Zukunft der Zeitung: Warum die "Tegernseer Stimme" wächst statt schrumpft

Von Mathias Hamann

Online-Auftritt der "Tegernseer Stimme": Erfolgsmodell Lokaljournalismus Zur Großansicht

Online-Auftritt der "Tegernseer Stimme": Erfolgsmodell Lokaljournalismus

Die Lokalzeitung hat kaum Zukunft? Die "Tegernseer Stimme" beweist das Gegenteil: Sie wächst. Als reines Onlineportal versorgt sie die Gemeinden um den Tegernsee mit echten Lokalnachrichten. Der Gründer lebt davon und bezahlt mehrere Mitarbeiter.

"Für sowas 27 Euro im Monat zahlen? Wer's mag. Mein Abo habe ich schon gekündigt", schreibt Peter Posztos 2010. In einem der ersten Artikel wettert der Gründer der "Tegernseer Stimme" gegen die Lokalausgabe des "Münchner Merkur", der seiner Meinung zu oberflächlich berichtet.

"Ja, wir waren am Anfang etwas unprofessionell", sagt er heute. "Uns ärgerte der Lokaljournalismus im Tal und wir wollten es besser machen." Der IT-Berater setzte sich im Frühjahr 2010 mit einem befreundeten Journalisten zusammen. Gemeinsam bastelten die beiden aus einem Wordpress-Blog ihre alternative Web-Zeitung. Dann zogen die beiden in ihrer Freizeit durch die Gemeinden um den Tegernsee und berichteten über Waldfeste, Firmenskandale und Kommunalfinanzen.

"Hier gab es früher nur eine Meinung, die der CSU, aber die 'Tegernseer Stimme' hat die Lokalberichterstattung aufgemischt", sagt Andreas Obermüller. Der Apotheker sitzt für die Freien Wähler im Stadtrat Tegernsee. Er schätzt besonders die Kommentare unter den Artikeln. Aus drei Gründen: "Als Leser kann ich etwas ergänzen, als Lokalpolitiker aus den Diskussionen ein Stimmungsbild ziehen und als Betroffener Mängel im Artikel ansprechen." Fehler korrigiert die Redaktion dann "und bedankt sich für den Hinweis", freut er sich.

Mit Kommentaren entsteht eine intensivere Leserbindung

Vielen Bürgermeistern in der Region missfallen die anonymen Diskussionen: "Ich versteh auch deren Sichtweise, zu seiner Meinung soll man stehen", sagt Peter Posztos. aber: "Wir wollen, dass sich unsere Leser auch unter Pseudonym äußern können, dafür löschen wir streng bei Verstößen gegen unsere Netiquette." Von der engen Leserbindung profitieren die Einwohner des Tals etwa während des Hochwassers: Da richtete die "Tegernseer Stimme" einen Hochwasser-Ticker ein.

Leser schickten Fotos und Informationen, die Redaktion glich alles mit den Nachrichten von Polizei und Feuerwehr ab. Über 60 Stunden am Stück, im Schichtsystem, tickerte die Redaktion: Welche Straßen sind gesperrt, wo fallen die Abiturprüfungen aus und wie hoch steht das Wasser? Die Leser lobten; manche schimpften auf Lokalkonkurrenten. Der "Münchner Merkur" beendete seinen Ticker um 22:24 Uhr.

Gasthäuser aus dem Tal buchen Werbeplätze

"Bei uns arbeiten auch nur Menschen", sagt Bernd Ernemann. Er leitet die Außenredaktionen des "Münchener Merkur". Der erscheint im Verlagshaus Ippen, laut IVW mit einer Gesamtauflage von 264.844 Exemplaren. Im Tal rund um den Tegernsee gibt es die Tageszeitung in drei Lokalausgaben: "Tegernseer Zeitung", "Miesbacher Merkur" und "Holzkirchner Merkur". Deren Auflage lag im Jahr 2000 bei 19.206 Exemplaren, aktuell sind es 16.911. Ein moderater Verlust, verglichen mit anderen Tageszeitungen. Die drei Merkur-Ausgaben mögen im Tal rund 1100 Fans auf Facebook, die "Tegernseer Stimme" mit knapp 4900 wesentlich mehr.

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Zeitungsauflagen: Verluste im Vergleich zu 2000
Bernd Ernemann sieht die Unterschiede so: "Wir beim Merkur machen online und gedruckt ein journalistisches Produkt, eine Zeitung. Die 'Tegernseer Stimme' sehe ich mehr als meinungsorientiertes Blog." Der Merkur stellt auch nicht alle Artikel frei zugänglich ins Netz. "Unsere Printleser zahlen für unsere Artikel und haben deswegen einen Anspruch auf Exklusivität", erklärt Ernemann. Online soll Käufer für Zeitung und E-Paper locken.

Die "Tegernseer Stimme" dagegen machte mit Print Werbung für die Webseite. Sie brachte mehrere Magazine kostenlos an die Haushalte im Tal oder verteilte sie als PDF gratis im Netz.

Mit Erfolg: "Wir verdoppeln jedes Jahr unsere Leserzahl", sagt Peter Posztos "und eigentlich müssten wir auch die Mediadaten wieder anpassen." Dort heißt es noch, die Webseite erreiche täglich zwischen 2000 und 2500 Leser, "aber jetzt sind es bereits 3500 bis 4500". Nicht nur die Zahl der Leser wächst, auch die der Mitarbeiter und der Umsatz, dank Anzeigen; die Sparkasse, Gasthäuser oder Rechtsanwälte aus dem Tal buchen Werbeplätze.

Von lokalen Themen haben die Leser mehr

Pro Woche 450 Euro kostet das breite Banner auf der Startseite über den Artikeln. Zum Vergleich: Die "Stimme Heilbronn", eine Regionalzeitung in Baden-Württemberg, verlangt für ein ähnliches Banner auf der Startseite 500 Euro in der Woche. Die "Tegernseer Stimme" zählt rund 180.000 Seitenaufrufe im Monate, die "Heilbronner Stimme" rund 1,3 Millionen. Auf die Frage, warum sein Angebot für weniger Reichweite fast genausoviel nimmt, antwortet Posztos, die Preise orientierten sich an "der Relevanz, die wir in unserem kleinen Einzugsgebiet erreichen". Im Vergleich zu den Preisen im Printbereich sei man zudem "sehr günstig", das sähen "auch unsere Werbepartner so".

Aktuelle Umsatzzahlen will Posztos nicht nennen. Aber es gibt ein paar Indikatoren. Sein Mitgründer spekulierte 2011 über monatlich 4000 Euro reine Online-Einnahme. Laut Bundesanzeiger stieg der Umsatz der Muttergesellschaft der Webseite von 2010 bis 2011. Peter Posztos lebt inzwischen von seinem einstigen Hobbyprojekt, er arbeitet Vollzeit, bezahlt mehrere Mitarbeiter und einen Volontär.

Weil sie nun mehr als drei Jahre im Tal recherchierten, hatte die "Tegernseer Stimme" sogar eine Quelle, die ihnen steckte, als im März eine Razzia im Haus von Uli Hoeneß am Tegernsee lief. Die Chance für einen Scoop. Die Redaktion fragte bei der Staatsanwaltschaft in München nach, doch die dementierte. "Da fehlte uns die zweite Quelle zur Veröffentlichung", erinnert sich Posztos, "haben wir da einen Fehler, überrollen uns Hoeneß' Anwälte mit Klagen". Posztos hielt den Artikel zurück.

Statt über die Steuersünden des Bayern-Bosses schreibt die "Tegernseer Stimme" nun kritisch über Gemeindefinanzen: "Davon haben unsere Leser hier vor Ort mehr."

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