Silicon Valley Reporter: Sprechende Anzeigen und Handy-Robos

Von Thomas Schulz, San Francisco

Auch wenn es in Berlin und Bangalore Start-up-Szenen gibt - noch immer ist das Silicon Valley Zentrum der digitalen Revolution. SPIEGEL ONLINE wird diesen Mikrokosmos künftig aus der Nähe beschreiben.

Silicon Valley: Treffen der klugen Köpfe Fotos
VentureBeat

Zum Auftakt beschreibt SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz, wie sich einige der klügsten Köpfe der Tech-Welt zwei Tage über die Zukunft von Smartphones und Tablets stritten.

Das Silicon Valley, diese kleine sonnige Region wenige Kilometer südlich von San Francisco, ist noch immer einzigartig. Fast jedes IT-Unternehmen von Weltrang wurde hier gegründet, von Intel über Apple bis Google. Und auch wenn längst an vielen anderen Orten der Welt Technologiezentren entstehen: Wer zum nächsten Steve Jobs oder Mark Zuckerberg aufsteigen will, versucht es immer noch am liebsten hier, nicht in Berlin, New York oder Bangalore.

Tausende der klügsten Köpfe zieht es jedes Jahr hierher. "Software frisst die Welt", so sagt es Marc Andreessen, Gründer von Netscape und heute einer der einflussreichsten Wagniskapitalgeber der Tech-Welt. Längst geht es nicht mehr nur um technische Produkte, sondern auch um Werte: Welche meiner Daten sind privat? Was ist ein Film wert?

Für dieses Blog werde ich die Macher aus der Nähe beobachten, aus vielen Mosaiksteinen ein Bild dieser speziellen, manchmal etwas bizarren Welt zusammensetzen.

Ein schönes Beispiel für die Valley-Kultur ist die Konferenz, auf der ich die vergangenen zwei Tage verbracht habe: 180 Ingenieure, Top-Manager und Start-up-Gründer, darunter Vordenker von Google und Facebook, aber auch von der Telekom und Vodafone, eingeschlossen in ein Hotel am Fuß der Golden-Gate-Brücke, auf Einladung der Branchenplattform VentureBeat. Es herrscht Klassenfahrtatmosphäre. Schon mittags gibt es reichlich Bier und Wein in der kalifornischen Frühjahrssonne, im großen Saal wird gemeinsam gegessen, abends nimmt man Drinks am Lagerfeuer.

Die meisten hier sind Konkurrenten, aber für 48 Stunden scheint das egal. Sie streiten, diskutierten, phantasieren, eingeteilt in Arbeitsgruppen wie in einem Uni-Seminar: wohin sich Smartphones in den nächsten Monaten entwickeln, welche Apps einschlagen werden. Und wie sich damit Geld verdienen lässt.

2018 wird es 6,5 Milliarden mobile Internetzugänge geben, prognostiziert Douglas Gilstrap, Strategiechef von Ericsson. Er sollte es wissen, sein Unternehmen baut rund um die Welt die Infrastruktur für Mobilfunk-Netze. Die meisten Nutzer, sagt er, werden in Asien, Afrika und im Mittleren Osten hinzukommen.

Doch selbst Millionen von Nutzern bedeuten im mobilen Netz längst nicht Millionenumsätze. Auch viele Branchengrößen suchen immer noch nach dem richtigen Geschäftsmodell für die mobile Zukunft - und müssen Experimente wagen.

Facebook etwa wird am Donnerstag auf einer Pressekonferenz wohl ein Smartphone vorstellen. Details sind schon vorab durchgesickert - es wird wohl ein HTC-Handy mit fest eingebauten Facebook-Funktionen sein. Ob so ein Gerät reißenden Absatz finden wird, scheint mehr als fraglich. Und deswegen kauft Facebook auch Leute wie Lee Linden ein: Mit Anfang 30 hat er bereits drei Unternehmen gegründet, zuletzt entwickelte er eine Anwendung, mit der Smartphone-Nutzer Geschenke an Freunde und Familie Bekannte verschicken können, ohne die Postadresse einzugeben. 2012 hat Facebook die Geschenk-Anwendung übernommen und in den USA bereits integriert. Linden ist nun Projektleiter bei Facebook. Er sagt: Damit ein mobiles Geschäftsmodell funktioniert, muss es sich natürlich und simpel einfügen in die Aktivitäten des Nutzers.

So stellen sich viele hier die profitable Zukunft des mobilen Internets vor: Möglichst unauffällig mitverdienen an den Einkäufen und Dienstleistungen, die wir über unsere Smartphones und Tablets abwickeln.

Viele Geschäftsmodelle setzen aber immer noch auf Werbung. Das wiederum ist schwierig, denn auf kleinen Bildschirmen funktionieren Anzeigen nicht gut. Entsprechend verwenden die Vordenker im Silicon Valley erhebliche Energie darauf, neue Werbeformen zu finden.

Der US-Konzern Nuance glaubt nun, einen Weg gefunden zu haben. Nuance ist Marktführer für Sprachsteuerungs-Software und entwickelte etwa gemeinsam mit Apple die Sprachsteuerung Siri für das iPhone. Jetzt hat das Unternehmen eine Anwendung entworfen, die die Konferenzteilnehmer hier und wohl auch viele Werber jubeln, jeden anderen aber schaudern lässt: die sprechende, interaktive Anzeige.

Mehrere große Werbeagenturen und Konzerne seien schon an Bord, sagt Mike McSherry, Abteilungsleiter Mobile bei Nuance, bevor er eine Live-Demonstration der Anwendung gibt: Die Sprachanzeige sieht zunächst aus wie eine normale Banneranzeige für ein Deo, doch dann quatscht sie los, und sie beantwortet ähnlich wie Siri Fragen zu allen Lebenslagen - je nachdem, mit welchen Texten die Werbeagentur sie gefüttert hat. Technisch wirkt das toll, aber wie fürchterlich wäre es, wenn wir künftig auf jeder Mobil-Webseite erst einmal von der Werbung angequatscht würden.

So geht es den ganzen Tag weiter, es werden neue Apps präsentiert, zum Beispiel Divide, mit der sich E-Mails und Anwendungen auf einem Smartphone in einen beruflichen und einen privaten Teil trennen lassen. Vieles wird aufgeregt beklatscht. Gelästert wird nur hintenrum.

Den größten Applaus bekommt ein Start-up namens Romotive, das iPhones zu persönlichen Robotern macht. Aufgesteckt auf einen über Wi-Fi ferngesteuerten fahrbaren Untersatz und ausgestattet mit Gesichts- und Spracherkennung wird das Smartphone zum Telepräsenz-Roboter für den Hausgebrauch. Das ist nur der Anfang, sagt Romotive-Gründer Keller Rinaudo, in einigen Jahren werden persönliche Roboter in jedem Haushalt sein. Wir werden sein Unternehmen im Auge behalten.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
peppifaxxx 04.04.2013
Das Silicon Valley zeichnet sich vorallem durch seine große Zahl von Selbstdarstellern aus. (Berlin, Bangalore, etc haben da wirklich Defizite). Scheinbar muß man aber unter die große Masse von Geeks, Webdesignern und Java-Programmierer, die es eigentlich überall in relativ gleicher Qualität gibt, eine hinreichend kritische Masse von Selbstdarstellern mischen um neue Dinge entstehen zu lassen. Und Journalisten habe dort sowieso ein einfaches Spiel ...
2.
regierungs4tel 04.04.2013
Wir hätten dem SPIEGEL etwas mehr Geist zugetraut als dem verreisten BILD-Chefredakteur, dessen einjährige Klassenfahrt für die neue Kolumne offenbar Pate stand.
3.
cgh787 04.04.2013
Und wo finde ich einen RSS-Feed zum Blog?
4.
Ole Reißmann 04.04.2013
Es gibt einen RSS-Feed, allerdings zeigen nicht mehr alle Browser so etwas an. Hier: http://www.spiegel.de/thema/silicon_valley_reporter/index.rss
5.
zila 04.04.2013
"So geht es den ganzen Tag weiter, es werden neue Apps präsentiert, zum Beispiel Divide, mit der sich E-Mails und Anwendungen auf einem Smartphone in einen beruflichen und einen privaten Teil trennen lassen. " Gibt's schon, nennt sich Blackberry 10.
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Zum Autor
  • Sarah Girner
    Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt und der Kommunikationswissenschaften in Miami, Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Anschließend mehrjähriges Intermezzo bei einem Frankfurter Internet-Start-up, erlebte dort Aufstieg und Fall der New Economy.

    Seit 2001 beim SPIEGEL im Ressort Wirtschaft. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.


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