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TV-Bericht: USA sollen hinter Torrent-Razzia stecken

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Die Razzia bei der Internet-Tauschbörse The Pirate Bay könnte auch politische Folgen haben: Das schwedische Fernsehen berichtet, die Aktion sei auf Druck der USA durchgeführt worden - was die Regierung in Stockholm in Bedrängnis bringen könnte.

Stockholm/Hamburg - Gestern noch waren Vertreter der Musik- und Filmindustrie voll des Lobes für die schwedischen Strafverfolger. Nachdem 50 Beamte die Räume der Betreiber der Bittorrent-Seite "The Pirate Bay" durchsucht, drei Mitglieder vorübergehend verhaftet und Server beschlagnahmt hatten, verkündete die Lobbyorganisation IFPI (International Federation of Phonogram and Videogram Producers): "Die Pirate-Bay-Seite hat die Musikindustrie in einem internationalen Ausmaß geschädigt. Es ist sehr begrüßenswert, dass die schwedischen Autoritäten hier durchgegriffen haben."

Nun ist die Industrie in Schweden, das traditionell Filesharing toleriert hat, unter Beschuss. Das schwedische Fernsehen kritisiert die eigene Regierung - die habe sich von hohen US-Beamten unter Druck setzen lassen, die Aktion durchzuführen - obwohl die Rechtslage fragwürdig sei. Für den morgigen Samstag ruft die sogenannte Piratenpartei, die sich für eine Reform der Urheberrechts einsetzt, zu einer Demonstration auf.

Die Jungen Liberalen Schwedens haben laut Piratenpartei ihre Teilnahme bereits zugesagt, alle anderen Parteien und deren Jugendverbände seien ebenfalls eingeladen worden. Der "Rechtsstaat und die schwedische Demokratie" seien in Gefahr, so ein Sprecher der Piratenpartei. Man werde zum Justizministerium ziehen und dort eine Protestnote überreichen.

Das staatliche schwedische Fernsehen SVT berichtet, hinter dem Schlag gegen The Pirate Bay stehe die US-Regierung. Im April habe das US-State Department Kontakt zum schwedischen Außenministerium aufgenommen und "verlangt, dass das Problem Pirate Bay gelöst wird". Die Polizei und die zuständige Staatsanwaltschaft hätten jedoch eingewandt, dass die Rechtslage unklar sei - The Pirate Bay vertreibt nicht selbst urheberrechtsgeschützte Inhalte, sondern stellt nur die Dateien zur Verfügung, mit deren Hilfe Bittorrent-Nutzer bestimmte Files austauschen.

Anweisung vom Minister an den Staatsanwalt?

Schwedens Urheberrecht ist relativ liberal, weshalb es in der Vergangenheit schon Verstimmungen zwischen dem Land und den USA gegeben hat. Der Staatssekretär des Justizministers habe dennoch den Generalstaatsanwalt und den obersten Polizeichef kontaktiert und die Anweisung zum Losschlagen gegen The Pirate Bay gegeben. Sollte sich diese Ereigniskette belegen lassen, könnte das die schwedische Regierung durchaus in Bedrängnis bringen.

Die schwedische Boulevardzeitung "Espressen" berichtet zudem, der rechtspolitische Sprecher der Zentrumspartei des Landes Johan Linander habe gestern den Verfassungsausschuss des schwedischen Parlaments aufgefordert, Justizminister Bodström und die übrige Regierung in dieser Angelegenheit zu befragen. In Schweden jedenfalls ist man sauer. Ein eigens eingerichtetes Blog dokumentiert die aktuelle Debatte und die Nachrichtenlage für das internationale Publikum auf Englisch.

Im Netz brodelt unterdessen die Gerüchteküche. Einige Seiten der Musikindustrie wurden gehackt, die Seite www.sonymusicstudios.co.uk etwa zierte bis vor kurzem eine türkische Flagge und der Schriftzug "Hacked by Lucky Luke". Im Quelltext der vorgeschalteten Seite war ein Link zu einem MP3-Musikfile versteckt - es stammt aus dem Soundtrack des Films "Pirates of the Carribean" und beginnt mit den Worten der Hauptfigur: "Sie vergessen eine sehr wichtige Sache - ich bin Captain Jack Sparrow".

Forumsteilnehmer auf Hacker- und Technologieseiten gratulierten dem Angreifer zu seinem subtilen Verweis auf The Pirate Bay - wobei unklar ist, ob der Hack tatsächlich mit der Polizeiaktion zu tun hat. Zeitweise war auch die taiwanesische Seite von Warner Music (warnermusic.com.tw) nicht zu erreichen, ebenso die Index-Seite der italienischen sonymusic.it. Auch die Seiten der IFPI waren heute morgen eine zeitlang offline - bei der Lobbyorganisation bestreitet man jedoch, dass dies einem Hackerangriff geschuldet war. Die IFPI gibt Serverprobleme beim eigenen Serviceprovider als Grund für den Ausfall an.

Die Betreiber von The Pirate Bay geben sich unterdessen unbeeindruckt und siegesgewiss. Auf der Seite prangt das Piratenschiff-Logo und der Satz, man werde "in einem oder zwei Tagen wieder voll funktionsfähig sein". Weiter unten ist zu lesen "The Pirate Bay kann vom schwedischen Staat Schadenersatz fordern, wenn sich im kommenden Prozess herausstellt, dass The Pirate Bay tatsächlich legal ist".

Mitarbeit: Stefan Schmitt

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