Teilchenbeschleuniger Lachen, bis das Loch kommt

Weltuntergang zum Totlachen: Noch sind im Genfer Large Hadron Collider keine Protonen kollidiert, doch vielerorts sorgt das Riesenexperiment bereits für Panik - und inspiriert tiefschwarzen Humor. SPIEGEL ONLINE hat die besten Apokalypse-Witze zusammengetragen.

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Die Händler an den internationalen Börsen mögen das im Augenblick anders sehen, generell aber gilt: Der Weltuntergang gibt immer einen Lacher her. Nichts, hat Christoph Schlingensief mal sinngemäß gesagt, ist so unterhaltsam wie Todesangst.

Nur folgerichtig, dass die vermeintliche Weltuntergangsmaschine an der schweizerisch-französischen Grenze Apokalypse-Humoristen in aller Welt zu Höchstleistungen anstachelt. Der "Large Hadron Collider" im europäischen Kernforschungzentrum Cern, der am 10. September offiziell in Betrieb genommen wurde, ist manchem Physikfan und/oder Weltuntergangstheoretiker ein Born der Heiterkeit. Nicht nur, weil ein einfacher Buchstabendreher aus Hadron "Hard-on" macht - ein englisches Slangwort für Erektion. Was die Satireseite "The Spoof" prompt dazu veranlasste, LHC-Experimente in "Condom Mechanics" statt Quantenmechanik anzukündigen.

Dr. Evil betreibt den Collider - mit Windows Vista

Ein Großteil der weniger pubertären Netz-Späße kreist um die von schlecht informierten Skeptikern vertretene These, im LHC könnten Schwarze Löcher in Miniaturausgabe entstehen und anschließend rasant wachsen. Das würde dazu führen, dass schließlich nicht nur die Schweiz, sondern anschließend auch der Globus und am Ende womöglich das Universum selbst verschwände.

Was uns hier auf der dann bereits nichtexistenten Erde dann ja eigentlich auch egal sein könnte. Nach uns die Singularität, gewissermaßen. Manche sind sogar der Meinung, "Austin Powers"-Bösewicht Dr. Evil sei für die Sache verantwortlich - und auch dafür, dass der LHC mit Microsofts nur mäßig beliebtem Betriebssystem Windows Vista betrieben werde. Muhahaha.

Dass der nahende Abgrund auch ein erotisches Kribbeln hervorrufen kann, hat den Physiker, Webcomic-Autoren und Schöpfer des Online-Strips XKCD inspiriert. "Dies könnte unsere letzte Nacht auf Erden sein", sollte ihmzufolge jetzt ein recht erfolgversprechender Satz für alle diejenigen sein, die nicht allein nach Hause gehen wollen.

Besonders treffend hat der britische Animationsexperte Cyriak Harris die Angst vor dem Schwarzen Loch aus dem Collider eingefangen. Auf einer Webseite mit der Überschrift "LHC Compact Muon Solenoid Experiment Webcams" hat Harris zwei scheinbar direkt vom Cern-Gelände gesendete Webcam-Bilder montiert. Eines zeigt augenscheinlich den Tunnel, in dem die Röhren des Beschleunigers verlaufen, das zweite einen Parkplatz. Ruft man die Seite auf, tut sich einige Sekunden lang nichts. Dann aber beginnen im LHC-Schacht rote Warnleuchten zu blinken - und dann ... sehen Sie selbst.

Anleihen bei Bob Dylan, apokalyptisches Sightseeing

Singularitätsanimationen gibt es inzwischen sowieso gleich massenweise. Insbesondere eine Animation, in der unsere Erdkugel innerhalb von 38 Sekunden ausgehöhlt wird und schließlich mit allem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest verschwindet, erfreut sich bei YouTube größter Beliebtheit. In verschiedenen Versionen wurde der Film millionenfach angesehen, teilweise mit anderem Filmmaterial verschnitten - und unter jeder Fassung entspinnt sich wieder eine heftige, durchaus ernsthaft geführte Debatte über die angeblichen Gefahren durch das Riesenexperiment.

Wolfgang Wildner, Chefredakteur der österreichischen Zeitschrift "Steirer Monat", hat ebenfalls Videos zum Thema LHC und schwarzes Loch ins Netz gestellt. Das lustigste heißt " Dangerous Black Hole from CERN will kill us" und ist eine Mischung aus dem berühmten Video zu Bob Dylans "Subterranean Homesick Blues" und Cern-Panikmache-Parodie. In einer mehrteiligen Videoserie marschiert Wildner mit einem "dangerous Black Hole from Cern" - aus Pappe - durch Graz. Sightseeing mit dem Reiter der Apokalypse.

Von jenseits der Singularität meldet sich unterdessen ein "Cern Spezialist" namens Titor. Kurz nach dem Beginn der ersten echten Kollisionsversuche - derzeit läuft der LHC gewissermaßen im Leerlauf - habe es einen "Feldfehler" gegeben, der einen "temporalen Rückschlag" ausgelöst habe. "Die resultierende Zerstörung sorgt dafür, dass sich die Welt in Sekunden auflöst, während einige von uns, die in der Nähe des Experiments sind, in eine temporale Kausalschleife geworfen werden." Was immer das sein mag. Ratschläge, wie man die Katastrophe verhindern könnte, hat der in einer Zeitschleife gefangene Experte nicht zu bieten - dafür ein Bankkonto in Nigeria, auf das man "die Mittel" überweisen möge.

Alle beschäftigt das drohende Ende. Britische Komiker, texanische Biologen und auch "Dilbert"-Erfinder Scott Adams. Der schreibt, er wäre ungern einer der Wissenschaftler, die ständig versichern müssten, dass die LHC-Experimente ungefährlich seien. Immerhin könne aber zum Glück nachher niemand mehr sagen: "Ich hab's ja gesagt."

Bis dahin kann man über die eigens eingerichtete Seite "has the lhc destroyed the earth?" regelmäßig überprüfen, ob der Planet noch exisitert. Richtig loskollidiert wird übrigens ohnehin erst frühestens im Oktober. Und falls die Sache dann doch schiefgeht, bleibt immer noch der beherzte Druck auf den "Not aus"-Knopf.

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