Tweet-Analyse: Twitter-Nutzer sind abends am besten drauf

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Was verrät die Wortwahl bei Twitter über die Laune des Verfassers? Sehr viel, sagen US-Wissenschaftler. Sie haben Millionen Tweets ausgewertet und festgestellt, wann die Nutzer in Hochstimmung sind - und wann man sie besser nicht anspricht.

Twitter-Nutzerin: "Die Befindlichkeit von Menschen beobachten" Zur Großansicht
DPA

Twitter-Nutzerin: "Die Befindlichkeit von Menschen beobachten"

Berlin - An ihren Worten sollt ihr sie erkennen - so könnte das Motto der Twitter-Studie lauten, die zwei Forscher der Cornell University in Ithaca jetzt im Wissenschaftsmagazin "Science" publiziert haben. Das Vorgehen von Scott Golder und Michael Macy erscheint verrückt: Sie haben aus der Wortwahl in Twitter-Kurznachrichten abgeleitet, in welcher Laune sich der jeweilige Verfasser zum Zeitpunkt des Schreibens befunden hat.

Die Idee, das Internet als Seismografen für Stimmungen und sogar für drohende Grippewellen zu nutzen, ist nicht neu. Der Dienst Google Flu beispielsweise nutzt aus, dass verschnupfte Menschen zuerst im Netz nach Informationen über Grippe, Erkältung und antivirale Medikamente suchen. Google braucht entsprechende Suchanfragen nur statistisch auszuwerten - fertig ist das Grippometer, das verblüffend präzise Daten liefert.

Das Erkennen von Emotionen oder Stimmungen scheint zunächst ungleich schwerer. Doch die neue "Science"-Studie verdeutlicht, dass mit erstaunlich primitiven Mitteln noch so mancher Datenschatz im Internet gehoben werden kann. Und das ohne bedenkliche Eingriffe in die Privatsphäre.

509 Millionen Tweets aus 84 Ländern

Golder und Macy haben 509 Millionen frei zugängliche englischsprachige Tweets von 2,4 Millionen Nutzern aus 84 Ländern analysiert. Dabei nutzten sie die Software Linguistic Inquiry and Word Count (LIWC). Diese zählt, wie oft bestimmte Wörter, die für positive und negative Gefühle stehen, in einem Text vorkommen. Typische Begriffe sind zum Beispiel "good" und "fun" oder "frustrated" und "sad". Die Zahl der positiv verankerten Wörter dividiert durch die Gesamtwortzahl ergibt den Gute-Laune-Faktor eines Tweets, der Quotient mit den negativen Wörtern den Schlechte-Stimmungs-Wert.

Die Werte für gute und schlechte Laune werden getrennt berechnet, weil frühere Studien ergeben hatten, dass sie nicht zwingend in einem Zusammenhang stehen. Das zeigte sich auch in der aktuellen Twitter-Analyse: Im Laufe eines Tages änderte sich der Schlechte-Laune-Wert nur geringfügig, größere Ausschläge gab es hingegen bei den positiven Emotionen.

Nach 22 Uhr ist die Stimmung am besten

Glaubt man der Analyse, erleben Tweet-Verfasser vormittags zwischen sieben und zehn ein regelrechtes Stimmungshoch. Danach sinkt die Menge positiv besetzter Tweets deutlich, um nach 18 Uhr wieder anzusteigen. Zwischen 22 und 23 Uhr ist die Stimmung am besten.

Dieses Phänomen trat nicht nur bei Tweets aus den USA auf, sondern weltweit in allen Zeit- und Kulturzonen. Warum ausgerechnet zu der Zeit, in der die meisten im Büro sitzen, weniger positive Begriffe in den Tweets vorkommen - diese Frage können die beiden Autoren nicht beantworten. Sie verweisen aber auf die mitunter anstrengende Fahrt zur Arbeit und Stress im Job, was die Stimmung trüben könnten. Das Phänomen könne auch mit Biorhythmen zusammenhängen, die wiederum durch Hormone gesteuert würden.

Besonders interessant ist das Wochenendmuster in den Tweet-Laune-Diagrammen. Samstags und sonntags verschiebe sich die Kurve jeweils um etwa zwei Stunden, weil, so die Erklärung der Forscher, die Leute dann einfach länger schlafen. Das Wochenendmuster fand sich sogar bei Twitter-Nutzern aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, allerdings schon freitags und samstags, da in islamischen Ländern das Wochenende am Freitag beginnt.

Der Psychologe Markus Wolf von der Universität Heidelberg wertet die Studie als Bestätigung dafür, dass die verwendete Textanalysesoftware LIWC tatsächlich brauchbare Ergebnisse liefert. "Dass es dieselben Muster über Länder- und Kulturgrenzen hinweg gibt, spricht dafür, dass sie keine Zufallstreffer sind", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Wolf betreut den deutschen Wortschatz in der LIWC-Software.

"Wir können die Befindlichkeit von Menschen beobachten"

Der Psychologe räumte ein, dass das bloße Zählen von Emotionswörtern eine vergleichsweise grobe Methode ist, um die Stimmung der Textverfasser zu erkennen. Die Software mache auch keine Unterschiede zwischen einem starken Gefühl wie Hass und einem schwächeren wie Abneigung. Beide Begriffe würden als je ein negatives Wort gewertet.

Trotzdem glaubt Wolf an den Erfolg der Methode: "Wir können damit die Befindlichkeit von Menschen beobachten - und sie können das nicht verhindern." Denn die Wortwahl in einem spontanen Gespräch sei kaum manipulierbar.

Psychologen wollen die Wortanalyse auch zum Identifizieren von Depressionen nutzen: "Es gibt Hinweise, dass depressive Menschen eine spezielle Wortwahl haben", sagt Wolf. Ähnliche Muster habe man jedoch auch bei Personen gefunden, die unter Schmerzen litten.

Ein gängiges Klischee konnte die Tweet-Analyse nicht bestätigen: Golder und Macy wollten nämlich auch wissen, ob sich der Winter-Blues auch in den Kurznachrichten manifestiert. Doch es zeigte sich, dass die gute Laune generell nicht von der Länge des Tages abhängt.

Das könnte aber, um das nächste Klischee zu bemühen, auch daran liegen, dass mancher Hardcore-Twitterer eher selten vor die Tür geht und deshalb gar nicht mitbekommt, dass es schon wieder früher dunkel wird.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. kein Kunststück
janne2109 29.09.2011
is ja auch kein Kunststück, am Tage arbeiten die meisten menschen und Abends ist das Facebook schreiben und twittern der Ersatz für Kommunikation face to face und das ist das eigentlich traurige daran. Wirkliche Kommunikation bleibt auf der Strecke.
2. Unglaublich
LustigerLumpi 29.09.2011
Zitat von sysopWas verrät die Wortwahl bei Twitter über die Laune des Verfassers? Sehr viel, sagen US-Wissenschaftler. Sie haben Millionen Tweets ausgewertet und festgestellt, wann die Nutzer in Hochstimmung sind - und wann man sie besser nicht anspricht. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,788448,00.html
ja wahnsinn, Feierabend gehts den Mensch am besten Captain Obvious strikes again... und warum es den Mensch auf arbeit schlecht geht können die schlauen Eierköpfe net sagen... hmm wohl weil wenn man Zeit für "wichtige Nachrichten" bei Twitter hat, kann auf Arbeit ja nicht so viel los sein und gelangweilte gute Laune Menschen sieht man eher selten... Problem gelöst. Dank Twitter verblöden die Menschen immer mehr.
3. Gut
caecilia_metella 30.09.2011
Wenn man nun noch bedenkt, dass man im Internet vieles kann, zum Beispiel spinnen, dann kann man im Internet sowohl die Spatzen zwitschern hören als auch die Engel singen. Science: englisch für Wissenschaft. http://de.clipdealer.com/audio/media/63009 http://www.youtube.com/watch?v=yOeZsNBNydo
4. Von den 500.000.000 Tweets...
sappelkopp 30.09.2011
...waren sicherlich 450.000.000 Tweets vom Kaliber: "Sitze im Champs und habe ein kühles Bier vor mir. Das Leben ist schön!" Zum Glück bin auch ich über das Twittern hinaus.
5. Müdes getwitter
gambio 30.09.2011
Zitat von sysopWas verrät die Wortwahl bei Twitter über die Laune des Verfassers? Sehr viel, sagen US-Wissenschaftler. Sie haben Millionen Tweets ausgewertet und festgestellt, wann die Nutzer in Hochstimmung sind - und wann man sie besser nicht anspricht. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,788448,00.html
Yahoo Research zufolge sorgen für die Hälfte der Inhalte gerade einmal 20.000 User oder lediglich 0,05 Prozent aller Twitter-Nutzer.Insofern ..ziemlich überflüssig dieses Twitter.
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