"Trojan Room Coffee Machine": Virtuelles Museum für den ersten Star des Internets

Von und Steffen Heinzelmann

Sie war die teuerste kaputte Kaffeemaschine der Welt - und zugleich eine Ikone der Internetgeschichte. Inzwischen wurde sie repariert und brüht wieder. Jetzt bekommt die "Trojan Room Coffee Machine" einen angemessenen Rahmen - ein virtuelles Museum bei SPIEGEL ONLINE.

Screenshot vom virtuellen Museum rund um die "Trojan Room Coffee Machine" bei SPIEGEL ONLINE.
SPIEGEL ONLINE

Screenshot vom virtuellen Museum rund um die "Trojan Room Coffee Machine" bei SPIEGEL ONLINE.

Zum Abschied gab es in Cambridge ausnahmsweise Champagner statt Kaffee: Jahrelang hatte die schlichte weiße Kaffeemaschine in einem alten Metallregal vor dem "Trojan Room" des Computerlabors der University of Cambridge gestanden - beobachtet von einer Webcam. Nicht irgendeiner Webcam, sondern der ersten Webcam überhaupt: Eine Phillips CCD-Camera übertrug den aktuellen Füllstand der Kaffeekanne ins Netzwerk des Computerlabors und seit den Anfangstagen des World Wide Web auch ins Internet. So wurde die "Trojan Room Coffee Machine" zum "ersten Star des Internets", wie die britische Tageszeitung "The Times" schrieb.

Kaffeekannen kamen und gingen, doch die Idee blieb. Tausende Internetuser aus aller Welt surften täglich über die Website der Trojan Room Coffee Machine. Doch im Frühjahr 2001 hatte die letzte Maschine ausgekocht. Vor dem Umzug in ein neues Gebäude beschlossen die Informatiker den ganzen Plunder wegzuwerfen. Die diensthabende "Trojan Room Coffee Machine" (TRCM) - immerhin seit 1997 vor der Webcam im Einsatz - sollte beim Internetauktionshaus Ebay unter den Hammer kommen.

Frisch gebrüht - Fotos aus der TRCM-Historie


Es war einmal: Screenshot von der Website der "Trojan Room Coffee Machine", als diese noch im Computerlabor der University of Cambridge Kaffe kochte. Der Lageplan: Im Flur vor dem "Trojan Room" des Computerlabors der University of Cambridge war die legendäre Krups ProAroma jahrelang zu Hause. Die erste Webcam: Diese Philips CCD-Camera hat Internetgeschichte geschrieben. Sie übertrug die Bilder der "Trojan Room Coffee Machine" zunächst ins interne Netzwerk der Informatiker des Computerlabors der University of Cambridge und später ins Word Wide Web. Doch Undank ist bekanntlich der Welt Lohn - nicht die Kamera, sondern die Kaffeemaschine wurde berühmt.
Exakte Buchführung: Die Mitglieder des Coffee-Clubs notierten jede getrunkene Kaffeetasse. Frisch gemahlen: Wahre Kaffeetrinker mahlen selbst lautete die Devise im Coffee Club des Computer-Labs der University of Cambridge. Versandfertig: Für die Reise nach Hamburg wurden das 19-Zoll-Rack sowie sämtliches TRCM-Zubehör in große Kartons verpackt - Porto: 211 britische Pfund.
Aufbauanleitung: Damit der Wiederaufbau des zerlegten Racks reibungslos klappt, knipsten die Mitglieder des Coffeeclubs eine Serie von Digitalfotos und legten sie auf einen Server - zum Download für die Handwerker in der Hamburger SPIEGEL-Online-Redaktion. Das Zertifikat: 1.294.128 mal wurde die "Trojan Room Coffee Machine" von Oktober 1997 bis August 2001 angeklickt - etwa 10.000 Tassen Kaffee hat sie in dieser Zeit gekocht. Brandgefährlich: So kam die für knapp 10.500 Mark ersteigerte Kaffeemaschine in Hamburg an - mit einem Leck im Wassertank und abgeschnittenem Stecker.

Klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen!



Maximal 300 britische Pfund hatten sich die Mitglieder des Coffee Clubs von der Versteigerung der völlig ruinierten, wasserleckenden und somit brandgefährlichen Kaffeemaschine versprochen. Doch schon nach wenigen Tagen erreichte der Auktionspreis schwindelnde Höhen. Für 3350 Pfund (rund 10.500 Mark) erhielt SPIEGEL ONLINE schließlich am 11. August um 14.39 Uhr und 29 Sekunden den Zuschlag. Mit Unterstützung eines Sponsors - dem Gesundheitskonzern Fresenius - kam die berühmteste Kaffeemaschine samt Zubehör so nach Hamburg, wo seit Weihnachten in der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion Kaffee kocht.

Berühmtheit: Die "Trojan Room Coffee Machine" vor der Webcam in der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion.
SPIEGEL ONLINE

Berühmtheit: Die "Trojan Room Coffee Machine" vor der Webcam in der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion.

Zuvor war das gute Stück vom Hersteller Krups kostenlos renoviert worden. Um sicher zu gehen, dass die Techniker die Uralt-Maschine nicht einfach in den nächsten Müllcontainer werfen, wurde vor dem Versand nach Solingen die Seriennummer notiert und die wertvolle Maschine mit ein paar kleinen Kratzern auf dem Boden unauffällig markiert. Nach ein paar Tagen kam das Original technisch einwandfrei zurück.

In der Zwischenzeit schickten die Informatiker aus Cambridge große Pakete mit allem, was zum Aufbau des virtuellen Museums nötig war. Das alte, graue 19-Zoll-Rack. Ein wunderschönes Blechtablett mit Rosendekor und millimeterdicken braunschwarzen Kaffeeflecken, die original Kaffeemühle, eine Schreibtischlampe mit der die TRCM Tag und Nacht beleuchtet wurde und sogar die berühmte Phillips CCD Camera - die erste Webcam der Welt.

Nachdem sich die ProAroma nun monatelang als Redaktionskaffeemaschine bewährt hat, eröffnet SPIEGEL ONLINE jetzt die virtuelle Ausstellung rund um den berühmtesten Kaffeekocher der Welt. Im "Trojan Room Coffee Museum" können Freunde der TRCM weiterhin via Webcam den Kaffeestand in der Maschine beobachten und sich über den Blick auf das trübe Hamburger Wetter im Hintergrund freuen.

Gleichzeitig können jetzt aber alle Besucher das Maschinchen drehen und wenden, wie sie wollen. Darüber hinaus finden die Surfer im TRCM-Museum sondern spannende und skurrile Geschichten um Webcams, Voyeurismus und im Netz entdeckte Peinlichkeiten.

Zudem kann im Museum jeder Besucher digital Hand anlegen. SPIEGEL ONLINE sucht die verrücktesten Basteleien um Maschine und Kanne, digitale Fotomontagen von berühmten Küchen der Weltgeschichte oder Kurzfilmchen mit noch berühmteren Menschen beim Kaffeekochen. Auch Gedichte werden gerne genommen.

Anregungen zu kreativen Basteleien gibt die große Übersicht mit einigen der lustigsten Webcams der Welt. Das TRCM-Museum zeigt unruhige Hamster und plappernde Friseure, volle Kühlschränke und leere Wohnzimmer. Vielleicht bald sogar Sie selbst?

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.