Tod eines Hackers Abstruse Verschwörungstheorien?

Der Geist von Tron lässt den Hackern des Chaos Computer Club keine Ruhe. Mord oder Freitod sei nach wie vor die Frage. Burkhard Schröder, der im November ein Buch zum "Fall Tron" vorlegte, meint derweil, der CCC laufe Gefahr, sich mit seinen Mordthesen "öffentlich lächerlich zu machen".

Von Stefan Krempl


Boris F., genannt Tron: Sein Tod wirft weiter Fragen auf

Boris F., genannt Tron: Sein Tod wirft weiter Fragen auf

Der Fall Tron droht für den Chaos Computer Club zum Trauma zu werden. CCC-Sprecher Andy Müller-Maguhn hatte auf dem diesjährigen Chaos Communication Congress in Berlin von der Annahme berichtet, dass "eine Fremdeinwirkung" beim Tod des Berliner Starhackers, der 1997 vor allem durch den Crack der Verschlüsselung für die Chipkarten der d-box für Aufsehen gesorgt hatte, "unerlässlich" gewesen sei. Der Polizei und der Staatsanwaltschaft hatte er - unisono mit Trons Eltern und deren Anwalt - vorgeworfen, bei den Ermittlungen vielen auf einen Mord hinweisenden Fakten nicht nachgegangen zu sein und Ungereimtheiten im Obduktionsbericht nicht zur Hinterfragung der Selbstmordtheorie herangezogen zu haben.

Burkhard Schröder, Autor des im Dezember erschienenen Buches "Tron - Tod eines Hackers", warf dem Vorstand des CCC daraufhin in einem offenen Brief vor, "abstruse Verschwörungstheorien" zu verbreiten. Schröders Ansicht nach laufe der CCC dadurch Gefahr, "sich öffentlich lächerlich zu machen."

Dem Obduktionsbericht zufolge starb Tron, der am 22. Oktober 1998 an einem Strick aufgeknüpft von einem Spaziergänger in einem Waldstück in Berlin-Britz aufgefunden und noch vor dem Eintreffen der Polizei vom Baum abgenommen worden war, rund drei Stunden nach der Einnahme eines Spaghetti-Gerichts. Die Nudeln samt Zutaten waren jedenfalls noch in reichlich unverdautem Zustand in seinem Magen zu finden. Gleichzeitig stellte der Obduktionsmediziner fest, dass Trons Tod höchstens 24 bis 48 Stunden vor dem Auffinden der Leiche eingetreten sein konnte.

Wie oft isst ein Hacker Spaghetti?

Der CCC hängt seine Argumentation nun daran auf, dass Tron am Samstag vor seinem Verschwinden von seiner Mutter just eine Portion Spaghetti serviert bekommen hatte. Müller-Maguhn hat keinen Zweifel daran, dass dies die "Henkersmahlzeit" gewesen sei. Wäre dann nur noch die Zeitspanne zu erklären zwischen der Einnahme der Mahlzeit, den gefundenen, halbverdauten Speiseresten und dem bei der Obduktion angesetzten Todesdatum.

Für Buchautor Schröder setzt Müller-Maguhn mit seinen Mordthesen an den falschen Stellen an: Die Mordtheorie stützt sich vor allem auf die These, der Mageninhalt des Toten weise darauf hin, dass er kurz nach seiner letzten Mahlzeit zu Hause ermordet wurde. Schröder: "Maguhn setzt voraus, dass ein Hacker nicht zweimal binnen weniger Tage Spaghetti essen könne. Für die ermittelnden Kriminalbeamten standen andere Fakten im Vordergrund: Wenn es zum Beispiel so gewesen wäre, dass Trons Leiche transportiert wurde und der Selbstmord per Strick vorgetäuscht war, dann hätte man zwei Strangulierungsspuren des Strickes finden müssen." Denn dass Tron durch Erhängen starb, steht außer Frage.

Doch Müller-Maguhn beharrt auf der Spaghettithese: "Die Leiche muss 72 bis 96 Stunden fachmännisch bei vier Grad Celsius gekühlt worden sein", glaubt der CCC-Sprecher die Lösung des Rätsels gefunden zu haben. Danach erst sei sie an den Fundort geliefert worden.

Die ungewöhnlichen Verschleierungstaktiken könnten sich davon herleiten, so Müller-Maguhn, dass bei einem "Anwerbungsversuch" des Freaks, dem von vielen Seiten eine gewisse Genialität zugestanden wurde, durch ein israelisches, mit Chipkartensystemen handelndes Unternehmen ein paar Fehler passiert seien: Tron hatte seiner Mutter vor seinem Tod von dem lukrativen "Jobangebot" erzählt, es aber letztlich abgelehnt, um sein eigener Herr zu bleiben. Diese Aussage der Mutter tauche in Untersuchungsprotokollen allerdings nicht auf. Vielmehr hätten die Ermittler bei den Vernehmungen an dieser Stelle einfach Schluss gemacht. Den "Jagdinstinkt", den Kriminalbeamte in einem Mordfall sonst an den Tag legten, vermisst der Anwalt der Eltern Trons daher vollkommen.

Auch nachdem die Mordkommission des Landeskriminalamts Berlin inzwischen den Aktendeckel geschlossen hat, hat sich der Staatsanwalt auf Drängen des CCC nun doch noch einmal bereit erklärt, den schwer erklärbaren Fakten im Obduktionsbericht noch einmal nachzugehen. Die Ermittlungsakten bleiben solange unter Verschluss. Die Hackerszene fragt sich derweil, ob ein Hacker zweimal innerhalb einer Woche Spaghetti mit derselben Sauce essen könne.



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