The Well Web-Gemeinde zu verkaufen

Zum dritten Mal soll "The Well", eine Ikone der Internet-Geschichte und Prototyp der lebendigen Online-Community, unter den Hammer kommen. "Knapp profitabel" sei der prominente Cyber-Club, sagen die Besitzer - aber am Geld konnte man den Erfolg der Community nie messen.


The Well: Link Nummer 257 in der 40.924 Einträge umfassenden Link-Datenbank des SPIEGEL

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Als Stewart Brand and Larry Brilliant ihre Online-Community "The Well" 1985 aus der Taufe hoben, sprach nichts dafür, dass damit mehr als nur ein weiteres Bulletin Board System ("BBS") entstehen würde, wie sie in den achtziger Jahren überall ins Kraut schossen.

Die meisten dieser elektronischen "Briefkästen" waren Diskussionsplattformen für meist technische Probleme, mitunter auch schon Tauschplätze für allerlei Nacktheiten. Die "Onliner-Szene" der ersten Jahre war nicht nur insiderisch, sondern hatte gar etwas konspiratives: In Deutschland etwa wurden Modems für die Computerkommunikation erst in den Achtzigern legalisiert.

Doch The Well war anders als andere BBS-Plattformen.

Der kommerzielle Hintergedanke war, durch die Schaffung einer Online-"Gemeinde" die Software von Larry Brilliants Firma NETI werbewirksam in Szene zu setzen. NETI hatte sich auf die Entwicklung von Konferenz-Software spezialisiert, und folgerichtig entstanden unter dem Dach von The Well eben nicht nur die üblichen, thematisch gegliederten Foren, sondern auch "Konferenzen" zu festgelegten Themen.

Auf so sachliche Gleise gesetzt entwickelte sich bei The Well eine intellektuell geprägte, merklich anspruchsvollere Kommunikationskultur als in den meisten anderen BBSs. Das alles aber gab dem virtuellen Treffpunkt The Well einen "Ereignischarakter", der innerhalb kurzer Zeit immer mehr User anzog, die sich bis zu diesem Zeitpunkt für die BBS-Szene kaum interessiert hatten.

Die meisten von ihnen kamen aus dem Raum San Francisco, denn wie viele BBS war auch The Well zunächst einmal ein vornehmlich "regionales" Angebot - was der wohl wichtigste Faktor für den Erfolg dieser Ur-Community gewesen sein dürfte: In der "Bay-Area" tummelten sich die Trend-Setter von Digitalien. Für die Vordenker und Entwickler der entstehenden Cyberkultur wurde The Well zum Marktplatz der Ideen.

The Well wurde so zum Prototypen der Online-Community, 1994 aufs WWW transponiert. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits Soziologen und Medienwissenschaftler das Phänomen The Well entdeckt: Da war doch einfach über elektronisch vermittelte, schriftlich übermittelte Kommunikation eine virtuelle Gemeinschaft mit einem augenscheinlich echten, relativ festen sozialen Gefüge entstanden!

Halluzinierende Nachahmer

Fast zwangsläufig begannen diejenigen, die in der E-Kommunikation neue Geschäftsfelder suchten, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Wenig später phantasierten weltweit die Marketing- und Firmenstrategen davon, wie man mit Foren und "Communities" das Kundenfeld binden und erweitern könne: Der Traum von der kommerziell gesteuerten sozialen Gruppe wurde zu einem der Hauptbestandteile der Brühe, die halluzinierende BWL-Absolventen zur Dotcom-Seifenblasenlauge verrührten.

Auf Konferenzen, in Businessplänen und Gesprächen mit potentiellen Geldgebern musste zu dieser Zeit immer wieder The Well als positives Beispiel dafür herhalten, dass es eben doch möglich sei, mit kommerziellen Hintergedanken eine virtuelle Community zu schaffen.

Was für ein Unsinn: Zwar war The Well als Promotions-Plattform für die NETI-Software geschaffen worden, entwickelte sich dann aber wegen seiner kommunikativen Freiräume zu etwas völlig anderem - und Geld war damit nie wirklich zu verdienen.

In den "Konferenzen" wurde über Gott und die Welt philosophiert, in den immer zahlreicheren Foren geflirtet und gestritten, polemisiert, diskutiert und geblödelt. Die Community forderte ganz selbstverständlich Mitspracherechte ein und erwies sich für die jeweiligen Besitzer der Plattform als alles andere als handzahm und steuerbar.

Immerhin aber blühte sie auf. Alle Versuche, unter dem Dach von Joghurt- oder Automarken lebendige Communities zu schaffen, scheiterten dagegen an der mangelnden Bereitschaft der potentiellen Kunden, von sich aus und freiwillig über Jogurt und Autos zu reden.

Inhaltlich top, finanziell ein Flop

Geschäftlich war auch The Well alles andere als ein Brummer. Zwar galt bereits Mitte der Neunziger eine "Well.com"-E-Mail-Adresse als erheblich schicker als die öden Nummerncodes des damaligen Großproviders CompuServe, aber Geld ließ sich aus dem Prestige und Ruhm kaum schlagen. Bereits 1994 verkauften Brand und Brilliant ihre "Gemeinde".

Bis 1999 wuchs die virtuelle Community auf immerhin 6000, zu diesem Zeitpunkt bereits Abo-Gebühren zahlende Mitglieder an, dann wechselte sie wieder den Besitzer: Salon.com, selbst eine Ikone der Web-Kultur, wurde zum Retter der finanziell akut kriselnden Community. Eine Überzeugungstat, keine wirkliche Business-Entscheidung: Wie die meisten "Digerati", führenden "Web-Heads" und Cybervisionäre bestand auch der Vorstand von Salon zu diesem Zeitpunkt aus "Well-Beings", die sich teils seit Jahren in der prominentesten Cyber-Community der Welt engagierten.

Pech nur, dass Salon bald darauf selbst Retter brauchte: Als die Dotcom-Krise einsetzte, überlebte Salon das nur knapp durch immer neue Kredite und Spenden. Auch The Well geriet dabei unter die Räder, denn Salon verfügte nicht über die finanziellen und personellen Mittel, die Community weiter angemessen zu pflegen.

Die "Well-Beings" der ersten Jahre begrüßen darum durchaus den Entschluss zum Verkauf: Zwar gilt die Ur-Community nach wie vor als lebendig, allerdings schwächelt sie seit Jahren. Die großen, auch die öffentliche Diskussion über die Weiterentwicklung des Netzes beeinflussenden Debatten werden dort nicht mehr geführt.

Jetzt, sagt Salon-Chefin Elizabeth Hambrecht, sei es Zeit, sich auf die Kerngeschäfte zu konzentrieren: Es sei für Salon nicht länger sinnvoll, zwei verschiedene Marken zu pflegen.

Ein Käufer soll her, aber bitte der Richtige: Passen soll er zu dieser Ikone der Web-Geschichte, Zeit wolle man sich darum nehmen mit der Suche.

Was der künftige Well-Besitzer erwarten darf, ist eine auf nach offiziellen Angaben rund 4000 zahlende Mitglieder zusammengeschrumpfte Online-Community. Insgesamt, sagt Hambrecht, setze The Well rund eine halbe Million Dollar im Jahr um und sei somit "knapp profitabel". Wie viel man ausgeben muss, um eine Web-Legende zu erstehen, ist nicht bekannt.

Ob es wirklich weiter geht mit The Well, entscheidet am Ende aber nicht der Käufer, sondern die Community: Wenn die Geschichte von The Well eines zeigt, dann dass man allenfalls Rahmenbedingungen schaffen kann für das Entstehen und Leben einer Online-Community. Der Rest muss einfach passieren.

Frank Patalong

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