"Tronland.net" Ermordet wegen eines Telefons?

Die Berliner Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen im "Todesfall Tron" eingestellt. Doch an einen Selbstmord des Hackers glauben seine Freunde nach eigenen Recherchen weniger denn je. Die Akte ist geschlossen, Trons CCC-Freunde öffnen sie wieder - im Web.

Von Thomas Barth


Boris F., genannt "Tron", starb wahrscheinlich am 17. Oktober 1998: Hoffnungsvolles Talent ohne Gründe für einen Selbstmord?

Boris F., genannt "Tron", starb wahrscheinlich am 17. Oktober 1998: Hoffnungsvolles Talent ohne Gründe für einen Selbstmord?

Am 22. Oktober 1998 fand man den Hacker und Informatiker Boris F., genannt "Tron", tot in einem Park in Berlin-Neukölln erhängt. Scheinbar ein Selbstmord, doch vieles spricht dagegen: Nicht nur zahlreiche ungeklärte Spuren an Tatort und Leichnam, sondern auch die Persönlichkeit Trons. Sagen die, die ihn kannten.

Dazu gehören zahlreiche Köpfe der "hackenden Community". Ihnen, namentlich Vertretern aus Kreisen des CCC, waren die Umstände von Trons Tod immer suspekt.

Im Web entstand in den letzten Jahren eine Erinnerungsseite für Tron, die in den nächsten Monaten zur Datenbank für private Ermittlungen werden könnte: Die Behörden haben die Ermittlungsakten geschlossen, Trons Freunde öffnen sie wieder. Sie zeichnen das Bild eines Todesfalles mit zahlreichen offenen Fragen - und kommen zu einem krass anderen Schluss als die Behörden oder der Buchautor Burkhard Schröder ("Tod eines Hackers"): Tron, glauben die Tronland-Betreiber fest, wurde ermordet.

Der Fall Tron

Tron war das, was man, abgesehen von seiner Leidenschaft für das Computer-Hacken, einen braven jungen Mann hätte nennen können. Seine Diplomarbeit zum Thema "Realisierung einer Verschlüsselungstechnik für Daten im ISDN B-Kanal" bestand er mit sehr guter Note. Er sah einer glänzenden beruflichen Zukunft als Diplom-Informatiker entgegen. Headhunter von Software- und Medienunternehmen gaben sich bei Tron die Klinke in die Hand - mit wenig Erfolg, denn Tron war nicht am großen Geld interessiert.

Gerade im Ergebnis seiner bahnbrechenden Diplomarbeit sehen die Autoren von Tronland.net aber auch den wahrscheinlichsten Grund für die Ermordung des "jungen Genies": Seine Erfindung hätte, so glauben sie, eine sichere Verschlüsselung für jedermann erschwinglich gemacht. Eine Datensicherheit hätte erreicht werden können, wie sie heute PGP nur mathematisch-theoretisch, nicht aber technisch garantiert: Zu viele Hintertüren und Trojanische Pferde könnten von Geheimdiensten in Anwendersoftware, Betriebssysteme und selbst in die Chiparchitektur der Hardware eingeschmuggelt worden sein.

Mit Trons "Cryptofon" wären diese Löcher angeblich gestopft worden, denn es handelt sich dabei um ein Verschlüsselungsgerät für Daten, aber auch für Sprache in Echtzeit. Tron verwendete die gleichen bewährten Verschlüsselungs-Algorithmen wie PGP, nämlich RSA und IDEA. Das besondere am Cryptofon sind die extreme Einfachheit und Überschaubarkeit von Hard- und Software. Auch die Verwendung offener Algorithmen und die Offenlegung aller Konstruktionsdetails hätten das Cryptofon zu einem bis heute unerreicht sicheren Verschlüsselungsgerät gemacht, das, so Tronland.net, für einen Stückpreis von rund 100 Euro hätte realisiert werden könnte. Für die Tronland-Betreiber steht fest: Hier ist das Mordmotiv zu suchen. Andere halten das für "abstruse Verschwörungstheorien".

Neben dem Wunsch, das Lebenswerk Trons zu würdigen und fortzusetzen, spricht auch eine Menge Betroffenheit und sogar Verbitterung aus den Texten der Freunde Trons. Insbesondere das über seinen Fall erschienene Buch "Tron: Tod eines Hackers" wird wenig freundlich kommentiert: "Schmerzhaft ist für seine Freunde auch, dass er zurzeit als naiver, labiler, ruhmsüchtiger Selbstmörder hingestellt wird (...) Ohne Burkhard Schröders Buch hätte es diese Website vielleicht nicht gegeben. Wir empfanden seine Interpretation von Boris Tod als einen erneuten Versuch, ihn zu ermorden."

www.Tronland.net zieht Bilanz, zeigt Perspektiven auf und sieht letztlich seine Aufgabe in der Verantwortung für die gesamte Hacker-Community: "Gelingt es, die Ermordung von Tron dauerhaft als nebulösen Selbstmord hinzustellen, so werden alle, die ihm irgendwie nacheifern, dadurch gefährdet. (...) Nur ein breites Wissen über den Mord kann Nachfolger von Tron schützen."



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