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The Venice Project: Mr. Skype kündigt TV-Revolution an

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Zweimal schon erschütterten Niklas Zennström und Janus Friis Märkte: mit ihren Entwicklungen KaZaA und Skype. "The Venice Project" soll ihre dritte Netz-Revolution einleiten. Nach Musik und Telefon haben sie das Fernsehen im Visier. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Geheimniskrämer Zennström.

"The Venice Project", so lautet absichtsvoll mysteriös der Arbeitstitel eines Services, den Niklas Zennström und Janus Friis derzeit auf die Beine stellen. "Es geht darum, das Beste des Fernsehens mit dem Besten des Internets zusammenzubringen", so beschreibt Zennström im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE das Unterfangen. Was genau das heißen soll, verrät er jedoch nicht. Es geht aber um die Verteilung von Programminhalten übers Netz.

Zennstöm und Friis, soviel ist klar, fungieren als Finanzier und Spiritus Rector: Die praktische Arbeit wird zu großen Teilen von Anderen erledigt. Chef der Firma hinter dem Venice Project ist der Niederländer Fredrik de Wahl, den beide aus alten KaZaA-Zeiten kennen. Geschrieben wird die Software unter anderem von Entwicklerteams in Leiden, London, New York und Toulouse. Viele der Programmierer kommen aus der Open Source Szene und setzen auf Konzepte, die auch in den kommenden Versionen der Mozilla-Programme wie Firefox und Thunderbird zum Einsatz kommen werden.

Die Mannschaft wolle, so sagt Niklas Zennström, nicht mehr und nicht weniger als "die Art und Weise verändern, wie wir fernsehen." Viel Konkreteres zu seinem neuen Baby lässt sich der geschäftstüchtige Berufsrevoluzzer indes kaum entlocken. Auch der dürre Satz mit dem Besten des Fernsehens und des Internets entpuppt sich als offizielle Sprachregelung: Er findet sich wörtlich auch im Blog seines Kollegen Friis.

"Das kann ich nicht kommentieren"

Wer weiter bohrt, stößt auf Kate Larkin, die in New York beheimatete Pressesprecherin des Venice Project. Auch sie zeigt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass auf ihrer Visitenkarte "Presseverschweigerin" stehen sollte - auf Fragen gibt sie in aller Freundlichkeit vor allem eine Antwort: "Das kann ich nicht kommentieren." Ein offizieller Startzeitpunkt für das Angebot stehe ebenso wenig fest wie der endgültige Name - auch nicht mit wem und mit welchen Inhalten das Venice Project denn nun die globale TV-Landschaft revolutionieren will.

Für die Geheimniskrämerei gibt es gute Gründe. Zum einen ist klar, dass TV- und Filmdistribution über das Netz das aus finanzieller Sicht vielleicht größte Thema der nächsten Jahre sein wird - nicht nur Zennström und Friis wollen da mitmischen. Zum anderen ist das Areal der TV- und Film-Lizenzen von Produzenten, Anwälten und Gesetzgebern vermint. Wer da legal agieren will, hat eine Menge zu verhandeln: nicht nur mit Produktions- und Vertriebsfirmen, sondern auch mit der Vielzahl der Fernsehsender in aller Welt. Dass es die Fans freuen würde, nicht mehr monatelang auf die nächste Staffel von "Desperate Housewives" warten zu müssen, steht außer Frage. ProSieben hingegen sähe das wohl anders.

Gesetzestreu und unternehmensfreundlich

Während sich Zennström und Friis zu KaZaA-Zeiten mit dem Unterhaltungsbusiness anlegten, wollen sie die Produzenten diesmal aber mit ins Boot holen. "Wir arbeiten mit den Medienfirmen zusammen. Das ist eine Plattform für sie, um ihre Inhalte an Kunden zu vertreiben", so Zennström. Später sollen auch User ihre eigenen Videos über den Dienst vertreiben können.

Der Webseite des Venice Project zufolge soll der Dienst im Rahmen des Digital Millennium Copyright Acts (DMCA) operieren. Dieses US-Gesetz aus dem Jahr 1998 verpflichtet Diensteanbieter im Netz unter anderem, urheberrechtlich geschütztes Material sofort zu entfernen, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden.

Gesetzestreue und die Partnerschaft mit der Medienindustrie sind überlebenswichtig – trotz des strategisch gewählten Firmensitzes auf den Niederländischen Antillen. Dabei haben Zennström und Friis – beziehungsweise die Firma Sharman Networks, an die sie KaZaA verkauft hatten – im Sommer ihren letzten Rechtsstreit mit der Unterhaltungsindustrie beigelegt. Berichte, dass sich die beiden an Millionenzahlungen für die Musik- und Filmproduzenten beteiligt haben, will Zennström bis heute nicht kommentieren.

Damit es in Zukunft keinen Streit mehr mit den Medienunternehmen gibt, muss das Venice Project ihnen entgegenkommen: Inhalteanbieter können die Verbreitung ihres Materials in dem neuen Dienst selbst kontrollieren und wenn nötig auch geografisch begrenzen. "Digitales Rechtemanagement ist bei dieser Technologie fest eingebaut", sagt Zennström.

Technologische Vorteile gegenüber YouTube

Die Videos sollen beim "Venice Project" über ein Peer-to-Peer-Netzwerk verteilt werden – und zwar kostenlos und in Form von Streams. Das bedeutet zum einen, dass es im Gegensatz zu Konkurrenten wie YouTube keinen (teuren) zentralen Server gibt, auf dem die Dateien liegen. Zum anderen müssen sich die Macher auch nicht um besonders dicke Datenleitungen kümmern, die etwa YouTube monatlich weit über eine Million Dollar kosten sollen.

Stattdessen – das Prinzip ist bekannt von KaZaA und Skype - werden alle User einen Teil ihrer Bandbreite zur Verfügung stellen. Bei einer genügend großen Nutzerzahl sollte das lange Wartezeiten beim Aufruf der Videos vermeiden. Die Macher versprechen, dass das Netzfernsehen ohne Vorwärm- beziehungsweise Downloadzeit quasi sofort anspringt. Allerdings müssen die Nutzer wohl Werbeeinblendungen in Kauf nehmen, über die das Angebot refinanziert werden soll.

Grundlage für den Videovertrieb ist eine Software namens Global Index, die bereits die technologische Basis für KaZaA und Skype war. Pikantes Detail dabei: Das Programm wurde von der Firma Joltid entwickelt, an der zwar Zennström und Friis Anteile halten, nicht aber deren neuer Arbeitgeber eBay. Deswegen ist auch noch nicht klar, ob das Projekt zum eBay/Skype/PayPal-Imperium gehören wird. Niklas Zennström scheint sich das zu wünschen: "Ich bin voller Hoffnung, dass es da große Synergien und eine Zusammenarbeit gibt."

Dass die Zeit reif ist für den digitalen Videovertrieb übers Netz, beweisen zwei Nachrichten der vergangenen Tage. Einer aktuelle Statistik zufolge, die von der BBC in Auftrag gegeben wurde, besucht knapp ein Drittel der befragten 16- bis 24-jährigen Briten mindestens einmal in der Woche ein Video-Portal im Netz. Gleichzeitig berichtet fast die Hälfte aller regelmäßigen Nutzer solcher Angebote, dass das Fernsehen im Netz zu Lasten ihres traditionellen TV-Konsums gehe.

Dass die Medienkonzerne die Entwicklung langsam begreifen, beweist eine zweite Meldung: die angekündigte Kooperation von Hollywood-Studios wie 20th Century Fox und Paramount Pictures sowie der TV-Sender MTV und Comedy Central mit der Peer-to-Peer-Plattform BitTorrent. Auch Universal und Warner basteln an eigenen Distributionsplattformen - und dass gleich mehrere P2P-Betreiber, die zur Zeit den Weg in die Legalität suchen, ebenfalls an entsprechenden Konzepten arbeiten, pfeifen die Spatzen seit längerem von den Dächern.

Es geht um den Zeitvorteil: Das Beispiel iTunes zeigte, wie schnell sich eine global dominante Vertriebsstruktur hochziehen lässt, wenn die Nutzungsbedingungen und Leistungen stimmen - und der richtige Player die Sache anpackt. Auch damals war es ein branchenfremdes Unternehmen, das den Markt aufrollte.

Ende des Daumenkinos

Aber nur wenn das Netz-TV in Sachen Bildqualität besser wird als YouTube und Co., also nahe an die klassische Glotze herankommt, werden sich User wirklich für einen Umstieg erwärmen können. Insofern ist es folgerichtig, dass Janus Friis unlängst "beinahe TV-Qualität" für den neuen Dienst versprach.

Noch hakt es im Getriebe des Venice Project - sei es, weil die Entwicklung sich doch schwieriger gestaltet als gedacht; sei es, dass sich die nötigen Lizenzverhandelungen länger hinziehen als ursprünglich vermutet. Denn eigentlich sollte das Projekt bereits vor knapp zwei Wochen auf einem Fernseh-Fachkongress im New Yorker Greenwich Village vorgestellt werden. Unmittelbar vor dem Beginn der Veranstaltung unter dem Titel "Future of Television" jedoch wurde die geplante Rede von Fredrik de Wahl abgeblasen. Einen Grund dafür wollten die Veranstalter SPIEGEL ONLINE nicht nennen.

Auch die Mannschaft des Venice Project schweigt. Da bleibt nur Warten: auf die mögliche Revolution der Fernsehbranche, die dann sehr plötzlich beginnen könnte. Wer das öffentliche Interesse so sehr füttert wie Friis und Zennström und gleichzeitig so freundlich wie beharrlich mauert, hat hoffentlich einiges zu verbergen.

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