TV via Internet: YouTube wird zum Sportkanal

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Duckt euch, Fernsehsender: YouTube will der TV-Szene kräftig Konkurrenz machen. Ab sofort überträgt Googles Videotochter Livespiele, zunächst aus der indischen Cricketliga. Nur ein Anfang, aber sollte er Erfolg haben, brechen schwere Zeiten an fürs Free- und Pay-TV.

TV via Web: YouTube wird Sportkanal Fotos

Haben Sie ein wenig Zeit mitgebracht? Die werden Sie brauchen, wenn Sie sich auf die Live-Übertragung des Spiels Deccan Chargers gegen Kolkata Knight Riders einlassen wollen. Wahrscheinlich rund drei Stunden wird die Übertragung aus der indischen Cricket-Profiliga IPL dauern, denn die spielt im sogenannten Twenty20-Modus, der bei Puristen zwar verpönten, aber schnellsten, kürzesten und dynamischsten Form des reichlich seltsamen Sports, der überall da Kult ist, wo einst Briten siedelten.

Twenty20 ist TV-Cricket, es ist Sport plus Bollywood, ein Spektakel. Es ist der Versuch, eine Sportart, für die man sich bisher bis zu eine Woche Urlaub nehmen musste, um ein Länderspiel zu sehen, auch für den Bildschirm populär zu machen. In den nächsten Stunden werden wir anhand der Video-Aufruf-Zählung bei YouTube verfolgen können, wie viele Menschen das attraktiv finden. Oder auch nicht, denn YouTube bindet anders als sonst üblich die Live-Übertragung an die eigene Sonderseite - offensichtlich, um die Sponsoren im Bild zu halten.

Update 17 Uhr: Selbst der Videoriese YouTube hat offenbar Bandbreitenprobleme. Kurz nach Beginn des Spiels gab es erste Ausfälle, zur Halbzeit gelang der Aufruf des Videokanals oft erst nach mehreren Versuchen.

Doch was da seit Freitag, 15 Uhr, live verstreamt wird, ist weit mehr als eine kleine Feuertaufe für eine Disziplin, die so oder so zu den populärsten Ballsportarten der Welt zählt, auch wenn wir uns das nur schwer vorstellen können. Es ist ein mächtiger Entwicklungsschritt für Googles Videotochter YouTube, die damit zum globalen Sender wird. Und es ist ein Meilenstein im Medienwandel, in dessen Verlauf Onlinemedien die etablierten Altmedien Stück für Stück ersetzen.

Meilenstein im Medienwandel

Denn es ist etwas anderes, ob eine Web-Videoplattform einmal testweise ein Livekonzert überträgt oder zur Verbreitungsplattform der Berichterstattung über einen Ligenbetrieb wird. So etwas ist Gold wert: An Fragen wie "Wer überträgt die Bundesligaspiele?" scheiden sich auch in Deutschlands TV-Szene Spreu und Weizen, angesehene Top-Sender und Free-TV-Beiwerk. Die Lizenzen sind hart umkämpft und den Sendern viele Millionen wert. Kein Wunder: Wer die Lizenz hat, bekommt auch die Zuschauer - denn er kann damit sein Programm erheblich aufwerten. Pay-TV ist in Deutschland nur denkbar, wenn man den exklusiven Zugriff auf diese attraktiven Inhalte hat.

Deshalb bot einst der Pay-TV-Sender Premiere Summen für Fußball, die ihn hart an die Grenze zur Insolvenz brachten - es sollen rund 200 Millionen Euro pro Saison sein. Er machte die Liga zu etwas Exklusivem, zu einem Verkaufsargument: Wer Fußball wollte, musste Abonnent werden. Auch der Nachfolger Sky setzt auf Sport-Lizenzen. Was, wenn solche Lizenzen künftig an Online-Anbieter gehen?

Einen Vorgeschmack darauf, was das bedeutet, bekommt Sky bereits seit vergangenem Jahr. Denn als der Vorläufer 2008 auf die Bundesliga-TV-Lizenz bis 2013 bot, verpennte das Management das Thema Internet - die Lizenz ging für schlappe 25 Millionen Euro im Jahr an die Telekom. Seit 2009 macht die Ernst mit dem Sport IPTV, verkauft ihr "Liga total"-Paket als Teil des Entertain-Pay-TV-Programms via Internet unter den Preisen, die Sky dafür verlangt. Inzwischen soll sie 800.000 zahlende Kunden haben.

Damit aber nicht genug: Technisch ist IPTV, das Fernsehen via Internet, den Kinderschuhen längst entwachsen. Online bekommen TV-Fans geboten, worauf sie per Antenne, Kabel und Satellit meist noch warten müssen: alles in HDTV.

Das kann auch YouTube. Seit Jahren gilt es als ausgemachte Sache, dass IPTV-Anwender die Sender, die sich auf diese Vertriebsform nicht einlassen, irgendwann einmal beerben werden. Gut möglich, dass das gerade beginnt: Auf der Suche nach einem funktionierenden Refinanzierungskonzept für das wohl noch immer defizitäre Web-Videoangebot YouTube hat der Google-Konzern echte Profi-TV-Inhalte als Möglichkeit erkannt. Das indische Cricket-Angebot geht direkt ab Sendestart mit acht Sponsoren ins Rennen. Was kommt als nächstes? Eine Red-Bull-Uefa? Eine Coca-Cola-NBA?

Oder wird es eher der CSI-Kanal eines Jerry Bruckheimer sein, der Direktvertriebskanal eines der großen Hollywood-Studios - oder pragmatischer noch Hulu.com? Denn das steht ja auch vor der Tür: Die TV-Sammelseite plant den Schritt nach Europa, bis zum Sommer soll es angeblich losgehen in Großbritannien und Irland. Microsoft hob dort präventiv schon mal eine kleine Hulu-Konkurrenz aus der Taufe - in Kooperation mit der BBC. Zeitgleich begannen die britischen TV-Sender mit dem Aufbau von SeeSaw, einer Seite, die britische TV-Inhalte konzernübergreifend und gesammelt anbieten soll - auch das eine Reaktion auf Hulus Nahen.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Yokozuna
Gegengleich 12.03.2010
Sollte sich das ganze durchsetzen, so hoffe ich, daß auch Nischensportarten wieder einen Übertragungsplatz finden. So habe ich seit der Streichung der Übertragung im Eurosportprogramm die japanische Sumoliga der Makuuchi-Division komplett aus den Augen verloren.
2. Endlich wacht einer auf
Meistertrainer 12.03.2010
Endlich wacht mal einer auf. Sport über das Internet hat ein riesiges Potential, auch für die Werbung. Leider haben viele Pay-TV Anbieter noch nicht kapiert , dass Nutzer ein einfaches, praktisches und wenn möglich kostenloses aber werbefinanziertes Sportangebot über das Internet sehen wollen. Pay TV Sport in der klassischen Form a la Premiere/Sky ist veraltet. Die enormen Zugriffszahlen auf P2P Seiten, auf denen regelmäßig Champions League oder Bundesligaspiele gezeigt werden bestätigen den Trend. Die Leute von Sky müssen sich nicht wundern, wenn sie keine neuen Abonnenten gewinnen. Es ist einfach für viele Menschen viel zu teuer und unpraktisch sich 1. für 24 Monate an einen PayTV Anbieter zu binden 2. einen immensen Gerätepark anzuschaffen 3. für Inhalte wie Filme oder Serien zu bezahlen, die es mittlerweile kostenlos oder sehr günstig im Netz gibt. Ausserdem ändert sich das Fernsehverhalten. Für viele junge Menschen ist lineares Fernsehen nicht mehr zeitgemäß. Sie gucken lieber zeitversetzt und flexibel über Streamingplattformen wie Hulu, Myspass.de, Maxdome oder den Mediatheken der Fernsehsender. Und sie gucken viel fragmentierter, d.h via Fernsehen, Notebook oder sogar Smartphone. Die olympischen Spiele, bei denen man die ÖR Sender (ARD/ZDF) in HD sehen konnte, haben gezeigt, wie komfortabel Sport via IPTV ist. Google wird dieses Fernsehen wohl durch seine gigantischen Serverkapazitäten und sein Knowhow als Werbekonzern massiv ausbauen und beweist damit einen sehr guten Riecher für den Fernsehmarkt der Zukunft.
3. Hardware
amonn 12.03.2010
SPON hat noch eines vergessen zu erwähnen: Inzwischen gibt es etliche neue TV-Geräte auf dem Markt, die den Zugriff auf Plattformen wie YouTube oder sogar das gesamte Internet direkt integriert haben. Somit kann die Übertragung via LAN oder WLAN auf der großen Mattscheibe verfolgt werden, ohne dass es noch einer externen Set-Top-Box oder eines PC bedarf. Mit mehreren Leuten auf einem kleinen Laptop- oder PC-Monitor eine solche Übertragung verfolgen zu müssen ist nämlich nur das halbe Vergnügen.
4. Qualitätsprobleme?
jestermind 12.03.2010
Aus meiner Sicht kommt das Thema Quality of Service in diesem Artiekl zu kurz. IPTV wie es der Telekom anbietet baut ja auf einem VPN auf, in dem die Telekom jederzeit den Datenstrom so priorisieren kann, damit (zumindest theoretisch ;-)) vertraglich garantierte QoS-Levels eingehalten werden. Gerade bei Live-Übertragungen ist dieses Thema nicht zu unterschätzen. Youtube muß sich ja mit dem "normalen" Internet begnügen, sprich, kann eben keine QoS garantieren. Gerade bei Live HD-Übertragungen bleibt abzuwarten, ob das funktioniert. Der normale User wird es nicht zu schätzen wissen, wenn der Stream ständig hängen bleibt. Auf dem World Economic Forum wurde gerade diesbezüglich von den Telekom-Vertretern diskutiert, Preismodelle für Anbieter einzuführen, die den youtubes dieser Welt Bandbreite garantiert. Aber halt nur gegen Bezahlung....
5. Schon veraltet
Hercules Rockefeller 12.03.2010
Zitat von jestermindAus meiner Sicht kommt das Thema Quality of Service in diesem Artiekl zu kurz. IPTV wie es der Telekom anbietet baut ja auf einem VPN auf, in dem die Telekom jederzeit den Datenstrom so priorisieren kann, damit (zumindest theoretisch ;-)) vertraglich garantierte QoS-Levels eingehalten werden. Gerade bei Live-Übertragungen ist dieses Thema nicht zu unterschätzen. Youtube muß sich ja mit dem "normalen" Internet begnügen, sprich, kann eben keine QoS garantieren. Gerade bei Live HD-Übertragungen bleibt abzuwarten, ob das funktioniert. Der normale User wird es nicht zu schätzen wissen, wenn der Stream ständig hängen bleibt. Auf dem World Economic Forum wurde gerade diesbezüglich von den Telekom-Vertretern diskutiert, Preismodelle für Anbieter einzuführen, die den youtubes dieser Welt Bandbreite garantiert. Aber halt nur gegen Bezahlung....
Eine Geisterdiskussion, die man getrost als Abzocke titulieren kann. Der technische Fortschritt ist nicht aufzuhalten und schon in ein paar Jahren werden die Bandbreiten von alleine ausreichen, dann muss auch nichts priorisiert werden. Sieht man doch bei der Hardware, heute hat jede onboard Grafikkarte ein zigfaches an Speichermenge im Vergleich zu ganzen Computern vor wenigen Jahren. Und auch der Durchschnitts-DSL-Kunde bekommt heute ein zigfaches an Bandbreite. Allerdings, die Bandbreite wird längst nicht voll ausgenutzt. Das Medieninhalte höhere Bandbreiten brauchen, stimmt so auch nicht unbedingt. Wenn es HD und mehrere Kanäle gleichzeitig sein sollen, dann haben wir heute schon noch ein Problem. Wenn es normale PAL-Qualität sein soll, dann geht bereits mit einem 12000er DSL ein Mehrprogrammempfang. Und wenn erstmal VDSL und was immer danach kommt flächendeckend da ist, dann braucht man wirklich nix mehr priorisieren. Denn irgendwann ist nämlich auch mal Schluss mit dem Bedarf! Wir haben heute auch in jedem Haushalt Wasseranschlüsse, oft mehrere Waschbecken etc., die zu allen Zeiten genutzt werden, oft gleichzeitig (Mietshäuser). Trotzdem ist es nicht passiert, dass wenn in Haus 1-9 alle Duschen, in Haus 10 kein Wasser mehr aus dem Hahn kommt. Und die Leute duschen auch nicht mehr, als vor ein paar Jahren. Öfter aufs Klo gehen sie auch nicht. Und so ist das auch mit dem Internet. Im Moment haben wir noch nicht das, was an Bandbreite theoretisch gebraucht werden könnte. Aber es ist eben auch nicht unendlich viel Bandbreite, die gebraucht werden wird. Ab einem bestimmten Punkt wird der Bandbreitenhype enden und nicht mehr steigen.
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