Handy-Abos Hubert Burdas Pennymaschine

Nur "lousy, lousy pennies" ließen sich im Digitalgeschäft verdienen, erklärte Hubert Burda einst. Dabei hat eine Tochter seines Medienkonzerns ein lukratives Geschäftsmodell für das mobile Web entwickelt: Sie verkauft Handynutzern Abos. Viele fühlen sich abgezockt.

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Tuneclub-Website: Abofalle oder Bedienfehler?

Tuneclub-Website: Abofalle oder Bedienfehler?


Tillmann Allmer kennt sich aus mit diesem Internet. Der PR-Berater und Blogger ist auf Technologiethemen spezialisiert, weiß um die Risiken, von Phishing bis Datenklau. Und so war Allmer misstrauisch, als er vor einigen Wochen einen sogenannten "Mehrwertdienst" auf seiner Mobilfunkrechnung vorfand: 4,99 Euro hatte man ihm abgebucht, und zwar jede Woche.

Er erinnerte sich, eine SMS des Anbieters Tuneclub erhalten zu haben. "Ich gehe nie auf solche Klingeltonportale", erklärt Allmer. Deshalb hielt er die Nachricht für Spam und löschte sie. Kurz darauf wurde ihm das Abo in Rechnung gestellt.

Wer nach Tuneclub googelt, findet zahllose Foreneinträge, meist überschrieben mit "Abzocke" oder "Betrug". Das allein wäre nicht weiter verwunderlich; es gibt etliche Anbieter, die Handybesitzern Abos verkaufen und manchmal eher unterjubeln. Aber Tuneclub ist nicht irgendwer, sondern eine Marke von Burda Wireless, einer hundertprozentigen Tochter der Hubert Burda Medien Holding, einem der größten deutschen Verlags- und Medienkonzerne.

Bei Widerspruch Formschreiben und Drohungen

Bis 2005 gehen im Web die Foreneinträge zu Burda Wireless zurück. Die Firma, beklagen Verbraucher immer wieder, buche wiederkehrende Beträge von ihrer Handyrechnung ab. Die Betroffenen können sich nicht daran erinnern, je etwas bestellt zu haben.

Bei Widersprüchen verschickt Burda Wireless zunächst eine Reihe von Formschreiben. Blogger Allmer hat seinen Schriftwechsel mit der Hubert-Burda-Tochter dokumentiert. Seinem Widerspruch gegen das Abo hielt die Firma entgegen:

"Sie haben im WAP einen Abo-Service von Tuneclub aktiviert. Im WAP-Bereich werden vor dem Bestätigen des Abos alle Informationen übersichtlich und klar formuliert dargestellt."

Nach erneutem Protest Allmers schrieb Burda Wireless:

"Nachdem Ihre Mobilfunknummer auf Tuneclub eingegeben wurde, haben wir Ihnen zur Registrierung für die Mitgliedschaft eine SMS mit einem Passwort versendet."

Allmer hat seine Nummer aber nach eigenen Angaben nirgendwo eingegeben. Vor Aktivierung der Abos verschickt Tuneclub laut einem Firmensprecher standardmäßig eine SMS mit einer PIN, die Online in Kombination mit der Mobiltelefonnummer eingeben werden muss. Allmer hat diese ignoriert, das Abo kam trotzdem zustande.

Konziliant sind die Mails von Burda Wireless nicht. Einem unfreiwilligen Abonnenten etwa schrieb das Unternehmen, man werde ihm die Korrektheit des Abos schon noch nachweisen. "Wir möchten Sie aber auch darauf hinweisen, dass im Falle einer falschen Behauptung von Ihrer Seite dies auch für Sie rechtliche Konsequenzen hat."

Ein Firmensprecher erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE, man storniere etwa Verträge mit Jugendlichen auf Wunsch umgehend und entspreche Kündigungswünschen sofort. Verlange ein Kunde jedoch die Rückzahlung bereits erfolgter Beträge, prüfe man zunächst die Kundendaten und dokumentiere dem Handybenutzer den Zeitpunkt der Aktivierung. "Das ist schließlich eine normale Vertragsbeziehung".

Wo hat die Burda-Tochter die Handynummern her?

Es gibt weitere Fälle wie den von Tanja M.*, jenseits der 40 und ohne klingeltonsüchtige Teeniekinder. M. habe, erklärt ihre Rechtsanwältin Frauke Andresen, nicht nur nichts bestellt - sondern auch nie eine Bestätigungs-SMS erhalten.

Der Anwältin ist es auch nach eingehender Recherche schleierhaft, wie Burda Wireless den Eindruck gewinnen konnte, M. habe ein Abo geschaltet - und wie die Firma an die Handynummer ihrer Mandantin gelangt sei: "Es ist völlig offen, wie die an die Daten gekommen sind."

Dieses Rätsel zumindest lässt sich lösen. Man muss seine Handynummer nirgendwo eingeben, um sich für ein Tuneclub-Abo zu registrieren. Es reicht, in mobilen Anwendungen auf Flächen oder Links (in der Regel Werbebanner) zu klicken. Über das sogenannte WAP-Billing-Verfahren ist es dabei möglich, die Telefon-SIM des Nutzers auszulesen.

Im Falle Allmers, so ein Sprecher, sei das Abo über eine Mobilseite abgeschlossen worden, die dieser mit dem Handy besucht habe. "Ein einzelner versehentlicher Klick reicht dazu nicht aus. Das Verfahren bis zum Abschluss ist mehrstufig und die Kosten sind transparent angegeben." Nach dem Okay-Klick wird dann ein Code übertragen, der die Mobilfunk-Nummer des verwendeten Geräts in einem weltweit einmaligen Format enthält. Im Allmers Fall bekam Burda Wireless die Nummer von dessen Provider T-Mobile übermittelt.

Das WAP-Billing-Verfahren gilt als umstritten. Denn bei manchen Werbebannern findet die Rufnummernübermittlung bereits nach dem ersten Klick statt. Anbieter können dem Nutzer dann ohne dessen Wissen beliebig Posten in Rechnung stellen. Die "c't" bezeichnet WAP-Billing deshalb als "eine der perfidesten Abzockmaschen seit Erfindung der Dialer".

Burda Wireless erklärt, man gestalte die Anzeigen stets so, dass eine Aktivierung über Zufallsklicks ausgeschlossen sei. "Ein Abonnement wird nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Mobiltelefonbesitzers aktiviert."

Tatsächlich ist es natürlich denkbar, dass die ungewollten Tuneclubs-Abos über die es im Web Beschwerden gibt, vornehmlich durch Nutzerfehler zustande kommen. Blogger Allmer glaubt das nicht. Er bezeichnet sie als "Arschlochgeschäfte" und zeigt sich erstaunt, dass sich ein so namhaftes Unternehmen wie Burda derartiger Methoden bediene.

Auch Schriftsteller und Blogger Peter Glaser hält die Abogeschäfte für kritikwürdig. "Hubert Burda hat sich einmal beschwert, mit digitalem Content könne man nur 'lousy lousy pennies' verdienen", so das Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs. Jenen Nutzern, die verzweifelt versuchten, ihre Pennies von Burda Wireless zurückzubekommen, müsse das wie blanker Hohn erscheinen.

*Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
derweise 18.04.2012
1. Ich wurde auch abgezockt
Zitat von sysopNur "lousy, lousy Pennies" ließen sich im Digitalgeschäft verdienen, erklärte Hubert Burda einst. Dabei hat eine Tochter seines Medienkonzerns ein lukratives Geschäftsmodell für das mobile Web entwickelt: Sie verkauft Handynutzern Abos. Viele fühlen sich abgezockt. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,827292,00.html
Ich wurde auch abgezockt. Erwäge gegen ihn rechtliche Schritte. Der soll sich schämen.
peterregen 18.04.2012
2. ...
Zitat von sysopNur "lousy, lousy Pennies" ließen sich im Digitalgeschäft verdienen, erklärte Hubert Burda einst. Dabei hat eine Tochter seines Medienkonzerns ein lukratives Geschäftsmodell für das mobile Web entwickelt: Sie verkauft Handynutzern Abos. Viele fühlen sich abgezockt. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,827292,00.html
Das ist schon in Ordnung so. Wenn wir so etwas nicht wollten, würden wir ja Politik wählen, die ein solches Treiben unterbinden und unter (empfindliche) Strafe stellen. Haben wir aber nicht, also kein Grund zur Aufregung.
gsm1800 18.04.2012
3. Kleinvieh macht eben auch Mist
Zitat von sysopNur "lousy, lousy Pennies" ließen sich im Digitalgeschäft verdienen, erklärte Hubert Burda einst. Dabei hat eine Tochter seines Medienkonzerns ein lukratives Geschäftsmodell für das mobile Web entwickelt: Sie verkauft Handynutzern Abos. Viele fühlen sich abgezockt. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,827292,00.html
und wer dann Euros statt Cents kassiert kann gut davon leben.
MrStoneStupid 18.04.2012
4. So eine Abzocke, ...
... wo Kunden nach einem Klick auf Werbung Abos (bzw. unerwünschte Produkte) untergeschoben werden, soll verboten werden. Einfach so, gute Rechtsexperten sollen sich eine hübsche Formulierung überlegen. Im nächsten Schritt sollen Werbelügen und eine (relevant) geschönte/unrealistische Produktdarstellung verboten werden. Ganz einfach und die Frage ist nicht ob das getan werden sollte, sondern nur noch wie und warum das nicht schon längst geschehen ist. (imho)
Dumb Bunny 18.04.2012
5. Rechtliche Schritte
Zitat von derweiseIch wurde auch abgezockt. Erwäge gegen ihn rechtliche Schritte. Der soll sich schämen.
Burda Wireless hat bei mir auch 15 Euro unberechtigt auf die Telefonrechnung geknallt. "Rechtliche Schritte" wegen einer solchen Summe sind kaum effizient. Habe meine Handynummer nun gegen jedwede Inanspruchnahme und Abbuchung solcher "Serviceleistungen" sperren lassen, das hilft bisher. Das ist die neue "Kostenloskultur" im Netz: Abogebühren für keine Leistung. Und ein optimales Produkt: Keine Produktionskosten, nur Gewinn. Und die Blockparteienlegislative wird sich hüten, effiziente Gesetze gegen diese Amigos zu erlassen.
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