Von Frank Patalong
Haben Sie ein wenig Zeit mitgebracht? Die werden Sie brauchen, wenn Sie sich auf die Live-Übertragung des Spiels Deccan Chargers gegen Kolkata Knight Riders einlassen wollen. Wahrscheinlich rund drei Stunden wird die Übertragung aus der indischen Cricket-Profiliga IPL dauern, denn die spielt im sogenannten Twenty20-Modus, der bei Puristen zwar verpönten, aber schnellsten, kürzesten und dynamischsten Form des reichlich seltsamen Sports, der überall da Kult ist, wo einst Briten siedelten.
Twenty20 ist TV-Cricket, es ist Sport plus Bollywood, ein Spektakel. Es ist der Versuch, eine Sportart, für die man sich bisher bis zu eine Woche Urlaub nehmen musste, um ein Länderspiel zu sehen, auch für den Bildschirm populär zu machen. In den nächsten Stunden werden wir anhand der Video-Aufruf-Zählung bei YouTube verfolgen können, wie viele Menschen das attraktiv finden. Oder auch nicht, denn YouTube bindet anders als sonst üblich die Live-Übertragung an die eigene Sonderseite - offensichtlich, um die Sponsoren im Bild zu halten.
Update 17 Uhr: Selbst der Videoriese YouTube hat offenbar Bandbreitenprobleme. Kurz nach Beginn des Spiels gab es erste Ausfälle, zur Halbzeit gelang der Aufruf des Videokanals oft erst nach mehreren Versuchen.
Doch was da seit Freitag, 15 Uhr, live verstreamt wird, ist weit mehr als eine kleine Feuertaufe für eine Disziplin, die so oder so zu den populärsten Ballsportarten der Welt zählt, auch wenn wir uns das nur schwer vorstellen können. Es ist ein mächtiger Entwicklungsschritt für Googles Videotochter YouTube, die damit zum globalen Sender wird. Und es ist ein Meilenstein im Medienwandel, in dessen Verlauf Onlinemedien die etablierten Altmedien Stück für Stück ersetzen.
Meilenstein im Medienwandel
Denn es ist etwas anderes, ob eine Web-Videoplattform einmal testweise ein Livekonzert überträgt oder zur Verbreitungsplattform der Berichterstattung über einen Ligenbetrieb wird. So etwas ist Gold wert: An Fragen wie "Wer überträgt die Bundesligaspiele?" scheiden sich auch in Deutschlands TV-Szene Spreu und Weizen, angesehene Top-Sender und Free-TV-Beiwerk. Die Lizenzen sind hart umkämpft und den Sendern viele Millionen wert. Kein Wunder: Wer die Lizenz hat, bekommt auch die Zuschauer - denn er kann damit sein Programm erheblich aufwerten. Pay-TV ist in Deutschland nur denkbar, wenn man den exklusiven Zugriff auf diese attraktiven Inhalte hat.
Deshalb bot einst der Pay-TV-Sender Premiere Summen für Fußball, die ihn hart an die Grenze zur Insolvenz brachten - es sollen rund 200 Millionen Euro pro Saison sein. Er machte die Liga zu etwas Exklusivem, zu einem Verkaufsargument: Wer Fußball wollte, musste Abonnent werden. Auch der Nachfolger Sky setzt auf Sport-Lizenzen. Was, wenn solche Lizenzen künftig an Online-Anbieter gehen?
Einen Vorgeschmack darauf, was das bedeutet, bekommt Sky bereits seit vergangenem Jahr. Denn als der Vorläufer 2008 auf die Bundesliga-TV-Lizenz bis 2013 bot, verpennte das Management das Thema Internet - die Lizenz ging für schlappe 25 Millionen Euro im Jahr an die Telekom. Seit 2009 macht die Ernst mit dem Sport IPTV, verkauft ihr "Liga total"-Paket als Teil des Entertain-Pay-TV-Programms via Internet unter den Preisen, die Sky dafür verlangt. Inzwischen soll sie 800.000 zahlende Kunden haben.
Damit aber nicht genug: Technisch ist IPTV, das Fernsehen via Internet, den Kinderschuhen längst entwachsen. Online bekommen TV-Fans geboten, worauf sie per Antenne, Kabel und Satellit meist noch warten müssen: alles in HDTV.
Das kann auch YouTube. Seit Jahren gilt es als ausgemachte Sache, dass IPTV-Anwender die Sender, die sich auf diese Vertriebsform nicht einlassen, irgendwann einmal beerben werden. Gut möglich, dass das gerade beginnt: Auf der Suche nach einem funktionierenden Refinanzierungskonzept für das wohl noch immer defizitäre Web-Videoangebot YouTube hat der Google-Konzern echte Profi-TV-Inhalte als Möglichkeit erkannt. Das indische Cricket-Angebot geht direkt ab Sendestart mit acht Sponsoren ins Rennen. Was kommt als nächstes? Eine Red-Bull-Uefa? Eine Coca-Cola-NBA?
Oder wird es eher der CSI-Kanal eines Jerry Bruckheimer sein, der Direktvertriebskanal eines der großen Hollywood-Studios - oder pragmatischer noch Hulu.com? Denn das steht ja auch vor der Tür: Die TV-Sammelseite plant den Schritt nach Europa, bis zum Sommer soll es angeblich losgehen in Großbritannien und Irland. Microsoft hob dort präventiv schon mal eine kleine Hulu-Konkurrenz aus der Taufe - in Kooperation mit der BBC. Zeitgleich begannen die britischen TV-Sender mit dem Aufbau von SeeSaw, einer Seite, die britische TV-Inhalte konzernübergreifend und gesammelt anbieten soll - auch das eine Reaktion auf Hulus Nahen.
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