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VR-Brille von Tchibo: Jede Woche eine neue Wirklichkeit

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Neues Angebot: Das ist Tchibos VR-Brille Fotos
SPIEGEL ONLINE

Bekannt ist Tchibo für Produkte wie Kaffee und die Helene-Fischer-Modekollektion. Doch nun verkauft das Unternehmen eine "VR-Smartphone-Brille" für 13 Euro. Ist das ein Schnäppchen oder Quatsch?

Haie kommen bedrohlich nahe, riesige Planeten wirken nur eine Armlänge entfernt - und im freien Fall geht es kopfüber vom Hochhaus hinunter. All diese Erlebnisse sind mit einem neuen Produkt von Tchibo möglich. Aber der Schaumstoff an der Nase fühlt sich komisch an. Und so langsam werden die Arme schwer.

Für unseren Test steckt ein Smartphone in der Virtual-Reality-Brille (VR-Brille), die Tchibo neu im Sortiment hat und die im Online-Shop rund 13 Euro kostet. "Willkommen im Mainstream, Virtual Reality", titelte dazu das Blog "MobileGeeks". Das kam gut an, denn gerade erst machte McDonald's Schweden mit Happy-Meal-Boxen Schlagzeilen, die sich in Papp-VR-Brillen verwandeln lassen.

Happy-Meal-Verpackung aus Schweden Zur Großansicht
Mc Donalds Sverige

Happy-Meal-Verpackung aus Schweden

Viel mehr als Pappe mit Linsen und Schaumstoff bekommt man auch bei Tchibo nicht, wie unsere Bildstrecke zeigt. Das 13-Euro-Gadget ist eine Variante von Cardboard, einem von Google entwickelten Pappgestell, in das ein Smartphone als Bildschirm eingesetzt wird.

Mit teuren VR-Headsets wie der Oculus Rift und der HTC Vive, die beide in den nächsten Wochen auf den Markt kommen, hat die Brille außer der Grundidee nicht viel gemein.

Die Oculus Rift gilt als Vorreiter der Branche. 2012 wurde ein erster Prototyp gezeigt, bis Mitte 2015 war online eine zweite Version des sogenannten Entwickler-Kits erhältlich. Im Juni 2015 wurde schließlich die Version für Endkunden angekündigt. Seit Ende März 2016 wird sie an Vorbesteller ausgeliefert, angeboten wird sie Käufern aus Deutschland für rund 700 Euro plus 42 Euro Versandkosten.

Das früher oft bemängelte Problem, dass sich beim Benutzen der Brille Übelkeit einstellt, fällt bei den meisten Spielen mittlerweile weg, auch weil die Entwickler stärker auf den Komfort beim Spielen achten.

Über eine Kamera kann die Rift die Bewegungen des Nutzers erkennen, und in die virtuelle Welt übertragen. Zur Spielsteuerung mit Handcontrollern hat Oculus - übrigens eine Facebook-Tochter - den Controller Oculus Touch angekündigt. Dieser erscheint aber erst einige Monate nach der Brille - bis dahin dient ein Xbox-One-Gamepad als Controller.

Anders als die Oculus Rift arbeitet Sonys Project Morpheus beziehungsweise mittlerweile Playstation VR genannte VR-Brille nicht mit PC sondern mit der Playstation 4 zusammen. Wer eine der Konsolen besitzt, kann also sicher sein, dass die Brille bei ihm funktioniert.

Zur Steuerung von Spielen lassen sich die Move-Controller nutzen, die es bereits seit einiger Zeit für die Playstation gibt. Bei ersten Tests mit Prototypen stellte sich bei der Morpheus ein ähnliches Spielerlebnis ein wie mit der Rift. Bei Playstation VR kommt ein 5,7 Zoll großes OLED-Panel mit einer Auflösung von 1.920 mal 1.080 Pixeln zum Einsatz. Sony will seine VR-Brille im Oktober 2016 für 400 Euro auf den Markt bringen, die zum Betrieb nötige Kamera und die optionalen Move-Controller sind im Preis nicht enthalten.

Nach Oculus und Sony hat auch der Handyhersteller HTC eine eigene VR-Brille vorgestellt. Das Vive genannte Gerät wird gemeinsam mit den Spielentwicklern von Valve konstruiert. Über den Onlinedienst Steam VR sollen VR-Games via PC mit der Brille gespielt werden können.

Die beiden eingebauten Bildschirme stellen Full-HD-Video bei 90 Hertz Bildwiederholfrequenz dar, was für eine gute Bildqualität ohne Ruckler sorgen sollte. Bemerkenswert ist vor allem die Technik, mit der die Bewegungen des Spielers in die VR-Welt übertragen werden: Zwei Laser messen dazu millimetergenau, wo man sich aufhält, wie man sich bewegt. Erste Vive-Exemplare für Endkunden sollen im April ausgeliefert werden, sie kosten 900 Euro, hinzu kommen 60 Euro für den Versand.

Das Project Cardboard haben bei Google zwei Entwickler in den 20 Prozent ihrer Arbeitszeit entworfen, die sie für eigene Projekte nutzen dürfen. Googles Chefs fanden daran Gefallen und ließen eine Abteilung bilden, die daraus eine kommerziell nutzbare Technik machte. Auf der Entwicklerkonferenz Google I/O 2014 wurde das Projekt offiziell vorgestellt. Damit die Teilnehmer sich eigene VR-Brillen basteln konnten, wurden Pappbausätze verteilt.

Mittlerweile gibt es eine Reihe interessanter Apps für Handys, die man dann einfach in die Pappkonstruktion einsteckt. Im Juni 2015 präsentierte der Konzern zudem sein Project Jump: Es beinhaltet eine Software zur Erstellung von Virtual-Reality-Filmen, den Bauplan für einen Kameraaufbau zum Filmen solcher VR-Videos und außerdem den Vertriebskanal für VR-Inhalte, nämlich YouTube.

Mit der Gear VR hat Samsung Googles Project Cardboard zu einem kommerziellen Produkt gemacht. In unserem Test hat die Brille einen guten Eindruck hinterlassen, etwa dank eigener Sensoren und exklusiven Apps. Die im Dezember 2015 auf den Markt gekommene Endkunden-Version kostet 99 Euro und ist derzeit nur mit vier Samsung-Handys kompatibel.

Von Brillen wie der Oculus Rift unterscheidet sich die Gear VR unter anderem dadurch, dass es kein Positional Tracking gibt. Das heißt: Es wird nicht erfasst, ob sich der Spieler nach vorn beugt oder hinten lehnt.

Eine Edel-Variante des Project Cardboard hat die Optikfirma Zeiss entwickelt. Ein Unterschied zu den Produkten mancher Handyhersteller: Mit entsprechenden Adaptern lässt sich die Zeiss-Brille mit verschiedenen Smartphones nutzen. Derzeit sind Adapter für das iPhone 6 sowie Samsungs Galaxy S5 und S6 verfügbar.

Eine Besonderheit sind die von Zeiss entwickelten Speziallinsen. Sie sind auch für Brillenträger geeignet und derart gestaltet, dass man damit immer ein scharfes Bild sehen soll, ohne vorher den Abstand zu den Augen einstellen zu müssen. Anders als Samsungs Gear VR bietet die Brille aber keine eigenen Sensoren.

Auf der CES in Barcelona wurde im Februar 2016 die 360 VR von LG vorgestellt. Die vergleichsweise kleine und leichte Brille ist für das LG G5 gedacht und soll unter anderem mit der Gear VR konkurrieren.

Tester auf der CES konnte das Gerät noch nicht wirklich überzeugen: So wurde unter anderem bemängelt, dass die Brille zu viel Licht von außen reinlässt und so das VR-Erlebnis schwächer macht. Das Tech-Blog "The Verge" schrieb: "LGs neues Virtual-Reality-Headset hat ein Problem: zu viel Realität." Was die 360 VR kosten wird, ist noch nicht bekannt.

Cardboard-Brillen für Smartphones sind VR-Einstiegsprodukte, Rift und Vive High-End-Geräte. Die teuren Produkte bieten eine nicht perfekte, aber beeindruckende Illusion von Realität, die Papp-Brillen vermitteln eher einen ersten Eindruck von den Möglichkeiten, die VR bietet.

Die Grenzen der Tchibo-Brille

Damit keine falschen Erwartungen aufkommen, hier die wichtigsten Unterschiede zu teureren Brillen:

  • Die Tchibo-Brille wird anders als Oculus Rift und Co. nicht wie ein Headset getragen und hat kein Kopfband. Man muss sie mit den Händen vors Gesicht halten - oder ein Gummiband daran befestigen.
  • Das Gadget hat kein eigenes Display. Es nutzt das Display von eingelegten iPhones oder Android-Smartphones.
  • Zusätzliche Technik wie die teurere Smartphone-Brille Gear VR bietet die Tchibo-Brille nicht, Kopfbewegungen werden ausschließlich von den Sensoren des Smartphones erkannt. Ob man im Raum herumläuft oder seine Position verändert, erkennt die Brille nicht.
  • Einen eigenen VR-App-Store gibt es nicht, man muss sich die Apps selbst zusammensuchen. Nutzen lassen sich prinzipiell alle für Cardboard optimierten Apps.
  • Anders als andere Cardboard-Modelle hat die Brille keinen magnetischen Schalter. Es gibt aber einen Schlitz unten, durch den man mit dem Finger das Display berühren kann.

Hauptzweck 360-Grad-Videos

Aufgrund dieser Einschränkungen eignet sich die Brille eher für simple Spiele und 360-Grad-Videos als für aufwendigere Apps. Gut bedienen lassen sich eigentlich nur Apps, die mit Kopfbewegungen gesteuert werden. Auch für YouTube-Videos, die einen Cardboard-Modus mit 360-Grad-Rundumsicht bieten, taugt das Gadget.

Tauchen mit Haien im 360-Grad-YouTube-Video "MythBusters: Shark Shipwreck" Zur Großansicht
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Tauchen mit Haien im 360-Grad-YouTube-Video "MythBusters: Shark Shipwreck"

Hier sind noch vier Tipps für Cardboard-Besitzer:

Eine gute erste Cardboard-App ist "InMind VR" für iOS und Android. In dem Spiel reist man in das menschliche Gehirn, um einen Patienten zu heilen. Gesteuert wird das Spiel mit Blickbewegungen - es gilt, im richtigen Moment an die richtige Stelle zu schauen. Optisch ist "InMind VR" nett gemacht, das Spiel erinnert an sogenannte Rail Shooter aus Spielhallen. Das Spiel ist kostenlos.

Nicht in ein Gehirn, sondern durchs All reist man in "Titans of Space" für Android. Das Spiel ermöglicht es dem Nutzer, sich verschiedene Planeten anzuschauen und ist als interaktive Tour inszeniert. Die App ist grundsätzlich kostenlos, gegen Geld kann man eine Erzählerstimme freischalten.

Eigentlich nur nach unten gucken muss man bei "Caaaaardboard!", einer App für Android, die 1,59 Euro kostet. Hier stürzt man von einem Hochhaus und muss unterwegs durch Kopfbewegungen Hindernissen ausweichen und Punkte einsammeln. Ein unterhaltsamer und optisch beeindruckender freier Fall.

Gruselig wird es beim kostenlosen "Sisters" für iOS und Android. Man befindet sich allein in einem Zimmer, zumindest zuerst. Draußen rauscht ein Sturm über das Haus, drinnen schafft es eine Fernsehstimme gerade noch, eine Unwetterwarnung auszusprechen, dann ist auch schon der Strom weg. Man sieht wenig und lauscht ins Dunkel, ein unangenehmes Gefühl.

Dreht man den Kopf und ist plötzlich nicht mehr allein im Raum: Leblos wirkende Kinderkörper und Frauengeister tauchen auf - und wenn man dabei direkt ins Gesicht einer Art Wasserleiche schaut, erschrickt man ganz schön.

Verglichen mit anderen Cardboards macht die Tchibo-Brille eine passable Figur. Positiv fällt auf, dass sich die Brille auch für größere Smartphones wie das Samsung Galaxy Note 4 und das iPhone 6 Plus eignet.

Ein wenig Klebestreifen gebraucht

Die Linsen der Brille haben eine akzeptable Größe und Qualität. Googles Cardboard-App erkannte das Gestell mit Tchibo-Logo als "Pop! Cardboard 2.0", das auch einzeln verkauft wird. Das Gestell bietet bikonvexe Linsen mit 25 Millimetern Durchmesser und 45 Millimetern Brennweite, Brillenträger können das Pappgestell wohl nur mit Kontaktlinsen oder ohne Brille benutzen. Die Brille selbst wiegt etwa 60 Gramm.

Die Schaumstoffpolsterung ist nett gemeint, aber recht dünn. Zusammenklappen lässt sich die Brille anfangs einfach, nur der Kleber des Bildtrenners hatte sich bei unserem Testexemplar abgelöst. An dieser Stelle mussten wir mit Klebestreifen nachhelfen.

Polsterung in Tchibo-Brille Zur Großansicht
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Polsterung in Tchibo-Brille

Bestellern der Brille liefert Tchibo einige Tipps für mögliche erste Apps, viel mehr aber nicht. Ein Gadget für völlige Smartphone-Neueinsteiger ist die Pappbrille daher nicht. Bei seinen ersten VR-Erfahrungen sollte man auf jeden Fall Kopfhörer verwenden, der Sound hat oft großen Einfluss auf das Präsenzgefühl.

Fazit zur Tchibo-Brille

Wie überzeugend man das Tchibo-Angebot findet, ist eine Frage der Erwartungen: Wer glaubt, ein 13-Euro-Pappgestell könne einem die selben Erfahrungen ermöglichen wie eine Gear VR oder eine Oculus Rift, den wird die Brille enttäuschen. Wer dagegen nur einen Handy-Aufsatz sucht, um etwa kurze 360-Grad-Videos zu schauen, für den reicht die Brille.

Ihr Preis ist akzeptabel: In der selben Preisklasse gibt es - etwa bei Online-Versandhändlern - aber auch viele weitere Cardboard-Varianten, die weniger wie ein Tchibo-Werbegeschenk aussehen. Tchibo-VR-Inhalte wie einen begehbaren Katalog gibt es bislang übrigens keine: Wirklich Mainstream ist VR dann eben doch noch nicht.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Früher nannte man
fred2013 08.03.2016
da ViewMaster :-) War halt mit Bild und nicht mit Film
2. zweckentfremdet.
alex_d 08.03.2016
mal angenommen ich möchte im zug lediglich einen film schauen, ginge das damit, bzw. wie gut?
3. Abzocke von Tchibo
xcountzerox 08.03.2016
Mein Cardboard habe ich bereits seit über einem Jahr, incl. vernünftiger Haltebänder und Magnetschalter von Amazon für 3 Euro gekauft. Dass Tschibo 13 Euro für ein deutlich schlechteres Modell 13 Euro verlangt ist reine Abzocke. Ansonsten eignet sich das Cardboard tatsächlich als eine Art Einstieg in die VR und bietet einen guten Vorgeschmack auf die dieses Jahr kommenden echten VR-Systeme. Ähnlich der entstehung der Onlinepiele, wird diese Technik eine neue Revolution auslösen.
4.
Phallus_Dei 08.03.2016
Zitat von alex_dmal angenommen ich möchte im zug lediglich einen film schauen, ginge das damit, bzw. wie gut?
Das geht, vorausgesetzt Sie finden 3D-Filme, bei denen die Bilder stereoskopisch, also für das linke und rechte Auge nebeneinander auf dem Display dargestellt werden. Mir sind da nur (eher langweilige) kommerzielle "Erwachsenenfilme" bekannt. Das Display des Smartphones sollte außerdem mindestens 1920x1280 auflösen. 1280x720 ist bereits VIEL zu pixelig!
5. Ganz andere Baustellen
smartphone 08.03.2016
Nehmen wir mal die 250g Filterkaffee -päckchen. Wir müssen uns ernsthaft mal fragen , ob die das Zeug überhaupt selber trinken...Die Qualität hat in den letzten 1,5 Jahren dermassen abgenommen , daß man kaum von Kaffee sprechen kann. Früher füllte alleine das Öffnen von so ner Vakkumpackung die ganz Wohung mit Duft - heute schmeckt nicht mal die erste Tasse...... Wissens Holzschredder mit olefiertem Rindengeschmack kann ich aus Gartenabfällen selbst herstellen. Wenn sie jetzt meinen mit 500g Päckchenwirds besser - ne , noch ranziger etc. Tschibo - setzen Sechs---- QM austauschen, Management und Controller feuern
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