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Tibet-Debatte im Internet: Schlachtfeld der tausend Wahrheiten

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Lügen, Propaganda, Augenzeugenberichte: Die Tibet-Krise provoziert im Internet einen einzigartigen Meinungskrieg zwischen Chinesen und ihren Gegnern - und eine erstaunliche neue Debattenkultur, die binnen Tagen die ganze Welt vernetzt.

Es ist ein Kampf um die Köpfe. Er wird 24 Stunden am Tag ausgetragen. Global. Ein gewaltiges Streitgespräch entwickelt sich derzeit, von Privatperson zu Privatperson, von Kontinent zu Kontinent, mit Worten, Bildern, Musik, Videos, Propaganda aller Art. Die Tibet-Krise erregt das Internet: Binnen Tagen ist im Netz eine neue, hochinteressante Debattenkultur entstanden - weit entfernt von den kulturpessimistischen Szenarien, die Untergangspropheten gerade in Deutschland mit dem weltweiten Netz verknüpfen.

Pro-Tibet-Demonstrant in Indien: Internationaler Protest, weltumspannender Streit
REUTERS

Pro-Tibet-Demonstrant in Indien: Internationaler Protest, weltumspannender Streit

Der YouTube-Nutzer NZKOF zum Beispiel hat einen Propagandafilm zusammengestellt: Unterlegt mit monumentaler Orchestermusik zeigt sein Video Fotos aus Tibets Geschichte, dazwischen Texttafeln mit angeblichen Fakten über das Verhältnis zu China. Wo NZKOF steht, ist klar - dafür muss man sich den siebenminütigen Film nicht ansehen - der Titel des Videos: "Tibet war, ist und wird immer ein Teil Chinas sein". Abrufe bisher: etwa eine Million Mal. Im Sekundentakt gibt es neue Kommentare, bisher insgesamt mehr als 70.000.

Solche Propaganda-Provokationen gibt es im Netz inzwischen zu Hunderten - von beiden Seiten. Die Videos werden zu Kristallisationspunkten für einen in dieser Form neuartigen Meinungskrieg. Schon die wackelig gefilmten Straßenszenen, die als erstes aus Tibet drangen, belegten: Auf YouTube verbreiten sich in diesen Tagen Bilder schneller als anderswo. Wobei ihre Authentizität und tatsächliche Bedeutung immer schwer einzuschätzen ist.

Eines der neuesten Videos greift westliche Medien an, auch SPIEGEL ONLINE, und beschuldigt sie, mit verfälschenden Bildunterschriften und Filmtexten Propaganda zu betreiben. Bei näherem Hinsehen erweisen sich allerdings eher die Vorwürfe als Propaganda - und die jubelnden Kommentatoren als mutmaßliche regierungstreue Claqueure. Eine auffällig große Zahl von Nutzern hat ihren YouTube-Account erst am 17. März oder danach eingerichtet und interessiert sich dort für nichts anderes als chinesische Propagandavideos.

Auch im Forum von SPIEGEL ONLINE wird seit dem vergangenen Wochenende eine ungewöhnlich hohe Zahl von Neuanmeldungen verzeichnet. Vehement verteidigen manche der Neuzugänge das chinesische Vorgehen in Tibet - andere widersprechen nicht minder heftig. Manche der neuen Diskutanten mögen gedungene Propagandakräfte sein, andere vielleicht nur Freunde Chinas, die sich nicht damit abfinden wollen, dass das Land gerade mal wieder zum globalen Bösewicht gemacht werden soll.

Der englischsprachige Wikipedia-Eintrag über Tibet ist in den vergangenen drei Tagen mehr als hundert Mal verändert worden, teilweise von Vandalen, die den kompletten Eintrag kurzzeitig schlicht durch wüste Beschimpfungen gegen das Land, buddhistische Mönche und den Dalai Lama ersetzt hatten. Der Eintrag über Tenzin Gyatso - so lautet der bürgerliche Name des Dalai Lama - wird ebenfalls fleißig editiert. Zwischendurch wurde der Friedensnobelpreisträger dort auch mal als Diktator geführt, unter dessen Herrschaft Menschen die Augen ausgekratzt worden seien. Andere Modifikationen waren noch plumper.

Das globale Zwitschern ist nicht zu kontrollieren

Nicht überall ist das Niveau der Netz-Debatte so niedrig - und die Bemühungen für einen echten Dialog zwischen China und dem Rest der Welt sind beachtlich. Der Blogger " Mutant Palm" zum Beispiel fordert die Streitenden zur Besonnenheit und zum gegenseitigen Zuhören auf - und hilft tatkräftig mit, indem er chinesischsprachige Stellungnahmen aus Mikro-Blogging-Webdiensten ins Englische übersetzt. Solche Plattformen erlauben das Abschicken extrem kurzer Botschaften im SMS-Stil ins Netz, wo sie dann von einer großen Gemeinde gelesen werden können.

Die Dienste wie Twitter ("Zwitschern") erfreuen sich in den USA inzwischen größter Beliebtheit. Und chinesische Klone wie Fanfou sorgen nun dafür, dass eine vielköpfige chinesische Öffentlichkeit ebenfalls ständig Botschaften in die Welt schicken kann - in einer Zahl, die auch für Chinas Web-Zensoren nicht mehr zu überblicken oder zu überwachen ist.

Vielleicht ist das der größte Fortschritt, den das vielstimmige globale Zwitschern mit sich bringt: Es ist auch von den fleißigsten Netzpolizisten nicht mehr zu kontrollieren.

"Seit Jahren sehe ich, dass viele der Diskussionen, die chinesische Netzbürger führen, von englischsprechenden Netzbürgern ignoriert oder einfach verpasst werden", schreibt der "Mutant Palm"-Autor. Die englischsprachige Netzgemeinde halte alle Chinesen im Netz prinzipiell für "komplett hirngewaschen": "Und was glaubt ihr? Manche von denen denken über euch das Gleiche."

Automatische Übersetzung für Beiträge aus China

In den Kommentaren des "Mutant Palm"-Blogs entspinnt sich eine erstaunlich differenzierte Debatte über das Verhältnis zwischen China und dem Westen. Sie wird multidimensional und multimedial geführt: Ein Kommentator verlinkt ein YouTube-Video, auf dem augenscheinlich Tibeter einen unbewaffneten Radfahrer attackieren und mit Steinen nach ihm werfen. Ein anderer hinterlegt einen Link und den Zugang zu einer passwortgeschützten Seite, auf der Informationen über Tibet gesammelt werden - zum Beispiel eine Karte mit den Brennpunkten der Zusammenstöße in Tibet und ein Link zu einer Seite auf der Plattform Wikileaks. Dort hat jemand einen Zusammenschnitt aus Fernsehberichten und anderem Videomaterial über die Proteste und das Vorgehen der chinesischen Streit- und Sicherheitskräfte hinterlegt. Für Chinesen, die auf YouTube keinen Zugriff mehr haben.

Ein anderer Nutzer hat mit ein paar Mausklicks aus frei verfügbaren Web-Werkzeugen eine Seite gebastelt, die Mikro-Blogging-Äußerungen von mehreren chinesischsprachigen Plattformen zum Thema aggregiert und automatisch ins Englische übersetzt. Das funktioniert nur mäßig. Doch schon der Versuch ist wertvoll.

Eine Vielzahl von Blogs, Petitionsseiten und eigens eingerichteten Websites sammelt Informationen zu Tibet, westliche Besucher berichten von ihren Erfahrungen in der Region. Der Blogger " Kadfly" berichtete aus Lhasa und wurde von einem Kommentator in seinem Blog darauf hingewiesen, dass eines seiner Fotos eben auf der Titelseite der "New York Times" gelandet war - manchmal bleibt klassischen Medien gar nichts übrig, als sich der neuen Quellen zu bedienen, wenn sie nicht allzu alt aussehen wollen.

Lügen, Propaganda - und Authentisches?

All diese Debattenbeiträge und -werkzeuge verweisen aufeinander, formen ein gewaltiges und oft kaum noch zu durchschauendes Kommunikationsnetz. Mal unterhält sich die gebildete globale Öffentlichkeit darin, mal beschimpft sie sich wüst - während der Großteil der Menschheit davon rein gar nichts mitbekommt.

Ein weltumspannendes Gespräch abseits etablierter Medien findet da statt, bestehend aus Lügen, Propaganda und Verzerrungen - aber zweifellos auch echten Einsichten und einigen unzensierten Informationen aus erster Hand.

Die Tibet-Debatte zeigt, dass gerade eingefleischte Netznutzer keineswegs unpolitisch sind. Selbst auf die Startseite von digg.com haben es es dank Tausender Nutzer-Votes zahlreiche Tibet-Storys aus internationalen Medien geschafft - obwohl die Social-News-Seite für ihr junges, männliches, vor allem an Linux, Apple und Videospielen interessiertes Publikum notorisch ist.

Unter jedem Link zu Artikeln über Boykottaufrufe oder Äußerungen des Dalai Lama finden sich wiederum lange Diskussionsstränge. Manche schlagen vor, statt der Olympischen Spiele lieber chinesische Produkte zu boykottieren - das sei effektiver. Andere ziehen wilde Vergleiche zwischen Tibet, Afghanistan und dem Irak.

Von Berichten in etablierten Medien fühlen sich diese Nutzer nur noch in Teilen angesprochen. Weil ihnen ihre Informationsquellen einfach authentischer und ehrlicher erscheinen - ob sie es sind oder nicht.

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