Ich bin überhaupt keine Gamerin. Nicht mehr, seit ich mit zwölf den Cheat-Code "DIEDIEDIE" entdeckte und meine sämtlichen Feinde in "Age of Empires" kurzerhand tot umfallen ließ, um mich von der Sucht zu befreien. Während sich in den Jahren darauf immer mehr Menschen um mich herum virtuelle Bauernhöfe oder wütende Vögel zulegten, blieb ich eisern. Doch dann kam Turntable.fm, wo ich zurzeit nur dann ausgeloggt bin, wenn mir abends die Augen zufallen.
Mit dem Versprechen eines Musik-Services in der Cloud wurde ich geködert. Um sich anzumelden, muss ein Facebook-Freund bereits registriert sein. Drinnen warten virtuelle Clubräume, in denen die Nutzer sich ans DJ-Pult stellen und ihre Lieblingssongs für andere spielen. Platz ist für fünf Mixer, die nacheinander auflegen. Ich kann Räume wie die "electrodisco berlin" besuchen oder gar meinen eigenen Dancefloor nur mit David-Hasselhoff-Songs eröffnen. Dabei geht es um weit mehr als musikalische Berieselung (was ich allerdings erst merkte, als es schon zu spät war). Und zwar nicht nur, weil die eigene Playlist - die sich weitestgehend aus einer Datenbank speist, aber auch mit eigenen Songs gefüllt werden kann - gepflegt werden will.
Turntable.fm erfüllt einen Bedarf: Wir pflegen zunehmend Bekanntschaften oder Freundschaften in der Ferne. Wirkliche soziale Erfahrungen in Echtzeit jedoch, also ein digitales Äquivalent zum gemeinsamen Konzertbesuch, kann es über die Distanz kaum geben. Der US-Dienst macht ein solches Musikerlebnis im Netz möglich - und zwar besser als einer der wenigen, wenn nicht der einzige Vorgänger, Listening Room.
Mama ist auch schon da
Dazu gehört maßgeblich, dass Turntable.fm das Empfehlungsprinzip auf eine neue Ebene hebt. Aufgelegte Songs werden von den Zuhörern mit einem Klick auf "Awesome" goutiert oder als "Lame" abgestraft. Die Konsequenz macht den Unterschied zu Empfehlungsmechanismen wie der Simfy-Playlist aus: In welcher Real-Life-Disco hat das Publikum schon die Macht, mit genügend Buh-Rufen einen Song zu beenden? Umgekehrt werde ich belohnt, wenn ich die Avatare der anderen mit meiner Auswahl zum Wackeln bringe. Als Bonus ist Turntable.fm mit iTunes oder Last.fm verbunden, so dass ich aktuelle Songs gleich bookmarken oder kaufen lassen.
Parallel tauschen wir im integrierten Chat Geschichten aus, und wer sich seinen Twitter-Namen gibt, macht eine Kommunikation auch über den Plattentellerrand hinaus möglich. Turntable.fm beweist damit: Musik verbindet. Und zwar - sobald das Private-Alpha-Stadium mal vorbei ist - potentiell nicht nur die üblichen Verdächtigen. Bestes Indiz: Meine Mama legt auch schon auf.
Diese Zeilen zu schreiben hat übrigens eine gefühlte Ewigkeit gedauert. Ständig fällt der Blick aufs DJ-Pult. Wer ist neu? Was passiert im Chat? Wie viele Punkte habe ich inzwischen? Wobei letzteres nur Statusgehabe und im Grunde relativ egal ist, denn die Belohnung - ein größerer Avatar - steht in keinem Verhältnis zu der neuen Form von Musikerlebnis, die der Turntable.fm-Mix bietet.
Wenn jetzt noch eine virtuelle Bar eröffnen würde, ich ginge wohl gar nicht mehr aus dem Haus.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
| alles zum Thema Digitale Musik | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH