Desinformation in sozialen Netzwerken Nachträgliche Transparenz ist zu wenig

Twitter hat zehn Millionen Tweets aus russischen und iranischen Trollfabriken veröffentlicht. Doch um staatlich gesteuerte Desinformationskampagnen zu bekämpfen, müssen die Betreiber sozialer Netzwerke früher handeln.

Logos von Facebook und Twitter
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Wer sich heute in sozialen Onlinenetzwerken bewegt, bekommt haufenweise professionell inszenierte und organisierte Inhalte vorgesetzt: Selbstdarstellungen von Influencern, von Social-Media-Redakteuren aufbereitete Medienberichte, auf individuelle Interessen abgestimmte Werbeanzeigen - und staatlich gesteuerte Desinformationskampagnen.

Die sind ein normaler Bestandteil von Facebook, Twitter, YouTube und anderen Plattformen geworden, weil sie perfekt zur Technik und zum Geschäftsmodell der Betreiber passen: Die Netzwerke tun alles, um die Aufmerksamkeit der Nutzer zu binden, ihre Interaktionen zu belohnen und sie für ihre Werbekunden in kleinste Zielgruppen aufzuteilen. Mit diesen Aufmerksamkeits- und Targeting-Mechanismen arbeiten auch die Organisatoren der Kampagnen. Deshalb sind ihre Fake-Accounts zum Teil kaum von legitimen Nutzern zu unterscheiden, deshalb ist die Aufdeckung von Desinformationskampagnen eine komplexe Aufgabe. Eine, für die selbst die großen US-Unternehmen externe Hilfe brauchen.

Transparenz kann peinliche Schwächen offenbaren

Insofern ist Twitters Veröffentlichung von zehn Millionen Tweets, die aus russischen und iranischen Trollfabriken stammen sollen, ein richtiger und wichtiger Schritt. Derartige Transparenz ist für ein börsennotiertes Unternehmen nicht ohne Risiko. Sie kann offenlegen, welche Schwächen es bei der Kontrolle über die eigene Plattform hat.

Aber nun können sich Forscher und Datenjournalisten in aller Welt über das Material hermachen und versuchen, zu verstehen, wie Desinformation abläuft, welche Ziele sie verfolgt und vielleicht auch, welchen Erfolg sie hat.

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Zu lernen und der Öffentlichkeit zu erklären gibt es da einiges: Wie sich die Akteure tarnen, um zwischen den normalen Nutzern möglichst lange unentdeckt zu bleiben und gleichzeitig ein möglichst großes Publikum aufzubauen, zum Beispiel. Oder wie sie im eigenen Land versuchen, eine politisch-ideologische Linie zu stärken, und im Ausland versuchen, Zwietracht zu säen, gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen, Wahlen zu beeinflussen und gewählte Politiker zu diskreditieren. Oder welche ihrer Botschaften es in andere Medien schaffen und welche medialen Inhalte sie in den sozialen Netzwerken für ihre Zwecke instrumentalisieren. Solche Erkenntnisse helfen im besten Fall allen Netzwerknutzern im (selbst-)kritischen Umgang mit den Plattformen.

Desinformation ist ein Feature, kein Bug

Allerdings entwickeln die Täter ihre Methoden seit Jahren ständig weiter, während die Betreiber der sozialen Netzwerke erst jetzt damit beginnen, Desinformationskampagnen als das zu behandeln, was sind: kein unschöner Nebeneffekt, sondern ein zentrales Nutzungsszenario. Ein Feature, kein Bug.

Der Öffentlichkeit zur rückblickenden Analyse zehn Millionen Tweets aus den Jahren 2013 bis 2018 vor die Füße zu kippen, reicht dafür aber nicht aus. Nachträgliche Transparenz ist zu wenig. Externe Forscher brauchen mehr und ständigen Zugang zu den Daten der Plattformbetreiber. Facebook etwa hat jetzt einen "War Room", in dem zwei Dutzend seiner Mitarbeiter in Echtzeit verdächtige Aktivitäten im Netzwerk erkennen und analysieren sollen. Auch das ist ein sinnvoller Schritt. Noch besser wäre es, wenn auch unabhängige Spezialisten dort arbeiten dürften.



insgesamt 44 Beiträge
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netrose 18.10.2018
1. Ich habe ein Problem damit
denn eine andere Meinung zu haben ist durchaus legitim. Auch wenn man aus dem Iran oder aus Russland stammt. So war wenigstens meine Meinung dazu. Wenn aber eine andere Meinung aus diesen Ländern gleich Trollfabrik ist, dann ist das für mich eine Form von Rassismus. Und ganz ehrlich - natürlich "trollen" westliche "Trollfabriken" auch Russland und den Iran. Ich persönlich würde das ganz entspannt sehen. Vor dem Internet gab es die "Feindsender" oder die "Freiheitssender". Was ich persönlich faszinierend finde ist die Macht, die man sozialen Medien zuschreibt. Vor 10 Jahren hat man sie ignoriert und heute wird ein Shitstorm von wenigen auf Twitter ernstgenommen. Nichts von dem ist real. Und wenn Cambridge analytica und die Social Mediakampagne laut Analysten so keinen Einfluss auf die Meinung und die Wahlen hatte, dann machen ein paar wenige russische, iranische oder andere Accounts so gar nichts aus. Oder man muss halt mit gleichen Maßstäben messen.
Outdated 18.10.2018
2. #1
sie müssen dringend nachlesen was Rassismus ist, sie haben offensichtlich keine Ahnung. Beim Rassismus geht es darum das Rassen Eigenschaften zugeschrieben werden die unverrückbar Biologisch bedingt sein sollen. Natürlich ist mir in Wirklichkeit klar warum sie das Wort so gebrauchen, es soll die Wahrnehmung der Person die hier von russischen Trollfabriken spricht, möglichst negativ färben und in Erklärungsnot bringen. Das ganze wird schön durch ein "die anderen machens ja auch und das ist alles das gleiche.." abgerundet. Ihr Beitrag könnte auch hervorragend als "what aboutism" oder eben Trollen beschrieben werden. Was beweisst das auch deutsche Trollen können. hurrah! Ihr relvenater Punkt, den ich ihnen aber gerne zugestehe ist der: Eine Reihe von Studien hat gezeigt das die neuen Medien selbst unter den jungen Menschen nur eine kleine Minderheit erreichen.
DieButter 18.10.2018
3.
Für mich handelt es sich dabei um nichts anderes, als Zensur von Meinungen, die anders sind, als die eigene. Systeme, die nur die eigene Meinung zulassen wollen und allen anderen den Mund verbieten wollen, sind eigentlich immer Diktaturen. Solche Systeme zu bekämpfen ist jedem Bürger dieses Landes per Grundgesetz gestattet, siehe Art. 20 IV. GG.
normalversiffter 18.10.2018
4. Es geschieht zu wenig
Twitter macht zumindest ein wenig, aber noch zu wenig. Facebook scheut sich ganz offensichtlich, etwas zu tun. Da sich der Wert der Social Media Companies nur anhand der Anzahl der aktiven User bemisst und der damit vermuteten Werbewirksamkeit, ist jeder (Human) Bot erst naiven aktives Moment, dass den Preis für Werbung steigert. Deshalb hilft es nur, wenn konkrete Gesetzesvorgaben dazu zwingen, etwas zu tun. Denn es ist ohne weiteres möglich, die Bots zu erkennen, sie zur Sicherheit automatisiert gegen zu checken und dann zu sperren. (Ich selbst bin IT-Spezialist für ML & KI). Es liegt also nicht an den fehlenden Möglichkeiten, sondern an der nötigen Motivation. Wobei FB, T & Co. inzwischen merken, dass ihre aktiven User, die für die nötigen Views & Visits Sorgen, zurückgehen. Wenn wunderst, wenn jeder Mensch von der Flut von stupiden Bashing vertrieben wird. Auch ohne tiefe technischen Kenntnisse merkt jeder, dass - insbesondere die rechtslastigen überbordenden - Hass und Hetz-Posts gezielt gestreut werden.
normalversiffter 18.10.2018
5. Hass, Hetze und Lügen sind keine Meinung
Es ist interessant, wie auch hier und in anderen Medien von Kommentatoren versucht wird zu suggerieren, anderer Meinungen unterdrückt werden. Wenn dem so ist, warum werden dann die Posts der Kommentatoren, die das - ohne jegliche stichhaltigen Beweise - behaupten, veröffentlicht? Wenn sich jeder zumindest an den 1. Artikel des Grundgesetzes halten würde und zudem bei angeblichen Fakten diese mit nachvollziehbaren und fundierten seriösen Quellen unterstreichen würde, dann bräuchte es gar keine Regelungen. Doch populistisches Agieren kommt - aktuell besonders stark aus der rechte Ecke - mit versuchten Diffamierungen, Herabwürdigungen sowie mit Verzerrungen, Auslassunben bis hin zu Lügen daher. Oben drauf wird von den (rechts-)populistischen Manipulatoren dann noch verlogen behauptet, sie seien die Opfer. Nein, diese Realitätsverfälscher sind Täter, deren antidemokratische und grundgesetzangreifenden Aktionen gehindert werden müssen, damit Deutschland, Europa und die gesamte Bevölkerung keinen Schaden.nehmen.
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