TV-Quoten, IPTV und Qualität Der dickste Haufen

Das Fernsehen lebt davon, einen kalkulierten Mix aus Gourmetstücken, Eintopf und billigem Fast-Food zu servieren - nur so rechnet sich ein Vollprogramm. Internet-TV könnte das ändern, wie erste Quotenzählungen in den USA zeigen: Web-Nutzer wollen nur Feinkost - und lassen den Rest stehen.

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Was machen ARD und ZDF, BBC und CBS, RTE und RAI, wenn sich das weltweit gerade aufgebaute Video-on-demand- und IP-TV wirklich einmal durchsetzt, mit ihren Quoten? Die Sache liegt doch auf der Hand: Jeder Zuschauer, der sich für Stream oder Download entscheidet, statt sich ins laufende Programm zu zappen, geht der herkömmlichen Zählung verloren.

Das aber ist tödlich in einem Geschäft, das darauf beruht, Augen an die Werbewirtschaft zu verkaufen, wie Werber in Amerika sagen: Die Währung des Fernsehens ist Aufmerksamkeit, ist Reichweite. Die Sender beweisen ihre Potenz, indem sie der Werbewirtschaft pünktlich am Folgetag die aktuellen Quoten servieren.

In der Welt des Video on demand und IPTV klappt das nicht mehr. An Stelle der Ereignisnahen Quote tritt eine kumulierte Reichweite für einzelne Programmangebote: Tatsächlich entscheiden sich die meisten Sender, die kostenfreie Angebote im Web machen, ihr Programm dort für jeweils sieben Tage nach der Erstausstrahlung vorzuhalten. Nielsen Media Research, das in den Vereinigten Staaten führende Unternehmen für TV-Quotenerfassung, hat darauf reagiert und bietet nun neben der herkömmlichen Quote auch eine "Live+7"-Zählung an. Die erfasst die Zahlen der Erstausstrahlung plus Aufzeichnungen auf Festplattenrekordern plus die Summe der Web-Abrufe binnen einer Woche.

Es soll bei Einführung des Systems TV-Sender und Produzenten gegeben haben, die darauf hofften, dass die Zahlen aus dem Web auch Inhalten zugute kämen, die es im TV nicht zu einer fetten Quote gebracht haben. Für sie sind die Nielsen-Zahlen eine Ernüchterung. Das Fazit des ersten Zählungsmonats lässt sich in einem knackigen Satz zusammenfassen: Erfolg hat im Web nur, was sowieso Erfolg hat.

Rund ein Drittel der angebotenen und erfassten TV-Programme verzeichnete ein Quotenplus von durchschnittlich 15 Prozent, der Rest war nicht messbar. Überproportional profitierten gerade einmal 15 Serien, die digital mehr als eine Million zusätzliche Zuschauer sammelten. NBC-Chef Alan Wurtzel kommentierte die Statistiken mit dem Satz, das neue Zählsystem schaffe ein noch weit "darwinistischeres Umfeld" als schon bisher. Zu deutsch: Überleben werden das nur die fittesten.

Deutsch heißt nicht gut

Das ist nicht wirklich überraschend. Der Teufel, weiß der Volksmund, scheißt immer auf den größten Haufen. Für die TV-Szene sind die Zahlen trotzdem hoch bedrohlich.

Denn sie zeigen auch dies: Wenn sich Web-TV-Zuschauer ihr Programm per Download zusammensuchen, statt sich von Programmmachern berieseln zu lassen, entscheiden sie sich ausschließlich für Qualität. Die TV-Feinkost wird goutiert, das Fastfood - und somit Gros des täglichen TV--Angebotes - schimmelt im Netz, ohne beachtet zu werden. Die großen Profiteure des ersten VoD-Zählmonats im US-Fernsehen hießen "Grey's Anatomy", "CSI", "Heroes" und "House". Wie auch sonst?

Das hat weitreichende Konsequenzen. Auch in Deutschland punkten die Privaten mit diesen Serien und erreichen Quoten, von denen ARD und ZDF nur bitter-nostalgisch träumen können. Auf bis zu 35 Prozent Marktanteil bringt es allein RTL an manchen Dienstagen, wenn hintereinander weg "CSI: Miami", "Dr. House" und "Monk" den Fernsehabend füllen.

Wenn die intelligenten US-Qualitätsserien laufen, landet die Konkurrenz in der Nische - und ARD und ZDF zunehmend bei der Rentner-Bespaßung. Das Problem dabei: Es kehrt die alten Verhältnisse um. Das von Harald Schmidt mit dem unsäglichen Begriff "Unterschichtenfernsehen" abgekanzelte Plätscher-Programm findet nicht mehr automatisch im Privatfernsehen statt, im Gegenteil. Gerade die "alten" Programme aus Shows und teils traditionsreichen deutschen Serien geraten zunehmend und zurecht in den Ruch, intellektuell nur rudimentäre Ansprüche zu stellen.

Schlimm aber wird es vor allem, wenn unsere Sender versuchen, etwas gegen den Qualitäts-Trend aus US zu setzen. "Schließlich sind die meisten deutschen TV-Formate nur billige Raubkopien nordamerikanischer Vorbilder", schrieb Martin Schwickert treffend in der "Welt". In der deutschen Politik ist das noch nicht so recht angekommen: Von dort ertönt zurzeit wieder einmal - das Phänomen tritt seit Jahrzehnten periodisch auf - die Forderung nach einer "Deutsch-Quote gegen US-Serien" ("Bild"). Das Boulevardblatt zitiert Politiker von SPD und CDU, die hinter der Forderung stehen. "Bild" sekundiert, hier gehe es schließlich "um unsere Arbeitsplätze".

Diese Gefahr besteht wirklich, aber müssen wir deshalb schlechteres TV erleiden?



Forum - Wie sieht das Fernsehen der Zukunft aus?
insgesamt 150 Beiträge
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Seite 1
Reziprozität 08.01.2007
1.
---Zitat von sysop--- Das Fernsehen in den nächsten Jahrzehnten: Noch mehr Trash, Billig-Entertainment und Spiele? Oder zurück zu den Wurzeln, mit News, Dokumentationen und Information? Wie wird sich das Fernsehen entwickeln? ---Zitatende--- Flach, ziemlich flach... Sowohl hardware- als auch programmtechnisch....
Kritischer Leser, 08.01.2007
2. Flachsinn
---Zitat von Reziprozität--- Flach, ziemlich flach... Sowohl hardware- als auch programmtechnisch.... ---Zitatende--- Ich fürchte, das könnte stimmen. Aber es gibt ja immerhin DVD, Videokassetten und entsprechende Abspielgeräte und mancherorts auch noch Kinos. Nachrichten bekommt man auch im Radio oder aus der Zeitung. Oder man zahlt halt monatlich für einen gebührenpflichtigen Privatsender. Nicht ganz billig. Aber dafür bleiben einem dann auch Werbeblöcke oder gar Sendungsunterbrechungen weitgehend erspart. Zumindest in Frankreich. Nur: wacht man mal nächtens auf und findet den Schlaf so schnell nicht wieder, pfeift man eigentlich auch auf irgendein neuseeländisches Golfturnier. Ein Film wäre da irgendwie schon interessanter. Allerdings: mit Golf, zumal passiv, schläft man garantiert schnell ein. Vielleicht sollte ich mir mal einen Zweitfernseher fürs Schlafzimmer zulegen. Gesünder und effizienter als Schlaftabletten allemal. Und bequemer und erholsamer als der Schlaf auf dem Sofa.
SaT 08.01.2007
3. mehr Pluralismus
---Zitat von sysop--- Wie wird sich das Fernsehen entwickeln? ---Zitatende--- Es wird interaktiver werden und mit dem Internet eine Einheit bilden. Jeder kann dann mit relativ geringem Aufwand einen Fernsehkanal betreiben. Meine Hoffnung: das Monopol der jetzigen privaten und staatlichen Sender wird gebrochen. Zu einem Ereignis gibt es dann endlich mehrere Ansichten und auch aus heute vergessene Regionen wird berichtet. Natürlich besteht auch die Gefahr das Gerüchte in Umlauf kommen, das ist aber heute auch nicht anders. Es gibt dann aber wenigstens eine Interessantgruppe die Lügen als solche entlarven wollen und sich auch Gehör verschaffen können. Es gibt wohl einige die eine solche Entwicklung zu mehr Pluralismus mit allen Mitteln verhindern wollen.
WaR52 08.01.2007
4. Future TV
Flach, ziemlich flach... nein, fernsehen der Zukunft wird affengeil..... weil es das fersehen von heute nicht mehr gibt. die sendeanstalten werden in der bedeutungslosigkeit verschwunden sein. in jedem wohnzimmer steht ein terminal, von dem ich mir über internet, kabel, sat oder stromkreis einen anbieter aussuche, der das bietet was ich will. einschränkend sei zu sagen, das nonprofit organisationen auch dann nicht viel zu bieten haben werden, aber immerhin ein angebot stellen werden, damit die global player einen gegenpart haben. leider liegt der schwarze peter nicht nur bei den sendern. es muß sich niemand big brother ansehen, aber millionen sehen sich den schwachsinn an... was wollen wir also???
Besquare, 08.01.2007
5.
---Zitat von Reziprozität--- Flach, ziemlich flach... Sowohl hardware- als auch programmtechnisch.... ---Zitatende--- falsch! Bern das Brot ist Nachrichtensprecher und SpongeBob macht das Wetter, leider werden alle sagen, aber der mit der Klampfe macht die Börsen news, geht den Menschen eh nicht mehr drum was zu erfahren, sie wollen abgelenkt bleiben. tata
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