Tattoos für Nerds ASCII-Art als Körperkunst

Sich schlängelnde Schlangen, dralle Bräute oder schlicht "Mama", das sind Tattoo-Motive von gestern. Moderne Hautbilder bereitet man selbst am PC vor, lässt sie aus Buchstaben und Satzzeichen zeichnen. Das hat auch Vorteile, wenn sie eines Tages nicht mehr gefallen.


Aus einigen Metern Entfernung sieht die frischgestochene Tätowierung wie ein gewöhnliches Totenkopf-Motiv aus. Erst beim genauen Hinsehen wird deutlich, dass das Hautbild aus Punkten, Kommata oder Buchstaben besteht. Bislang in der virtuellen Welt beheimatet, hat "ASCII-Art", eine Kunstform, bei der Bilder am Computer allein aus Satzzeichen und Buchstaben gestaltet werden, jetzt Einzug in Tattoo-Studios gehalten. "Ich kann mir gut vorstellen, dass das ein neuer Trend wird", sagt Totto Jeratsch, Chef des Tätowierladens "Freie Manufaktur" im Hamburger Schanzenviertel. Seit zwanzig Jahren arbeitet er in der Szene. "Aber sowas habe ich noch nie gesehen."

Der digitale Totenkopf ziert jetzt das rechte Bein von Sabine Puchler aus Diepholz (Niedersachsen). Die Frau mit den pinkfarbenen Haaren hat kaum eine Miene verzogen, als Tätowierer Jabba die surrende Nadel an ihrer Wade ansetzte. "Das ist wirklich Pille-Palle", erklärt die 31-Jährige. Ihre fünfzehn weiteren Tattoos seien weitaus schmerzhafter gewesen. Nach nur einer Stunde ist das jüngste und wohl außergewöhnlichste Hautbild an ihrem Körper fertig.

"Eigentlich ist es das perfekte Motiv für Einsteiger", erklärt Jabba nach vollendeter Arbeit. Wenig Farbe auf wenig Fläche verursache wenig Schmerzen. "Außerdem heilt das Tattoo superschnell ab, weil kaum Schürfwunden entstehen."

Alte Technik, junge Fans

Auch wenn er als Tattoo ein Novum ist, entwickelt wurde der Computercode ASCII (American Standard Code for Information Interchange) bereits in den sechziger Jahren. "Er regelt, wie das Alphabet dargestellt wird und da Computer lange Zeit keine Bilder darstellen konnten, entstand die Idee, Grafiken aus Buchstaben zu entwickeln", erklärt der Hamburger Trendberater Christian Riedel.

Zunächst sei die ASCII-Kunst dann eher ein Nischenphänomen gewesen, etwa für Computerfreaks und Medienkünstler.

Umso erstaunlicher, dass sie sich trotz der heutigen Multimedia-Computer, die hochauflösende Grafiken darstellen können, zu einem Massenphänomen entwickelt habe. "Der Begriff ASCII ist nur den wenigsten geläufig, aber fast jeder kennt doch Buchstabenbilder aus SMS-Nachrichten", sagt der 30-Jährige. Zurzeit tauchten die Bilder auch vermehrt auf den Pinnwänden und Message-Boards von Social Communities wie meinVZ oder Facebook auf. "Die ASCII-Fan-Gruppe von meinVZ hat inzwischen knapp 9000 Mitglieder", erklärt Riedel.

Tätowierbilder nach eigenen Vorlagen

Unterdessen wickelt Jabba das frischgestochene Werk an Sabines Wade mit Plastikfolie ein. Er ist zuversichtlich, dass ASCII auch in seiner Branche ein neuer Trend werden kann. "Die Kunst des Tätowierens ist tausende von Jahren alt. Da gibt es selten etwas richtig Neues", sagt der Tätowierer. "Und wenn doch, springen die Leute erfahrungsgemäß drauf an." Reizvoll sei zudem, dass die Kunden ihr eigenes Motiv ohne viel Aufwand am heimischen Computer selbst basteln könnten. Schließlich gibt es inzwischen frei verfügbare Programme, die aus jedem Foto ein ASCII Bild errechnen können. "Die bringen dann ihre ausgedruckte Vorlage mit und wir setzen sie um."

Und wenn man sich irgendwann an seinen digitalen Hautbildern sattgesehen hat, bieten die ASCII-Motive einen unschlagbaren Vorteil: Dank des geringen Farb- und Flächenverbrauchs können die Tattoos relativ einfach wieder weggelasert werden.

Jenny Tobien/dpa

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