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Twine-Games Abenteuer aus Text


Für Gamer, die gerne lesen, und Leser mit Spieltrieb: Mit Twine kann jeder interaktive Geschichten erstellen. Die besten Twine-Spiele und Praxistipps für den Einstieg.

Zugegeben, bei Twine-Games gibt es keine opulente Grafik, und die Erzählungen sind einfacher gestrickt als in vielen anderen Spielen. Twine spielt deshalb auf den ersten Blick nicht in der Spiele-Oberklasse mit - und doch haben die textbasierten Spiele ihren ganz eigenen Reiz.

Wenn man ein millionenfach verkauftes, teuer entwickeltes Spiel wie "GTA" mit einem schicken Hochglanzmagazin vergleicht, dann ist ein Twine-Game in dieser Logik ein schwarz-weiße Fanzine, das amateurhaft mit Schere, Klebstift und Kopiergerät gelayoutet wurden. Twine-Games sind Abenteuer aus Text, der Spieler hangelt sich quasi an einem Erzählsträngen entlang durch das Spiel.

Und nicht nur die ästhetischen Ansprüche sind völlig verschieden. Auch die Haltung spielt eine wichtige Rolle. Twine-Games stehen für eine "Do it yourself"-Philosophie. Jeder soll ein Game-Entwickler sein können und Twine soll das Werkzeug dazu sein. In näherer Zukunft wird zwar wohl kein Literatur-Nobelpreis an einen Twine-Roman vergeben. Doch diese drei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich und originell Autoren und Autorinnen Twine nutzen und ein textbasiertes Spiel geschaffen haben, das wirklich fesselnd ist:

1. "Cat Petting Simulator"

Um zu zeigen, dass es durchaus Anschlussmöglichkeiten an den Mainstream gibt, sei hier zuerst der "Cat Petting Simulator" genannt. Die Ausganssituation: Eine Vertreterin des liebsten Haustiers des Internets liegt auf dem Sofa und leckt sich die Pfote. Man kann sie streicheln. Dabei gibt es sehr viel mehr unerwartete Wendungen, als man aufgrund des banalen Themas zunächst glauben könnte. Man kann sogar den Ehrgeiz entwickeln, der beste Katzenstreichler zu werden, denn ganz klassisch wird am Ende der Highscore präsentiert.

2. "Depression Quest" von Zoë Quinn

Es gibt jedoch auch ernstere Twine-Games. Zum Beispiel Zoë Quinns "Depression Quest", das wohl bekanntestes Twine-Spiel. Ein sehr lautstarker Teil der Gaming-Szene erklärte es zum Skandal. Quinn stand im Zentrum frauenfeindlicher Anschuldigungen der "Gamergate"-Bewegung - unter anderem wurde ihr vorgeworfen, sie habe mit einem Journalisten geschlafen, damit dieser "Depression Quest" besser bewertet. Die Behauptung war zwar nicht haltbar, den Online-Mob kümmerte das jedoch nicht. Dessen hässliche Reaktionen als "Shitstorm" zu bezeichnen, wäre verharmlosend.

Aufgrund dieses Zusammenhangs kann man heute nicht mehr über "Depression Quest" reden, ohne auch von "Gamergate" zu sprechen. Ohne weiter ins Detail zu gehen und allen Kontroversen zum Trotz: Das Spiel ist sehr gut. Seine Autorin schildert darin eindrücklich und aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, depressiv zu sein. Man muss sich darauf einlassen können und darf keinesfalls erwarten, bespaßt zu werden. Dann aber wird "Depression Quest" zu einem Erlebnis, das einen womöglich anders über Depressionen denken lässt.

3. "The Uncle Who Works For Nintendo"

Auch dieses Spiel trägt einen dem ersten Eindruck nach selbsterklärenden Titel:"The Uncle Who Works For Nintendo". Wer in den Achtziger- und Neunzigerjahren jung war, hatte vielleicht tatsächlich einen Freund, der mit der Geschichte eines bei Nintendo beschäftigten Onkels angeben wollte. Das Spiel lässt einen nun bei einem solchen Freund übernachten. Es beginnt unschuldig und entwickelt sich zu einem Horrorspiel, das intelligent mit den Grenzen von Twine experimentiert.

Durch blindes Ausprobieren lassen sich viele Funktionen erschließen

Diese Beispiele zeigen, was mit Twine möglich ist. Wer das Tool das erste mal ausprobiert, wird etwas einfacher anfangen wollen. Warum nicht etwa einem guten Freund zum Geburtstag eine kurze interaktive Twine-Geschichte schenken, in der er der Superheld ist? Auf Ideen muss jeder selbst kommen.

Unsere Bilderstrecke erklärt Ihnen die ersten Schritte auf Twine. Fortgeschrittene finden in Videotutorials, einem Wiki und dem Twine-Subreddit Rat, sofern sie Englisch beherrschen. Auf Deutsch gibt es noch wenig, das sollte aber niemanden abschrecken. Twine basiert auf der Tiddly-Wiki Software und ist genauso einfach zu bedienen - auch durch blindes Ausprobieren, lassen sich viele Funktionen erschließen.

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