Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Transhumanismus: Das Hirn im PC

Von

Sony bastelt an der Idee eines Computer-Gehirn-Interfaces. Das sei erst der Anfang, glaubt der britische Futurologe Ian Pearson. Schon 2050 könnten es sich Reiche leisten, ihr Gehirn in einen Rechner zu laden. Das Ziel: Unsterblichkeit.

Interface: Lassen sich Maschinen per Gedanke steuern? Lassen sich Informationen ins Gehirn übertragen?
DPA

Interface: Lassen sich Maschinen per Gedanke steuern? Lassen sich Informationen ins Gehirn übertragen?

In naher Zukunft schon soll es ein Geist-Rechner-Interface geben, mit dem man Filme oder Computerspiele nicht nur hören und sehen, sondern auch anders sinnlich erfahren kann.

Geschmack und Gefühl, Geruch und selbst direkt induzierte Emotionen sollen durch ein zuerst 2000 von Sony zum Patent angemeldetes Gerät erfahrbar sein, dessen Konzept der Entertainment-Konzern seitdem mehrmals, zuletzt im Februar 2005, spezifiziert hat (US 2004/267118).

Und das alles ohne Eingriff in den Körper: Per Ultraschall sollen bestimmte Regionen des Gehirns gezielt stimuliert werden, so das auch die Synapsen den Vorstellungen des Regisseurs entsprechend feuern. Konkrete Experimente oder eine Umsetzung des Konzepts gebe es noch nicht, sagte Sony dem "New Scientist": Noch sei das eine Vision.

Die Möglichkeiten sind verlockend: Für die deutsche Filmkomödien-Industrie könnte das endlich den Auslandsmarkt eröffnen und auch Gracia hätte in Kiew wohl bessere Chancen gehabt - gut ist schließlich das, was man so empfindet.

Der Web-Wanderführer führt zu bemerkenswerten bis seltsamen Seiten des Netzes
[M] DPA

Der Web-Wanderführer führt zu bemerkenswerten bis seltsamen Seiten des Netzes

Doch Spaß beiseite. Was wie reine Science Fiction klingt, mag schon bald keine mehr sein. Nicht nur die Entertainment-Industrie treibt die Entwicklung von Interfaces voran, die das Spektrum der medial vermittelbaren Sinneseindrücke erweitern wollen. Auch der umgekehrte Weg, die Beeinflussung des Computers durch den menschlichen Geist, wird von vielen aus teils guten Gründen gewünscht. Hier und da gibt es bereits Ansätze, wenn es etwa Forschern gelingt, einen Computercursor durch mentale Kommandos zu steuern oder eine Beinprothese Nervenimpulsen gehorchen lernt.

Cyborg!

Für Futurologen und manche Kybernetiker ist das erst der Anfang einer logischen Entwicklung hin zu einem Ziel, das Otto-Normalverbraucher zunächst eher skurril erscheint als wünschenswert: der Verschmelzung von Geist und Maschine.

Archetypischer Kunstmensch: Frankensteins "Monster"

Archetypischer Kunstmensch: Frankensteins "Monster"

Die Idee des beseelten Kunstmenschen ("Golem") und die des durch Kunstfertigkeit optimierten Übermenschen, zieht sich seit vortechnischen Zeiten durch unsere Denkwelt. Seit aber vor rund 200 Jahren unsere Arbeits- und Lebenswelt zunehmend von Maschinen geprägt wurde, erschien mit einem Mal denk- wenn nicht gar machbar, was über Jahrhunderte nur für Mystik, Märchen und Mythen gut war.

Schon 1816 ließ Mary Shelley ihren Doktor Frankenstein (Erstausgabe: 1818) aus Leichenteilen einen künstlichen Menschen montieren, der sich schnell als Gefäß für sehr viel Geist erwies - doch besaß er auch Seele?

Genau über diese Frage philosophieren seitdem Phantasten und Forscher: Lässt sich mit dem geballten Erfahrungsschatz eines Menschen auch dessen Sein in einen anderen Speicher übertragen, womöglich einen künstlichen?

Klar, sagt Ian Pearson, einer der prominentesten Futurologen Großbritanniens und bei British Telecom dafür bezahlt, die multimediale Zukunft zu ersinnen. Bereits 2050, sagte er dem "Guardian", würden es sich Reiche leisten können, ihr Gehirn in einen Rechner hochzuladen. Arme Schlucker hingegen müssten wohl bis "2075 oder 2080" warten, "wenn das zur Routine geworden ist".

Doch warum sollte man überhaupt wollen, dass Geist und Seele in einer Maschine landen?

Kevin Warwick: Der britische Kybernetiker hat den Ehrgeiz, der erste Cyborg zu werden
DPA

Kevin Warwick: Der britische Kybernetiker hat den Ehrgeiz, der erste Cyborg zu werden

Die Antwort darauf brachte Richard Barbrook in seinem Essay "Der heilige Cyborg" prägnant auf den Punkt: "Babys zu machen, ohne Sex zu haben; der Herr über Sklaven zu sein; Unsterblichkeit zu erlangen; ja sich sogar in reinen Geist zu verwandeln".

Kurzum: Es geht um Macht, Immunität gegen Krankheiten und die Fährnisse des Lebens, letztlich um Unsterblichkeit.

Von der träumen dann auch prominente Kybernetiker und Futurologen wie Ray Kurzweil oder Kevin Warwick, die hoffen, ihr Leben, seine Länge und Qualität durch die Implantierung einer wachsenden Anzahl künstlicher Körper-Austauschelemente verbessern zu können.

Der logische Endpunkt dieses Traums ist der Cyborg, das mechanisch-digital aufgemotzte Menschenwesen. Wer das für reine Spinnerei hält, mag an Herzschrittmacher und andere künstliche Organe denken: Es gibt gute Gründe dafür, Teile des kranken Körpers durch gesunde Mechanik zu ersetzen. Für Barbrook und Co aber geht diese Entwicklung weiter: Letztlich hängen sie einer Denkschule an, für die der Biologe Julian Huxley vor 50 Jahren den Begriff "Transhumanismus" prägte.

Transhumanismus: Digital zum Übermenschen

Erweiterte Sinne: "Übermenschliche" Fähigkeiten wünscht sich auch das Militär
DPA

Erweiterte Sinne: "Übermenschliche" Fähigkeiten wünscht sich auch das Militär

Der strebt die Verbesserung des menschlichen Zustandes durch technologische Methoden an - ohne dabei das Erbe des Humanismus zu vergessen. In der "Transhumanistischen Deklaration" (2002) der "World Transhumanist Association" heißt es:

"Die Menschheit wird sich zukünftig durch Technologie radikal verändern. Wir sehen voraus, dass es machbar sein wird, die menschliche Verfassung neu zu definieren; das schließt Parameter wie die Unvermeidbarkeit der Alterung, die Limitierungen des menschlichen und künstlichen Intellekts, ungewollte Psyche, Leiden und unsere Gebundenheit an den Planeten Erde ein."

Das klingt schon bemerkenswert, wenn nicht sogar merkwürdig.

Doch während man etwa Kevin Warwicks Cyborg-Visionen, die den menschlichen Körper mittels intelligenter Prothesen zu einer "Übermenschlichkeit" führen wollen, noch irgendwo zwischen nachvollziehbar und exzentrisch verorten kann, dürfte Pearsons Gedanke die meisten Menschen schlicht erschrecken: ihr Gehirn, ihre Erfahrungen und Gefühle vor dem Tod in eine Datenbank zu übertragen und so dem Tod zu entgehen.

Science Fiction: Alles durchdacht

Neu ist auch dieser Gedanke nicht. Die Macher der "Enterprise"-Serie schienen seit deren Anfängen sogar regelrecht besessen davon zu sein. Stets ging es ihnen dabei um die Frage, was bei einem solchen Transfer mit der Seele geschieht. Was im Laufe der Jahrzehnte da denk- und machbar erschien, lässt sich an diversen Episoden ablesen.

In "Spocks Gehirn" (1968) beispielsweise wird eben jenes eiweißhaltige Organ von einer Zivilisation von - man entschuldige den Ausdruck - völlig verblödeten Amazonen geraubt, die nicht weniger verblödete Männer als reine Arbeitsklaven halten und ihr Geschick völlig der Macht eines Elektronengehirns überantwortet haben. Da aber Computer allein ebenfalls immer irgendwie blöd sind, braucht die zentrale Steuereinheit eine organische Komponente - Spock bietet sich da natürlich an.

Helden des Weltalls: Selbst Hirndiebstahl konnte diese Crew nicht aufhalten
AP

Helden des Weltalls: Selbst Hirndiebstahl konnte diese Crew nicht aufhalten

Zum Glück schafft es Doktor "Pille" McCoy, Spocks Körper a) am Leben zu halten und b) mit einer TV-Fernbedienung fernzusteuern, auf dass die beiden, unterstützt durch Scotty und Captain Kirk (der ja zwecks Unterwerfung wie üblich die Oberamazone küssen muss) erstens das Gehirn wieder in Spock zurück bekommen und zweitens die enthirnten Amazonen zur Vernunft bringen. Und das hieß 1968 noch: Verlasse Dich nicht auf einen Computer.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: