"Tasteless"-Seiten "Schwere sittliche Gefährdung"

Zerstückelte Leichen, Fotomontagen mit kannibalistischen Motiven, Voyeur-Angebote - das Web ist auch voller Müll der schlimmsten Sorte. Rasende Verbreitung finden die anstößigsten Webadressen vor allem unter Jugendlichen.


Ein Bild ging um die Welt: Da saß ein asiatischer Geschäftsmann an einem Esstisch und verspeiste deutlich sichtbar und mit Genuss die Überreste eines Babys. Das Foto schockte auf Webseiten, wurde Hunderttausende Male heruntergeladen, kursierte in der Firmenpost - und auf Schulhöfen.

Dass sich am Ende herausstellte, dass es sich bei dem Bild um die geschmacklose, provozierende Fotomontage eines Künstlers handelte, machte die Sache nicht besser. Trash der übelsten Sorte - ob echt oder nicht - findet rasende Verbreitung.

"Gerade in diesen Bereichen stoßen wir auf weit mehr Angebote als noch im vergangenen Jahr", sagt dazu Martin Döring von Jugendschutz.net. Im Auftrag der Bundesländer geht die Einrichtung in Mainz gegen jugendgefährdende Seiten im Internet vor. Zahlenmäßig wächst dabei das Angebot an harter Pornografie am schnellsten. Doch die größten Bedenken hat Döring in Sachen "Tasteless"-Angebote.

"Über unsere Hotline erhalten wir eine Vielzahl von Hinweisen auf derartige Angebote", sagt Döring. "Wir nehmen an, dass Kinder und Jugendliche das Betrachten dieser Bilder als Mutprobe ansehen." Wahrscheinlich gäben sie sie auch an den Schulen weiter.

Döring ist Jurist, und er hält solche Geschmacklosigkeiten nicht für eine Bagatelle: "Nach unserer Einschätzung sind 'Tasteless'-Angebote geeignet, Kinder und Jugendliche sittlich schwer zu gefährden". Gegen viele dieser Angebote könnten die Jugendschützer allerdings kaum etwas unternehmen, weil sie im Ausland ins Netz gestellt worden seien, vor allem den USA. Besorgten Eltern rät Döring, auf dem Computer zu Hause eine Filter-Software zu installieren, die den Zugriff auf bestimmte Arten von Webseiten verhindere.

Rund 550 Anbieter von offen zugänglichen Pornografie-Seiten in Deutschland sind Jugendschutz.net im vergangenen Jahr ins Netz gegangen, die Zahlen liegen seit wenigen Wochen vor. Mehr als 90 Prozent der Anbieter seien bereits nach einem ersten Hinweis der Jugendschützer bereit gewesen, beanstandete Inhalte zu entfernen oder den Zugang zu den Seiten zu beschränken. "Das ist unser Haupterfolg: Bei den Anbietern ist das Bewusstsein da, dass wir Unbelehrbare an die Behörden melden", sagte Döring. Ohne Altersbeschränkung werde Pornografie in Deutschland meist nur noch aus Unkenntnis ins Netz gestellt.

Herbe Kritik äußert Döring an den Registraren, den Vergabestellen für Domain-Namen. "Unerträglich" sei es, dass die DENIC Namen zulasse, "die als Gewerbeanmeldung niemals durchkämen." Dazu zählten beispielsweise verachtende Bezeichnungen für Frauen. "Aus unserer Sicht besteht da auch kein Unrechtsbewusstsein", sagte Döring.

Auf Seiten der Registrare sieht man das etwas anders: Die Anmeldung von Domain-Namen ist ein im höchsten Maße automatisierter Vorgang. Die Kapazitäten, alle Anmeldungen zu prüfen, fehlen.

Mehr als tausend jugendgefährdende Seiten erfassten die Mainzer Kontrolleure im vergangenen Jahr, drei Mal so viele wie 1999. Zusätzlich zu der für Erwachsene erlaubten "einfachen" Pornografie fanden sie 250 Fälle von harter Pornografie etwa mit Kindern, Tieren oder Gewaltdarstellungen, die sofort an das Bundeskriminalamt in Wiesbaden weitergeleitet wurden. Damit war die Zahl der hartpornografischen Seiten genauso hoch wie die der rechtsextremen Seiten, die Jugendschutz.net erfasste. Die Einrichtung wurde 1997 von den Jugendministern der Länder gegründet.



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