Terror-Propaganda Mit Spaß fängt man Sympathisanten

Neben den bekannten, martialisch-dramatischen Webauftritten diverser Terrororganisationen stellen Experten einen neuen Trend fest: Extremistische Gruppen werben um neue Sympathisanten, indem sie dem potenziellen Nachwuchs was zu lachen bieten.


Was wirklich erfolgreich ist im Web, kommt selten ernsthaft daher. Richtig erfolgreich sind Blödelvideos, Menschen, die sich vor laufender Webcam zum Affen machen, die Käsebrötchen oder Brotscheiben mit eingetoasteten Heiligenbildern bei eBay verkaufen. Ein guter Lacher verbreitet sich im weltweiten Netz mit atemberaubender Geschwindigkeit.

Keine Terrororganisation, die im Web nicht aktiv wäre: YouTube-Propagandavideos mit peppiger Musik. Im Bild: Werbefilme konkurrierender IRA-Splittergruppen

Keine Terrororganisation, die im Web nicht aktiv wäre: YouTube-Propagandavideos mit peppiger Musik. Im Bild: Werbefilme konkurrierender IRA-Splittergruppen

Das, behauptet nun Bouchaib Silm, Terrorismus-Experte am "Institute of Defence and Strategic Studies" von Singapur, machten sich zunehmend auch extremistische Gruppierungen zunutze. Ihre Webseiten kämen in immer besserem Design daher, aufgepeppt durch mediengerechte Inhalte.

Das schließe Islamisten ein, so Silm. Es reiche heute nicht mehr, Osama Bin Laden vor einer weißgekälkten Wand stehend martialische Parolen verkünden zu lassen. "Die Jugend von heute", so Silm, "werden dem gar nicht zuhören. Es langweilt sie. Also brauchen die Rekrutierer etwas Neues."

Das Rezept: In letzter Zeit hätten Beobachter vermehrt Zeichentrickfilme, Blödelvideos und Top-10-Listen der schlimmsten Terrorattacken auf entsprechenden Seiten gefunden.

Bereits seit mehreren Jahren nutzen vor allem diverse radikale irische Splittergruppen völlig öffentlich zugängliche Portale wie YouTube und andere, um mit peppigen Sounds untermalte Straßenkampf-Videos zu verbreiten, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Einen regelrechten Wettkampf entsprechender Filme lieferten sich verschiedene Gruppen mit französischen Aktivisten zur Zeit der Pariser Vorort-Unruhen. Die Filme dienen dabei sowohl der Mobilisierung, als auch als Trophäen und Leistungsnachweise - und natürlich dem Entertainment einer gewalt-affinen Zielgruppe.

YouTube ist das Problem bekannt, lässt die meisten Filme aber offen zugänglich im Angebot. Nur Filme, die als zu gewaltlastig erscheinen, werden nicht offen präsentiert: Sie erhalten "ab 18 Jahre"-Vermerke und sind nur zu sehen, wenn man sich als registrierter User namentlich einloggt.

pat/AP



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