan Alex: Die 26-Jährige entwickelt eine App, die Frauen auf dem Land über gesunde Ernährung und Schwangerschaft informieren soll
Karsten Kaminski

Villan Alex: Die 26-Jährige entwickelt eine App, die Frauen auf dem Land über gesunde Ernährung und Schwangerschaft informieren soll



Wie Menschen für eine bessere Welt kämpfen

Mit Laptops auf dem Schoß und Smartphones in der Hand sitzen sie da: die zukünftigen Firmengründer Tansanias. Dass gerade Stromausfall ist, stört hier keinen. Sie haben mobiles Internet und Wechsel-Akkus. Informatiker, Geschäftsleute und Studenten sitzen im Buni-Hub in Dar Es Salaam, um ihre neuesten Geschäftsideen umzusetzen. In Gruppen werden neue Apps programmiert oder Webseiten aufgebaut. Alle hier wollen vom IT-Boom in Tansania profitieren.

Seit dem letzten Jahr können IT-Interessierte die Büroräume nutzen, um ihre Ideen in die Realität umzusetzen. Es werden Workshops gegeben, Vorträge auf Englisch und auf Swahili geübt und Business-Pläne aufgestellt. Jumanne Mtambalike, Leiter des Buni-Hubs, sieht den Ort als Ideen-Fabrik: "Natürlich schauen wir nach Amerika und Europa und sehen, welche großartigen Erfindungen aus dem Silicon Valley kommen. Davon sind wir noch weit entfernt, aber wenn sich alles so weiter entwickelt, sehe ich uns in zehn bis 15 Jahren neben Start-Up-Städten wie Berlin. Wir müssen Gas geben."

Neue Technologien werden in Tansania rasch angenommen

Über die Hälfte der tansanischen Bevölkerung besitzt mittlerweile Smartphones. Neue Firmen für Apps, neue Telekommunikationsanbieter und Werbepartner sind entstanden - mit positiven Auswirkungen für den ganzen Sektor: Im letzten Jahr hat die IT-Branche rund zehn Prozent der Gesamtwirtschaft Tansanias ausgemacht. Nach Schätzungen von Wirtschaftsexperten soll sich das im nächsten Jahr sogar verdoppeln.

Dass sich neue Technologien in Tansania rasch entwickeln, zeigte die Einführung von "M-Pesa" im Jahr 2008. Auf Swahili bedeutet es "mobiles Bargeld". Mithilfe dieser Erfindung können Nutzer durch eine Tastenkombination auf dem Handy den Einkauf im Supermarkt oder die Taxifahrt bezahlen. Wer will, kann auch Gesundheit-Tipps von Ärzten abonnieren. Damit wurde das normale Handy zu einer Art Kreditkarte in Ostafrika. Im letzten Jahr haben fünf Millionen Menschen die "M-Pesa" Funktionen genutzt.

IT-Branche Tansania
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Jumanne Mtambalike fördert IT-Start-Ups in Tansania.

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Das Buni-Hub: Buni bedeutet auf Swahili "Erfindung" - und genau dabei möchte die Organisation helfen. Jedes Jahr bekommen Studenten eine Förderung, die es Ihnen ermöglicht, eine neue App oder eine Website zu gründen. Ziel ist es, eine Idee an Investoren zu verkaufen, so dass im Idealfall Start-Ups entstehen.

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Habari Mazao: Die erste Erfolgsgeschichte vom Buni-Hub ist diese Website: Sie gibt eine Preisübersicht von Agrarprodukten in Tansania. Sugwejo Kaboda (22) hat die App erst in diesem Jahr auf den Markt gebracht und schon sein Kundenumfeld erweitert. Neben Bauern nutzen auch Hotels und Großmarktketten die Übersicht, um ihre Preise abzustimmen.

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Soka: Tansanier sind fußballbegeistert. Mit Trommelkonzerten in Bussen feuern sie ihre Teams in der Vodacom Premium League an. Für eine Übersicht über den Spielverlauf und Tabellenplätze hat Michael Kimollo (24) zusammen mit seinem Team gesorgt. Dieses Jahr wurde die erste tansanische Fußball- App für Androids und iPhones entwickelt. Das Interesse ist so groß, dass sie jetzt auch einen SMS-Service entwickeln, um noch mehr Menschen mit Fußball-Infos zu versorgen.

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USIDUMAE: Diese App ist zwar noch in Entwicklung, aber das Ziel ist klar: Sie soll Frauen außerhalb der Städte über gesunde Ernährung und eine reibungslose Schwangerschaft informieren. Villan Alex (26) hat sich die nötigen Informationen von Ärzten besorgt und will sie via App und SMS zugänglich machen. Die Idee dazu entstand während ihres Studiums in Indien. Das Projekt soll aber in ihrem Heimatland Tansania umgesetzt werden. „Hier sind solche Apps gefragter“, meint Villan.

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Apps and Girls: Caroline Ekyarisiima hat im Buni-Hub ein Projekt nur für Frauen ins Leben gerufen. Für sie ist es wichtig, dass gerade Frauen in der aufstrebenden IT-Branche Fuß fassen. An Schulen gibt sie HTML-Kurse und versucht derzeit, IT-Clubs an weiterführenden Schulen einzuführen, damit junge Menschen wissen, welche Möglichkeiten das Internet bietet.

"Alle sollen vom Boom profitieren"

Da die Ideen-Werkstatt in Dar Es Salaam gerade einmal ein Jahr alt ist, beschränken sich viele Projekte zunächst auf Tansania oder Ostafrika. Jumanne Mtambalike findet diesen Ansatz wichtig: "Wir haben so viele Probleme in Afrika, wir brauchen keine neuen Apps für Ausgeh-Tipps. Die können ruhig weiter aus dem Westen kommen. Wir sollten die neuen Möglichkeiten nutzen, um eigene Probleme zu lösen." Deshalb fördert Jumanne Mtambalike zum Beispiel Start-Up-Gründer, die eine App entwickeln, die Frauen in der Schwangerschaft Gesundheitstipps geben soll. Die 26-jährige Villan Alex hat sich die nötigen Informationen von Ärzten besorgt und will sie mit den Frauen via SMS und App teilen.

Für die tansanischen Fußballfans - und davon gibt es viele - hat der 24-jährige Michael Kimollo eine App für Android und iOS entwickelt. Hier können sich die Fans über Spiele und Tabellenplätze informieren. Die App war auf Anhieb so erfolgreich, dass sie jetzt um einen SMS-Service erweitert wird.

Ein weiteres Beispiel für ein erfolgreiches Start-Up ist die Website "Habari Mazao". Hier können die Preise von Agrarprodukten auf den verschiedenen Märkten Tansanias miteinander verglichen werden. Sie soll vor allem Bauern einen Überblick über die Marktpreise von Getreide geben, um Preisabsprachen und Korruption zu verhindern. "Vom Erfolg des IT-Sektors sollen alle etwas haben", sagt Mtambalike, "deshalb engagieren wir uns für Projekte, die der Bevölkerung helfen. Alle sollen vom Boom profitieren."

"Eine Frau in Tansania muss nicht nur Hausfrau sein"

Dafür setzt sich auch Caroline Ekyarisiima ein. Sie hat in diesem Jahr die Gruppe "Apps and Girls" gegründet. Angefangen hat sie in ihrem Wohnzimmer. Jeden Abend hat sie Frauen eingeladen und ihnen gezeigt, wie Google funktioniert und welche Möglichkeiten Smartphones bieten. Mittlerweile geht Caroline an Schulen und bringt rund 180 Mädchen zwischen zehn und 18 Jahren die Grundlagen vom HTML-Programmierung bei: "Ich habe damals in der Schule eine Maus und eine Tastatur hingelegt bekommen und sollte mir selber beibringen, damit umzugehen. Ich will es besser machen und die neuen Möglichkeiten nutzen und jungen Mädchen die Chance geben im IT-Bereich durchzustarten."

Caroline Ekyarisiima kommt aus Kenia und hat dort ihre Grundlagen gelernt. Die Entwicklung der Branche ist in Tansania so lukrativ, dass sie denkt, es sei der richtige Ort, um ihren Traum zu verwirklichen: "Eine Frau in Tansania muss nicht unbedingt nur Hausfrau sein. Wir erleben gerade, wie eine aufsteigende Branche die Zukunft unserer Wirtschaft wird. Und dabei sollen auch Frauen mitreden." Deshalb versucht Caroline in ihrer Freizeit Fördergelder für Frauen-Start-Ups zu sammeln. Sie hofft, dass sie im nächsten Jahr eine eigene App von Frauen für Frauen auf den Markt bringt. Bis dahin wird sie an weiteren Schulen HTML-Schulungen geben und zeigen, welche Möglichkeiten das Internet bringt.

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insgesamt 6 Beiträge
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Freifrau von Hase 12.10.2014
1. Zukunft
"In 15 Jahren sieht sich die dortige Gründerszene in der gleichen Liga wie Berlin." Falls es in 15 Jahren noch Apps gibt...
vanselow 12.10.2014
2. Schöne Geschichte
Schon linux4afrika hat viele Schulen in Tansania mit alten PCs ausgestattet. Ein großes Problem ist dort die Stromversorgung, die oft nur für Stunden zur Verfügung steht. Smartphones und Notebooks haben Akkus und sind somit unabhängig vom Stromnetz. Solarzellen können den Strom liefern. Das Handy hatte schon große Fortschritte in der Region gebracht. Notebooks und Smartphones sind genau richtig für die dortige Infrastruktur. Da werden sicher bald Geschäfte mit USA und Europa gemacht, so wie das Indien heute schon tut.
darkview 12.10.2014
3. in 10 Jahren wie Berlin?
Wie wollen die das denn schaffen, aus der IT-Technik wieder Neuland zu machen? Da kommt doch keiner mehr mit. Ist das erstrebenswert?
aphog 12.10.2014
4.
Ich finde das wunderbar. Das zeigt wie viele Vorteile die Techniesierung mit sich bringen kann. :)
Gerixxx 12.10.2014
5. Schöne Geschichte....
....und den fleissigen kreativen Menschen dort ist das Beste zu wünschen. Allein die IT-Branche reicht jedoch nicht aus, um die Infrastruktur und Versorgung auf akzeptable Standards zu bringen. Auch ein Mindestmaß an Industrie sollte sich dort entwickeln lassen......Nie vergessen werde ich indes eine Reportage in der gezeigt wurde, wie ein bereits konkurrenzfähiger einheimischer Betrieb in der Textilbranche mit mehreren hundert Beschäftigten durch die u.a. aus Deutschland stammenden als "Hilfe" deklarierten second hand Billigklamotten des Roten Kreuzes in den Ruin getrieben wurde.....Der damalige Rot-Kreuz Chef Seiters stand für ein Interview nicht zur Verfügung.....
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