Follower-Kauf bei Twitter: Von 0 auf 16.000 und zurück

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Wie gewinnt man im Social Web schnell Fans? Man kauft sie. Mit dem Twitter-Account Club-Molke haben wir es ausprobiert: Wir bezahlten für 5000 Follower, bekamen sogar 16.000, für einen Spottpreis. Die meisten waren schnell wieder weg - bis auf einen treuen Fan aus der FDP.

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Twitter-Channel von Club-Molke: Nicht einmal 200 Follower sind uns geblieben

Die CDU soll es getan haben, Mitt Romney soll es getan haben, dann kann das so schwer doch nicht sein. Dann können wir das auch. Endlich mal ein paar Twitter-Follower kaufen, endlich dazugehören zum Kreis der Wichtigen.

Aber unter wissenschaftlichen Bedingungen! Zunächst brauchen wir dazu einen neuen Account, und zwar einen, der so abseitig ist, dass niemand auf die Idee käme, ihm freiwillig zu folgen. Wir entscheiden uns für ein fiktives Getränk, das sicher niemand trinken würde: Club-Molke. Der Mix aus Hackerbrause und Milchprodukt klingt so abstoßend, dass wir sicher sind: Tweets zu diesem Thema werden niemanden interessieren.

Beim Anlegen des Kontos müssen wir ein paar Twitterern selbst folgen, wir akzeptieren willkürlich, was uns angeboten wird. Und kommen auf diese Weise zu unserem ersten Follower: dem FDP-Politiker Frank Schäffler. Mag der etwa Club-Molke? Bestimmt nicht, er folgt uns wohl nur, weil wir ihm versehentlich folgen.

Niemand fragt, von wem der Account betrieben wird

Als nächstes kaufen wir uns eine Gefolgschaft zusammen, bei einer zufällig gewählten Firma, die Facebook-Freunde und Likes, aber auch Twitter-Follower anbietet, marktfrisch und in hoher Stückzahl. Wir möchten 5000, das kostet nicht einmal zehn Euro. Wir sollen angeben, wohin die Lieferung gehen soll und geben ein: twitter.com/clubmolke. Ob das unser eigener Account ist, fragt uns niemand; allerdings steht in den Geschäftsbedingungen, der Käufer hafte, Missbrauch werde geahndet.

Der erste Tag vergeht. Nichts. Frank Schäffler bleibt unser einziger Getreuer. Auch am zweiten Tag tut sich nichts. Müssen wir womöglich etwas twittern, damit es klappt? Aber so, dass uns jetzt niemand versehentlich folgt. "Alle Gewalt geht von Molke aus" schreiben wir, oder "Ab morgen gibt es hier Molklore". Wieder nichts.

Aber dann - nach drei Tagen: plötzlich 16.000 Follower, sogar ein paar mehr. Mehr als dreimal so viele wie bestellt. Wir wagen einen ersten Blick, wer sich da zu Frank Schäffler gesellt hat. Ein paar bunte Eier sind dabei, also Konten ohne Profilbild, die Mehrheit aber hat ein Foto und eine Beschreibung. Die meisten sind auf Englisch, ein paar spanische machen wir aus, ab und an auch kyrillische Schrift. Tweets auf Deutsch würde hier wohl kaum jemand verstehen.

Nur ein Prozent "gute" Follower

Auf den zweiten Blick erscheinen die Selbstbeschreibungen seltsam: Da stehen statt Biografischem wahllose Sprüche, viele der Nutzer wünschen uns einen guten Start ins Jahr 2011. Sie heißen Guay Kern, Gauthier Maine, Strickler Souza oder Tiago Dione, unter ihren Profilen steht "Ich stampfe mit den Füßen, weil ich fröhlich bin" oder "Ich halte es für gefährlich, Metallgegenstände bei Kälte zu benutzen".

Wir befragen einen Dienst namens FakeFollowerCheck. Dort soll man prüfen können, wie viele der eigenen Follower Fälschungen oder inaktiv sind. Achtung: Der Dienst will dafür zunächst die Login-Daten für den eigenen Twitter-Account haben, danach allerdings kann man auch die Gefolgschaft anderer Twitterer prüfen lassen. Nach Angaben des Betreibers StatusPeople prüft der FakeFollowerCheck eine Stichprobe, "bis zu 1000 Accounts".

Der Algorithmus sucht nach typischen Auffälligkeiten, beispielsweise nach Accounts, die vielen anderen folgen, aber sehr wenige eigene Tweets und wenige Follower aufweisen. Natürlich kann so eine Prüfung nur sehr grob sein: Auch ein Account, der nur zum Mitlesen von Tweets angelegt wurde, würde für den FollowerCheck wie ein Spam-Account aussehen.

Wir testen zunächst unsere privaten Profile, deren Follower wir uns mühsam selbst zusammengetwittert haben. Das Ergebnis können wir nicht unabhängig überprüfen, es scheint aber plausibel: Meist sollen weniger als zehn Prozent falsche Fuffziger dabei sein, circa 20 Prozent gelten als inaktiv, die Mehrheit aber ist okay.

Bei Club-Molke verhält es sich genau andersherum: 85 Prozent der Accounts sollen gefälscht sein, 14 Prozent inaktiv, nur ein Prozent gilt als "gut". Zur letzten Gruppe gehört wohl Frank Schäffler, der übrigens demnach auch nur zehn Prozent Fälschungen unter seinen Followern hat.

"Das Kaufen von Followern verstößt klar gegen unsere Policy"

Wir fragen nach, bei der Firma, die uns die Follower verkauft hat: Was hat es damit auf sich? Wer sind diese 16.000? "Es handelt sich um echte Follower, für eine Aktivität können wir allerdings nicht garantieren, auch nicht wie lange diese bei Ihnen bleiben", schreibt uns Marco Müller, Geschäftsführer der Firma Promokönig. Sicher seien auch "einige dabei, die kaum Tweets haben". Die gelieferten Follower seien "natürlich englischsprachig", das sei "zu diesem Preis auch gar nicht anders machbar". Bezahlt würden sie nicht: Unser Twitterchannel werde schlicht beworben, "auf großen Webseiten, Facebook-Gruppen oder durch Tweets."

Uns erscheint das nicht so recht plausibel. Weder eine Web- noch eine Facebook-Suche ergeben irgendwelche Treffer zum Thema Club-Molke; ein zweites Nachhaken beim Betreiber bleibt unbeantwortet. Man findet im Netz durchaus Skripte zum automatisierten Anlegen von Fake-Accounts, aber das ist natürlich verboten.

Twitter-Sprecher Dirk Hensen sagt uns: "Das Kaufen von Followern verstößt ganz klar gegen unsere Policy." Da Twitter-Accounts "ausschließlich organisch wachsen sollen", sperre Twitter alle Accounts, die versuchten, Follower zu kaufen oder zu verkaufen. Bei der Verfolgung unerwünschter Machenschaften griffen "sowohl manuelle als auch automatische Kontrollmechanismen".

Die bloße Zahl ist unberechenbar und fragil

Unauffällig ist unsere Schummelei nicht gerade: Zwar ist mittlerweile die einst 16.000-köpfige Fangemeinde von Club-Molke auf 11.000 geschrumpft, aber es sind immer noch mehr als doppelt so viele wie bestellt. "Wir senden immer mehr als bestellt, was auch in unseren AGBs vermerkt ist", schreibt Müller und gibt zu: "Twitter ist eben auch hinterher, unnatürlich geworbene Follower wieder zu entfernen, deshalb sorgen wir hier vor."

Wenn das immer gleich läuft - was kann eine fünfstellige Follower-Zahl überhaupt noch aussagen? "Gar nichts", sagt Müller, "80 Prozent der Twitteraccounts mit Tausenden Followern haben gekaufte Anteile".

Etwas Ähnliches hat kürzlich Twitter-Mitbegründer Evan Williams erklärt: Die Zahl der Fans sei kein guter Maßstab, selbst dann nicht, wenn man die Falschkonten herausfiltern könnte. Retweets wären da schon eine zuverlässigere Größe; noch besser wäre es, wenn man sehen könnte, wie viele Menschen die eigenen Tweets gesehen haben.

Schließlich passiert es: Von einem Tag auf den anderen sind die meisten unserer gekauften Follower verschwunden. Weniger als 200 sind uns geblieben, 91 Prozent davon Fakes, sagt zumindest ein letzter Test. Immerhin: Zwei Prozent "gute" sind dabei, vielleicht sind es Fans von Molke-Kalauern. Auch Frank Schäffler ist noch da.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. optional
Xangod 10.10.2012
Wie armselig ist das denn. Bestätigt nur wieder, daß Facebook und Twitter nur etwas für Wichtigtuer ist. Schlimmer noch als die Foren bei SpOn.
2.
mm71 10.10.2012
Zitat von sysopWie gewinnt man im Social Web schnell Fans? Man kauft sie. Mit dem Twitter-Account "Club-Molke" haben wir es ausprobiert: Wir bezahlten für 5000 Follower, bekamen sogar 16.000, für einen Spottpreis. Die meisten waren schnell wieder weg - bis auf einen treuen Fan aus der FDP. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/twitter-experiment-16-000-fake-follower-fuer-club-molke-a-859643.html
Wenn man sie dafür bezahlt, sind es wohl kaum "Fans".
3. optional
wobbitwz 10.10.2012
Macht das Experiment doch einmal anders herum und lasst euch kaufen! Ihr werdet euch wundern, wer euch alles kaufen will ;) Einen passenden Fake Account habt ihr dafür ja schon!
4. Brilliantes Geschäftsmodell
Stelzi 10.10.2012
Money for nothing and the tweets for free.
5. Online Währung generieren
peterfarge 10.10.2012
Bei manchen Browsergames kann man sich virtuelles Spielgeld mit Euros erkaufen... oder generieren indem man Aufgaben erledigt. Aufgaben sind zB Werbung ansehen, an einer Umfrage teilnehmen oder den Like Button für ein Produkt in Facebook zu drücken. Gut möglich das das jetzt auch auf Twitter Follower ausgeweitet wurde. zB: http://portal.battleon.com/store/offers.asp You can earn Artix Points (also called BattleOn Game Points) by participating in special advertisement offers. Most offers require you to sign up to a website, answer a survey, buy something, or sign up for a trial. If you are eligible and you complete the offer, your account will automatically get the Artix Points. For more info, please visit our Message Board Forum
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Twitter hat bislang kein Erlösmodell. Im Gespräch sind Werbung oder kostenpflichtige Twitter-Accounts für Unternehmen. Ende 2008 lehnte CEO Evan Williams ein Übernahmeangebot über 500 Millionen Dollar von Facebook ab. Akute Geldsorgen hat die Firma dennoch nicht - 55 Millionen US-Dollar Risikokapital hat das Unternehmen seit Gründung erhalten, zuletzt brachte eine Finanzierungsrunde noch einmal 35 Millionen US-Dollar.
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