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Terrornews aus Mumbai: Netzgeschwätz übertönt Augenzeugenberichte

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Twitter, Blogs, Flickr: Die Nachrichtenkanäle des sozialen Internets laufen seit Beginn der Terrorwelle in Mumbai auf Hochtouren. Vor-Ort-Berichte erreichen ihre Leser schneller als je zuvor. Doch viele vermeintliche News sind chaotisch oder bloße Kopien - und manche sind schlicht falsch.

Hamburg - Einmal mehr offenbaren die verteilten Netzmedien der Gegenwart in einer Krisensituation ihre Wucht: Kurze Zeit nach den Attacken auf zwei Hotels und mehrere andere Ziele in Mumbai verbreitete sich die Nachricht in rasender Geschwindigkeit - über den Microblogging-Dienst Twitter. Die technikaffine junge Elite im Zentrum der indischen Finanzmetropole nutzte ganz selbstverständlich digitale Kommunikationsmittel, um erste Kurznachrichten über die Ereignisse vor Ort abzusetzen (Siehe Abbildung).


Blog-Einträge, ein Flickr-Fotoset und eine Google-Maps-Karte mit Markierungen für die Anschlagsorte folgten in schneller Folge. Das soziale Netz hängte die alten Medien einmal mehr ab, was die Verbreitung und Verarbeitung von Nachrichten anging - wenn auch nur kurzfristig. Manche Beobachter feierten schon einen Sieg des Neuen über das Alte. Doch nun ist eine Debatte darüber entbrannt, ob man dabei nicht das eigentliche Thema aus den Augen verloren hat.

Zuwachs von Twitter-Botschaften zum Thema "Mumbai" nach den Anschlägen: Rund um den Globus in Echtzeit

Zuwachs von Twitter-Botschaften zum Thema "Mumbai" nach den Anschlägen: Rund um den Globus in Echtzeit

"In den letzten 35 Minuten haben sechs laute Explosionen das Trident-Hotel erschüttert", schrieben am Mittwochvormittag deutscher Zeit gleich mehrere Twitterer - die Nachricht kam damit gewissermaßen in Echtzeit auf der anderen Seite des Globus an, lange bevor auch Nachrichtenagenturen von den Detonationen berichteten. Der Australischen Zeitung "The Age" zufolge tauchten die ersten "Tweets" über die Anschläge schon Stunden vor den ersten TV-Berichten zum Thema auf. Der Microblogging-Dienst hat in derartigen Situationen einen entscheidenden Vorteil - er verlangt nur kürzeste Äußerungen (maximal 140 Zeichen) und lässt sich per Handy bedienen.

Der "social media"-Sturm, den die mörderischen Terrorangriffe auslösten, war eindrucksvoll. Aber, schreibt etwa der US-Blogger Tim Malbon, "weit davon entfernt, eine Crowd-Sourcing-Version der Nachrichten zu sein". Tatsächlich, schreibt Malbon, habe er als Twitter-Leser einen "inkohärenten, von Gerüchten angetriebenen Mob" vor sich gehabt. "Sehr wenige waren vor Ort", so Malbon, "die meisten waren sehr weit entfernt."

Blogger Tom stimmt in die Kritik ein: "Wenn man sich Twitter ansieht, findet man dort Leute, die von einem Angriff auf das Marriot-Hotel im Mumbai berichten." Das Gebäude sei aber gar nicht attackiert worden. "Jetzt stellen sie sich mal vor, sie haben Freunde oder Verwandte, die gerade im Marriott wohnen."

Auf der Branchen-Web-Seite "Mobile Industry Review" macht sich ein Autor Gedanken über die massive Veränderung, die Mobiltelefone in solchen Situationen verursacht haben. Ein Vor-Ort-Bericht eines Augenzeugen, schreibt er, "wäre vor 15 Jahren noch eine Story für die Titelseite gewesen", heute sei er fast selbstverständlich. Aber: "Die Herausforderung, vor der die 'echten' Nachrichtenseiten stehen, ist, dass sie jetzt Zugriff auf Tausende von Konversationen und Erfahrungsberichte haben. Echt. Live. Jetzt. Welche davon sind tatsächlich korrekt? (...) Ist das echt, oder ist es irgendein Kerl aus Baltimore, der sich ein bisschen Social-Media-Spaß gönnt, und versucht, bei CNN zu landen?"

Der indische Blogger Vinukumar Ranganathan etwa wurde tatsächlich von CNN interviewt, weil er einer der ersten war, die Bilder von einem Ort des Geschehens lieferten. Er wohne nur zwei Minuten von einem der Anschlagsorte entfernt, sagte er dem Sender, nahm schließlich seine Kamera, ging hinaus auf die Straße und fotografierte herumliegenden Schutt, umgestürzte Motorroller und Blutflecken auf dem Asphalt. "Sie haben zwar die Anschläge nicht gesehen", frage der CNN-Interviewer, "aber wie haben Sie sich gefühlt?"

Digitale Gaffer

Blogger Amit Varma landete sogar bei Larry King. Er hatte einen Blog-Eintrag über seine persönlichen Erlebnisse in der Terrornacht verfasst - er kam in einem Hotel unter, weil der Heimweg zu unsicher schien. Mit dem tatsächlichen Grauen der Anschläge kam Varma nicht in Berührung. Dennoch schrieb er später: "Ich war vor ungefähr drei Stunden in 'Larry King Live' auf CNN. Die hatten mich angerufen und mich gebeten, als Augenzeuge in der Show aufzutreten, wogegen ich protestierte, weil ich doch gar nichts gesehen hatte, ich war nur in der Nähe."

SPIEGEL ONLINE; Google Earth

Eine Reihe von betroffenen oder zumindest in der Nähe lebenden Netz-Nutzern bemühten sich zwar, Informationen weiterzureichen. Um sie herum jedoch stand eine ungleich größere, laut schwatzende Gaffergruppe. Und einige der Gaffer waren Profis, denen die neuen medialen Möglichkeiten vor allem dazu dienen, schnell an möglichst emotionalisierende Interviewpartner zu kommen.

Tatsächliche bürgerjournalistische Nachrichten über die Ereignisse vor Ort blieben Mangelware. Bei YouTube beispielsweise finden sich inzwischen zwar zahlreiche aktuelle Videos, die mit "Mumbai" und "Terror" verschlagwortet sind - doch fast alle sind Mitschnitte von TV-Nachrichtensendungen.

Wenn die Maschinen der großen Nachrichtenorganisationen einmal angelaufen sind - das zeigte sich nun erneut - sind sie immer noch das Maß der Dinge. Auch bei Twitter beispielsweise verlagerten sich die Konversationen mehr und mehr auf die Wiedergabe von zuvor im Fernsehen Gesehenem. Gelegentlich wurden Link-Verweise auf Nachrichtenartikel aus Online-Magazinen getwittert, immer wieder auch Notfall-Telefonnummern und Aufrufe zum Blutspenden in diversen Hospitälern in der geschundenen Stadt.

"Twitter: 1, CNN: 0 - das ist wirklich traurig"

Wer dagegen wirklich glänzte, waren die Aggregatoren all der Nachrichtenströme, die da nun durchs Netz rauschten: Sowohl Wikipedia als auch die redaktionell gesteuerte Suchmaschine Mahalo legten rasend schnell exzellente Seiten mit ständig aktualisierten Informationen über die Anschläge an, das Bürgerjournalismus-Portal NowPublic aggregierte Blog-Einträge, Fotos, Videos, Nachrichtenartikel und nicht zuletzt Links zu den Livestreams der lokalen indischen Nachrichtensender.

Inzwischen hat sich die Debatte in manchen Web-2.0-Zirkeln tatsächlich von den Anschlägen ab- und der Frage zugewandt, was die Verarbeitung und Verbreitung der schrecklichen Informationen denn nun über die Zukunft von Journalismus und Nachrichten aussagt. Eine ganze Reihe von Blogeinträgen befasst sich nun mit der Frage, ob Twitter denn nun Journalismus sei oder nicht.

Noch einmal Blogger Tim Malbon: "Für manche schien die Social-Media-Berichterstattung des Ereignisses zur eigentlichen Story zu werden. Das echte Ereignis für eine ganze Reihe von Leuten war vergangene Nacht: Twitter 1, CNN 0 - das ist wirklich traurig. Für viele wurden die alten Medien zum Feind, statt der Terroristen."

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Forum - Liefert das soziale Web die besseren Informationen?
insgesamt 28 Beiträge
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1. Jein
fgranna 27.11.2008
Man muss die Informationen genauso bewerten wie die der traditionellen Medien; nicht alles was in der Zeitung steht oder im ÖR verbreitet wird ist richtig. Filtern muss jeder für sich. Die Warheit liegt wie üblich immer dazwischen.
2.
Juliane Fuchs, 27.11.2008
Wieso das "soziale" Web?
3.
mime 27.11.2008
Zitat von Juliane FuchsWieso das "soziale" Web?
Weil es ein großes kommunikatives Miteinander ist.... Quasi eine Web-Gesellschaft.... und die ist nunmal sozial :)
4. schneller, höher, dümmer
fast:sniper 27.11.2008
Herrgott nochmal! Was nützt es mir denn, wenn ich ein paar Minuten schneller als andere erfahre, dass in irgendeinem Hotel auf der anderen Seite der Welt, durchgeknallte Islamisten ihrem Hobby nachgehen?!! Trägt das irgendwie zu meinem Verständnis vom Weltgeschehen bei? Dieser ganze Hype um schnelle Infos, das ist doch Bockmist, mit Verlaub! Na gut, wenn ich grad zufällig Aktien der Hotelkette besitze, in deren Filiale sich das Ganze abspielt, ist es vielleicht nützlich, von der Sache schnell zu wissen. Aber sonst. Da les ich doch lieber am nächsten Tag eine Analyse über die Hintergründe in der Zeitung.
5.
Fuzzie 27.11.2008
Die Nachrichten in den etablierten Massenmedien sind leider auch nicht mehr glaubwürdiger, als andere. Allen voran hat doch der Spiegel in Deutschland dazu beigetragen, dass grad jüngere Menschen kein Vertrauen mehr in die Medien haben. Da vertraue ich noch eher jemandem, ohne finanziellen Interessen, Werbekunden, etc. Grüße
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