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"The Circle" von Dave Eggers: Das Google-Hasser-Buch

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Der freundliche Internetkonzern The Circle begeistert seine Nutzer - und erklärt eines Tages Privatsphäre zum Diebstahl und Geheimnisse zu Lügen. Dave Eggers gleichnamiger Roman ist eine düstere Warnung ohne allzu großen Tiefgang.

Mae Holland ist im Glück: Sie hat einen der begehrten Jobs bei "The Circle" ergattert, in naher Zukunft eine wahnsinnig erfolgreiche Internetfirma, eine Mischung aus Suchmaschine, Kommunikationszentrale und Online-Shoppingparadies. Mit großen Augen stapft Mae über das Firmengelände, das natürlich Campus heißt: Picknicktische, Volleyballplatz, Teletubby-Hügel, Gebäude aus Stahl und Glas. "The Circle" will das Wissen der Welt sammeln und zugänglich machen.

So erfolgreich ist die Firma, dass die mehr als Zehntausend superschlauen Mitarbeiter die kühnen Träume der drei Gründer verwirklichen: selbstfahrende Autos, Kameras an jedem Ort der Welt, Tiefsee-Erforschung, ein neues Gesundheitssystem. Subtil geht anders: "The Circle" ist Google, und auf den ersten Seiten unterscheidet sich Dave Eggers gleichnamiges Buch kaum vom Google-Werbefilm "Prakti.com".

Was Mae nicht auffällt, obwohl es dem Leser überdeutlich eingehämmert wird: "The Circle" schafft mit seiner Sammelwut und Datengier die totale Überwachung. Auch die Mitarbeiter nimmt "The Circle" völlig in Beschlag. Ein kurzer Ausflug mit dem Kanu, ohne dass Mae einem der zahlreichen Kanu-Clubs der Community beigetreten ist? Ohne, dass Mae anschließend Bilder und Videos veröffentlicht? Geradezu egoistisch.

Sammlung gängiger Klischees

Selbst ein Besuch bei den Eltern, weswegen Mae eine der vielen, natürlich völlig freiwilligen Abendveranstaltungen verpasst, wird zum Affront gegen die lieben "Circle"-Kollegen. Also reißt sich Jobanfängerin zusammen und widmet ihr ganzes Leben dem Superkonzern, der ihr mit jeder neu übertragenen Aufgabe einen zusätzlichen Monitor auf den Schreibtisch pflanzt.

Dann trifft die gestresste Multitaskerin einen mysteriösen Fremden, der ihr schöne Augen macht und vor dem Transparenzwahn des Konzerns warnt. Bis dahin ist "The Circle" ein wenig originelles Google-Hasser-Buch: Eggers nimmt einfach den Mythos des Konzerns, wie er in zahlreichen Sachbüchern beschrieben wurde, und vermengt diesen mit den Horrorszenarien der Datenschützer. Die NSA mit ihrer Internet-Überwachung wirkt im Vergleich harmlos. "The Circle" liest sich so, als habe jemand die Anti-Silicon-Valley-Tiraden von Evgeny Morozov in einen Roman gießen wollen.

Fortschritt ist hier nur mit weniger Freiheit möglich. Die hübsche Dystopie von der verlorenen Privatsphäre wird so konsequent durchgezogen, dass sich "The Circle" streckenweise so anregend und erhellend liest wie das missgelaunte Feuilleton einer konservativen Zeitung. Die Technikkritik des 43-jährigen Eggers ist so offensichtlich und pädagogisch, dass es fast schon nervt.

Schlichte Geschichte, radikales Ende

Bevor es völlig unerträglich wird, hilft Mae dem Konzern bei der Formulierung seiner heiligen Mission: Secrets are Lies, Sharing is Caring, Privacy is Theft. Endlich entfaltet sich in der zweiten Hälfte ein wenig Wahnsinn - und das radikale Ende entschädigt für die allzu offensichtlich angelegten Figuren und vorhersehbaren Entwicklungen, die "The Circle" oft mehr wie einen Hollywood-Film wirken lassen.

Als mahnende Geschichte funktioniert "The Circle" schließlich doch noch. Aber 15 Jahre nach der Google-Gründung ist die Warnung vor Daten-Totalitarismus und dem Ende des Privaten alles andere als neu. Schon vor zwei Jahren hat der bei Google beschäftigte Shumeet Baluja mit "Silicon Jungle" einen ähnlichen Roman veröffentlicht, in dem außerdem die NSA-Affäre praktisch vorweggenommen wird. Doch wo "Silicon Jungle" sich um seine Figuren bemüht, spult Eggers seine Geschichte ohne Brüche, ohne große Überraschungen ab. Bis zum Schluss eben.

Das ist ganz unterhaltsam, taugt aber nicht zum großen Roman über unser Leben in der Umklammerung der Netzkonzerne.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Google ist für mich der Inbegriff
mathildesch. 29.10.2013
der Kommerzialisierung bisher intimer Lebensbereiche: Das Indizieren von intimsten Emails auf werberelevante Stichworte, das unverantwortlich genaue Anlegen und Speichern eines Persönlichkeitsprofils samt Fotos, Ortsangaben und "Stimmproben". Dazu die Aufnahme des Vorgartens in der Wohnstraße samt Fensterdekoration und Freundin auf dem Liegestuhl neben der Garage, während man per Satellitensicht die arbeitende Mutter sieht, die den Swimmingpool reinigt. Dann holt sich Google noch das Passwort für den WLAN-Router samt SSID-Kennung. Von Glück können wir nur sagen, dass der hamburgische Datenschützer Prof. Dr. Caspar damals hellhörig wurde und Google des Einscannens hochintimer Emails per Streetviewcars überführt hat. Googles Reaktion: "Versehentlich!" erinnert fatal an einen Barack Obama, der wohl auch von der NSA mittels der Technik des "plausiblen Abstreitens" geschützt wird. http://de.wikipedia.org/wiki/Plausible_deniability
2.
Indigo76 29.10.2013
Zitat von sysopDer freundliche Internetkonzern "The Circle" begeistert seine Nutzer - und erklärt eines Tages Privatsphäre zum Diebstahl und Geheimnisse zu Lügen. Dave Eggers gleichnamiger Roman ist eine düstere Warnung ohne allzu großen Tiefgang. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/the-circle-von-dave-eggers-das-google-hasser-buch-a-929127.html
Schon vor zwei Jahren? Ich schlage vor, der Autor des Artikels schaut sich mal den Film "Startup" mit Ryan Phillippe in der Hauptrolle an. Der ist von 2001, also 10 Jahre älter als "Silicon Jungle". Die Parallelen zu "The Circle" sind unübersehbar. Und wenn man bedenkt, dass 2001 allmächtige Internetfirmen noch Zukunftsmusik waren, ist er schon fast unheimlich. Der Film nimmt auch eher Softwarefirmen wie Microsoft aufs Korn, lässt sich aber durchaus auch auf Google anwenden.
3. Da...
Layer_8 29.10.2013
Zitat von sysopDer freundliche Internetkonzern "The Circle" begeistert seine Nutzer - und erklärt eines Tages Privatsphäre zum Diebstahl und Geheimnisse zu Lügen. Dave Eggers gleichnamiger Roman ist eine düstere Warnung ohne allzu großen Tiefgang. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/the-circle-von-dave-eggers-das-google-hasser-buch-a-929127.html
...scheint ja auch ein bisschen von George Orwell 1984 abgekupfert zu sein. Nur wir haben (noch?) die Freiheit uns dem zu entziehen. Es gibt ja Alternativen zu Google. Auch zum Android Telefon. Nur ist das für viele wohl zu "stressig".
4. ich MUSS Google
felisconcolor 29.10.2013
Zitat von Layer_8...scheint ja auch ein bisschen von George Orwell 1984 abgekupfert zu sein. Nur wir haben (noch?) die Freiheit uns dem zu entziehen. Es gibt ja Alternativen zu Google. Auch zum Android Telefon. Nur ist das für viele wohl zu "stressig".
nicht mit allen Daten füttern. Die Alternative habe ich ja noch. Und wer zu faul ist sich mal durch die Einstellungen seines Smartphones zu wühlen.... Google und andere Firmen stellen sich nämlich mit ihrer Firmenpolitik selbst ein Bein. Diese Hyperpersonalisierung hat nämlich einen fatalen Fehler, sie unterschlägt mir nämlich die wirklich interessanten Suchergebnisse. Und wenn die eine Firma nicht liefern kann, dann kann es vielleicht eine andere. Und wenn es viele nicht können, wird es eine Möglichkeit für eine neue Firma. Deren Motto dann eben die Unpersonalisierung ist.
5.
Ha.Maulwurf 29.10.2013
Zitat von mathildesch.der Kommerzialisierung bisher intimer Lebensbereiche: Das Indizieren von intimsten Emails auf werberelevante Stichworte, das unverantwortlich genaue Anlegen und Speichern eines Persönlichkeitsprofils samt Fotos, Ortsangaben und "Stimmproben". Dazu die Aufnahme des Vorgartens in der Wohnstraße samt Fensterdekoration und Freundin auf dem Liegestuhl neben der Garage, während man per Satellitensicht die arbeitende Mutter sieht, die den Swimmingpool reinigt. Dann holt sich Google noch das Passwort für den WLAN-Router samt SSID-Kennung. Von Glück können wir nur sagen, dass der hamburgische Datenschützer Prof. Dr. Caspar damals hellhörig wurde und Google des Einscannens hochintimer Emails per Streetviewcars überführt hat. Googles Reaktion: "Versehentlich!" erinnert fatal an einen Barack Obama, der wohl auch von der NSA mittels der Technik des "plausiblen Abstreitens" geschützt wird. http://de.wikipedia.org/wiki/Plausible_deniability
Sie meinen beim *kostenlosen* Dienst G-Mail? Kein Problem: Verschlüsseln Sie ihre E-Mails einfach und meiden Sie kostenlose Dienste. Sie werden bei Street View genau gar keinen Menschen erkennen können. Die sind nämlich alle verpixelt. Die SSID-Kennung funken *Sie*, für alle sichtbar, in den Raum. Ist ja völlig irre: Da betreiben Leute eine öffentliche Funkstation und beschweren sich dann, dass ihre Daten, die sie natürlich nicht verschlüsseln, mitgelesen werden können. Diese "hochintimen" E-Mails haben *Sie* (bzw. Leute wie Sie) unverschlüsselt und für *jeden* lesbar in den öffentlichen Raum gefunkt. Kann man glauben oder auch nicht. Die Halbwahrheiten die Sie hier verbreiten, sollte allerdings niemand glauben.
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